Brasilien

Schwarze Diamanten voller Rätsel

Mosers Biografie ist ein Glücksfall. Foto: Schöffling & Co

Es fängt mit dem Blick von Clarice Lispector an: kalt, aber nicht grausam, durchdringend und doch beiläufig. Ihre Bücher sind schwarze Diamanten voller Rätsel, und sie selbst war auch einer, so der Mythos. Der Schöffling-Verlag bietet mit dem Beginn einer Werkausgabe und einer Biografie nun die Möglichkeit, sich in diesem Mythos zu verlieren. Ja, sie war eine Sphinx, so Lispectors Biograf Benjamin Moser. »Mein Geheimnis ist, dass ich keines habe«, sagte die Schriftstellerin selbst über sich. Fast niemand wusste wirklich, wer oder was sie ist.

Tatsächlich wurde sie als Chaya Lispector geboren, im ukrainischen Schtetl Tschetschelnyk. Das war 1920, ein Jahr nach den großen Pogromen. Ihr Vater beschließt, mit seinen drei Töchtern und seiner Frau auszuwandern. Über Rumänien und Hamburg kommen die Lispectors nach Brasilien. Chaja ist ein Jahr alt, als sie plötzlich Clarice heißt. Die Familie lebt erst in Recife, dann in Rio de Janeiro. Als Clarice neun ist, stirbt ihre Mutter, die während der Pogrome vergewaltigt wurde. Mit 13 beschließt sie, Schriftstellerin zu werden. Als sie 20 Jahre alt ist, stirbt auch ihr Vater.

Kindheit Über all das hat Lispector 1943 in ihrem ersten Roman Nahe dem wilden Herzen geschrieben – und dann auch wieder nicht. Sie dringt in den Kopf ihrer Protagonistin Joana ein, die nach frühen Verlusten der Welt abhandengekommen ist. Kapitel über ihre Kindheit wechseln sich ab mit Kapiteln über ihre Ehe mit dem leisen Otavio. Dafür hakt sie sich bei den Bewusstseinsströmlern unter. Doch die Stimme, die dahinter leuchtet, gehört eindeutig ihr.

Joana ist entfremdet, verlassen, einsam sogar. Alles Klischeebegriffe (gerade der jüngeren deutschen Literatur), die erst bei Lispector wieder Bedeutung erhalten. Sie erzeugt das Gefühl der befreienden Einsamkeit – nicht im verschneiten Wald oder auf einer Bergspitze, sondern als Gesicht in der grauen Masse, das in die Welt blickt und die Dinge genau betrachtet.

Vor dieser Einsamkeit steht ein Bruch. Auf der Suche nach ihm beschreibt Lispector den Verlust der Eltern und der Kindheit, ohne ihn als Ursache für die späteren Gefühle zu verzerren. Joana, so scheint es, ist einfach mit dieser beobachtenden Einsamkeit ins Leben geworfen worden.

einsamkeit Der Titel bezieht sich auf eine Stelle aus James Joyces Porträt des Künstlers als junger Mann, die Lispectors Buch vorangestellt ist: »Er war allein. Er war verlassen, glücklich, nahe dem wilden Herzen des Lebens.« Das ist die Quelle der Beklemmung, die von diesem Roman ausgeht: Lispector entwirft die Ethik einer reinen Einsamkeit, die trotzdem keineswegs ein Gefängnis ist.

Der Lüster, ihr zweiter Roman von 1946, ist konzentrierter, runder, tiefer. Wieder blickt Lispector in eine Kindheit. Die junge Virginia hat mit ihrem Bruder Daniel die »Gesellschaft der Schatten« gegründet. Ihr Geheimbund steht unter den Vorzeichen »Einsamkeit« und »Wahrheit« – also genau die Begriffe, die schon Joanas Innenleben geprägt haben.

Während Joana bereits frei in der Entfremdung ist, muss Virginia diesen Schritt erst noch tun. Dafür ordnet sie sich ihrem Bruder brutal unter – Biograf Moser betont den unbekannten und verbotenen Genuss, den sie dabei empfindet. Möchte Lispector die Wurzeln einer Lust am Leid zeigen? Diese grausame Konditionierung zur »Freiheit in der Einsamkeit« stellt auch ihren ersten Roman infrage. Hat das Entfremdungslabyrinth einen Ausgang – und möchten die Menschen ihn finden?

schock Nicht nur wegen solcher Fragen hat Lispector einen Schock ausgelöst, schreibt Moser. Da war ihre Erscheinung – Marlene Dietrich, Femme fatale. Da waren die Gerüchte – Lispector sei sowieso ein Künstlername, und zwar eines Mannes, oder wenigstens einer Katholikin, die lesbisch sei. Lispector selbst sah sich immer vor allen Dingen als Brasilianerin.

Sie hat sich nie taufen lassen und wurde nach ihrem Krebstod im Alter von 56 Jahren auf einem jüdischen Friedhof beerdigt – das ist es aber auch. Im Werk selbst gibt es nur sehr selten explizite jüdische Bezüge. Moser will aber, etwas sehr bemüht, Lispectors Verwandtschaft zur jüdischen Mystik erkennen.

Von solchen Aussetzern abgesehen ist Mosers Biografie ein Glücksfall. Das Problem, sich einer solchen Unnahbaren zu nähern, ohne sie zu verklären oder einzusperren, löst er, indem er Mythos und Mensch ernst nimmt. Recherche und Urteil sind ausbalanciert, trotzdem spricht er stets nur von »Clarice«.

Das Bemühen von Schöffling & Co um ihr Werk ist ebenfalls außerordentlich erfreulich. Die Übersetzung von Nahe dem wilden Herzen wurde überarbeitet, Der Lüster erscheint zum ersten Mal auf Deutsch. Der Rest war bislang vergriffen, jetzt sollen Neuausgaben folgen. Zum Glück: Lispector und ihr Blick bleiben unendlich faszinierend.

Clarice Lispector: »Nahe dem wilden Herzen«. Roman. Aus dem Portugiesischen von Ray-Güde Mertin und Corinna Santa Cruz. Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2013, 320 Seiten, 19,95 €

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