Sacha Baron Cohen

Schluss mit lustig

»Schieß auf den Kopf und die Schultern!«: Sacha Baron Cohen (r.) alias Oberst Erran Morad mit dem US-Waffenlobbyisten Philip Van Cleave Foto: Screenshot JA

Ach, wunderbare Satire! Immer wieder hältst du uns genüsslich den Spiegel vor, auf dass wir unsere Dummheit und Bigotterie erkennen und unsere Haltung doch überdenken mögen. Einer, der das im neuen Jahrtausend mit besonderem Nachdruck zu tun vermochte, war der britische Komiker Sacha Baron Cohen.

Unglaublich, aber wahr: Seine Rollen als »Borat« und »Brüno« liegen bereits zwölf und neun Jahre zurück. Mit Who is America?, einer siebenteiligen Serie, die in Deutschland bei Sky Atlantic zu sehen ist, geht es endlich weiter.

Natürlich ist es auch diesmal höchstes Fremdschäm‐Vergnügen, wenn Baron Cohen mal wieder ego‐getriebene Menschen dazu bringt, die unglaublichsten Dinge zu sagen, weil sie meinen, dass es reicht, vom Teleprompter abzulesen, oder weil man sie einfach reden lässt.

US‐Politiker Aus tiefster Seele steigt das ungläubige Lachen der Empörung auf, wenn der amtierende republikanische Kongressabgeordnete Joe Wilson aus South Carolina vor laufender Kamera fordert, dass Kleinkinder bewaffnet werden müssen, schließlich könne ein »Dreijähriger sich nicht gegen einen Sturmgewehr‐Angriff wehren, indem er mit einem Hello‐Kitty‐Mäppchen danach wirft«. Genau! »Wie bitte?!«

Trotzdem hat Baron Cohens bewährtes Spiel diesmal ein kleines Problem. Das liegt nicht nur daran, dass er sich am ehemaligen Fast‐Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, Bernie Sanders, die Zähne ausbeißt, den er als Steve‐Bannon‐Verschnitt, inklusive Alternative‐Fakten‐Website Truthbrary.org, mit Obamacare aus der Reserve zu locken versucht.

Es ist auch nicht das unverschämt reiche Trump‐Verehrer‐Paar, das fast Sympathie weckt, wenn es die überdrehten Ultra‐Political‐Correctness‐Fantasien eines gewissen Dr. Nira Cain-N’Degeocello am üppigen Abendbrottisch erträgt. Aber nur fast. Und ins bewährte Sacha‐Baron‐Cohen‐Konzept passt auch die viel zu freundliche Galeriebesitzerin in Los Angeles, die der Kunst eines gerade entlassenen Ex‐Häftlings eine Chance geben will und nicht einmal mit der Wimper zuckt, wenn er ihr mit Kot und Ejakulat gemalte Porträts unter die Nase hält.

Im letzten Teil der ersten Episode fängt Baron Cohens Spiel sogar wieder richtig an zu funkeln, wenn er als ruppiger und wenig zimperlicher Oberst Erran Morad, Antiterror‐Experte aus Israel, Vertreter der amerikanischen Waffenlobby trifft, die entsetzlich wenig Ansporn brauchen, um ihre Begeisterung für das gute Geschäft mit dem Tod vor laufender Kamera völlig von der Leine zu lassen.

schusswaffen Der eingangs erwähnte Abgeordnete Wilson mit dem Hello‐Kitty‐Mäppchen ist verglichen mit Larry Pratt, ehemals Abgeordneter für Virginia, und Philip Van Cleave von der Virginia Citizens Defense League fast ein kleines Licht im Kabinett des Schreckens. Nach einem Vergewaltigungswitz von Morad bricht Pratt in wildes Lachen aus, und das Programm zur Bewaffnung von Kleinkindern findet er »eine großartige Idee«, schließlich seien sie dafür bestens geeignet, weil »unkorrumpiert von Fake News und Homosexualität«.

Van Cleave entblödet sich auch nicht, in Morads Werbevideo für kinderfreundliche, in Plüschtiere verpackte Waffen aufzutreten und fröhlich zu trällern: »Schieß auf den Kopf und die Schultern, nicht auf die Füße!« »Feuer!« brüllt Morad. Und der ehemalige Kongressabgeordnete für Illinois, Joe Walsh, wünscht: »Fröhliches Schießen, Kinder!«

Auch der zu erwartende Widerspruch der von Baron Cohen Entblößten nach Bekanntwerden des wahren Grundes für ihre Auftritte ist kein Problem. Der Schaden ist angerichtet. Vor allem Sarah Palin, ehemalige Gouverneurin von Alaska, pöbelt bereits auf allen Kanälen. Und was wohl Ex‐Vizepräsident Dick Cheney sagen wird, den Baron Cohen erfolgreich um ein Autogramm auf seinem Waterboarding‐Set gebeten hat?

trump Nein, das Problem von Who is America? ist – bei aller Grandiosität von Baron Cohens Verwandlungskunst –, wenn es denn so weitergeht, wie die ersten Episoden vermuten lassen, das Timing. Die USA sind nicht mehr das Land von Borat und Brüno. Haarsträubende Vorurteile, der Bruch der sozialen Normen, die Grenzüberschreitung als Normalzustand, all das, was Baron Cohens Kreaturen so unwiderstehlich machte, hat in unserer Zeit die Aufreger‐Qualität verloren.

Baron Cohen kommt zu spät, wenn der amtierende US‐Präsident das Unsagbare tagtäglich sagt oder tweetet. Borat hat mit der Trumpisierung der Vereinigten Staaten gedroht, nun ist sie da.

Politische Satire funktioniert am besten in Demokratien, wo die Menschen sich ihrer Grundwerte sicher sind. Wenn der Tabubruch zur Routine wird und extreme Ansichten in den Mainstream sickern, wenn die Monstrosität zur Realität geworden ist, dann sehen die Borat’schen Überzeichnungen alt aus.

rücktritt Aber Baron Cohen hat ja noch ein paar Episoden Zeit, um uns eines Besseren zu belehren. Ein hoffnungsvolles Zeichen: In der zweiten Episode seiner Show führte Baron Cohen den republikanischen US‐Abgeordneten Jason Spencer so peinlich vor, dass dieser nun zurücktreten musste.

Baron Cohen alias Erran Morad brachte den Politiker unter anderem dazu, sich mit nacktem Po in einem Rollenspiel vor laufender Kamera als Homosexueller auszugeben und dabei das N‐Wort zu schreien, um einen islamistischen Anschlag zu verhindern.

Die Schmerzgrenze und der Anstand der Öffentlichkeit ist anscheinend noch nicht ganz bei null angekommen. In der Unterhaltung wie im richtigen Leben stirbt die Hoffnung bekanntlich zuletzt.

»Who is America« läuft bis zum 28. August jeden Dienstag um 20.15 Uhr auf Sky Atlantic.

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