Wuligers Woche

Schon wieder keine Apokalypse

Foto: Getty Images/iStockphoto

Wuligers Woche

Schon wieder keine Apokalypse

Warum unser Kolumnist vor dem angeblich bevorstehenden Dritten Weltkrieg keine Angst hat

von Michael Wuliger  08.01.2020 23:40 Uhr

Mein erster bevorstehender Dritter Weltkrieg war 1962 die Kubakrise. Ich war damals elf Jahre alt und erinnere mich noch, dass zu Hause große Mengen an Nudeln und Dosenfleisch für den Ernstfall gehortet wurden. Nachdem die Apokalypse abgesagt wurde, mussten die Vorräte verbraucht werden, und es gab monatelang jeden zweiten Tag Nudeln mit Dosenfleisch zum Essen. Seither sind mir Dritte Weltkriege verleidet.

Auch in den 70ern drohte der Dritte Weltkrieg wieder. Bei jeder Eskalation des Vietnamkriegs orakelten die Zeitungen, dass jetzt die Sowjetunion und/oder China eingreifen würden, mit unvorhersehbaren Konsequenzen. Das bekam ich allerdings nur am Rande mit, weil ich zu der Zeit Student und häufig bekifft war, was bekanntlich zur Gelassenheit beiträgt. Außerdem war ich damit beschäftigt, Kommilitoninnen, sagen wir mal, näher kennenzulernen, und hatte deshalb wenig Zeit, mich um die prekäre Weltlage zu sorgen.

nachrüstungsdebatte Dann war eine Weile Ruhe bis zur Nachrüstungsdebatte Anfang der 80er-Jahre, bei der natürlich auch der Dritte Weltkrieg vor der Tür stand, übrigens der erste, an dem die Juden schuld waren. Die Zeitschrift »Psychologie Heute« schrieb damals, dass Deutschland als Rache für den Holocaust vernichtet werden solle, was schon dadurch bewiesen war, dass der damalige US-Verteidigungsminister Weinberger hieß. Finis Germaniae fand dann doch nicht statt; stattdessen kam die Wiedervereinigung, und anstelle von Millionen Atombombenopfern gab es nur »Wind of Change« von den Scorpions.

Die Juden – oder jedenfalls die Israelis – zogen in den Augen mancher auch die Fäden bei den Golfkriegen der amerikanischen Präsidenten Bush senior und junior in den Jahren 1991 und 2003.

Die Juden – oder jedenfalls die Israelis – zogen in den Augen mancher auch die Fäden bei den Golfkriegen der amerikanischen Präsidenten Bush senior und junior in den Jahren 1991 und 2003. Die deutsche Friedensbewegung mobilisierte wieder mal Demonstrationen gegen den drohenden Beginn des Dritten Weltkriegs. Und bei der Deutschen Welle, wo ich damals arbeitete, kam irgendwer 1991 auf die Idee, Tag und Nacht zu jeder vollen Stunde nach den Nachrichten 15-minütige Sondersendungen zu fahren, die nach wenigen Tagen jedoch daran scheiterten, dass nicht nur kein Dritter Weltkrieg kam, sondern es nicht einmal genug Berichtenswertes gab, um die Viertelstunde zu füllen.

hashtag Und jetzt trendet in den sozialen Medien der Hashtag WWIII, nachdem die Amerikaner den Chef der iranischen Al-Quds-Brigaden, General Qassem Soleimani, mit einer ferngelenkten Drohne liquidiert haben. Glaubt man manchen Postings und Tweets, geschah auch das natürlich im Auftrag, mindestens mithilfe der Israelis.

Das muss wohl die Nachwirkung von Günter Grass’ berühmtem Gedicht von 2012 sein, in dem der deutsche Nationalschriftsteller raunte, Israel wolle »das iranische Volk auslöschen« und »gefährde(t) den ohnehin brüchigen Weltfrieden«. Ich glaube trotzdem nicht, dass es diesmal mit dem Dritten Weltkrieg klappt. Wobei ich mir natürlich nicht völlig sicher bin. Vielleicht kommt im fünften Anlauf tatsächlich die Apokalypse. Dosenfleisch und Nudeln kaufe ich dennoch nicht.

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