Fasching

Schluss mit lustig

Willi Ostermann und Hans David Tobar (hintere Reihe, 5.v.r.) bei einem Gastspiel rheinischer Künstler und Karnevalisten auf der Insel Norderney in den 20er-Jahren Foto: NS-Dok Zentrum

Kölle Alaaf. Beim Karneval am Rhein wird gerne über die Mächtigen hergezogen. Genauso freudig spottet man aber auch über Sinti und Roma, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger und Migranten. Ist ja nur witzig gemeint.

Diese Haltung hat Tradition. 1934 winkten die Jecken im Schatten des Doms einem Mottowagen des Rosenmontagszugs zu, auf dem Karnevalisten, als Juden mit Pejes, Bart und Kaftan kostümiert, »gen Jaffa« auswanderten. »Die letzten ziehen ab«, stand auf dem Plakat. Zwei Jahre später schunkelten sich die Zuschauer mit dem Refrain eines Karnevalsliedes in Stimmung: »Hurra, mer wäde die Jüdde los, die janze koschere Band trick nohm jelobte Land, mir laachen uns for Freud kapott, der Itzig und die Sara trecken fott!« (Hurra, wir werden die Juden los, die ganze koschere Band’ zieht ins gelobte Land, wir lachen uns vor Freude kaputt, der Itzig und die Sara ziehen weg!)

Unperson Für jüdische Karnevalisten wie Hans Tobar war zu diesem Zeitpunkt schon lange Schluss mit lustig. Kaum waren die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht gekommen, wurde der »kölsche Jung« Tobar, mit seinen humoristischen Gesangseinlagen und Büttenreden bis dahin einer der Großen des Kölner Festkarnevals, zur Unperson.

Wie andere »nicht-arische« Karnevalisten wurde er zu offiziellen Auftritten bei den verschiedenen Karnevalsgesellschaften nicht mehr eingeladen, weil man sich dort neben dem »Alaaf« sehr schnell auch mit »Heil Hitler« begrüßte und »Jüdde« nicht mehr gern gesehen waren. Zwar durfte er noch seine Revue »Karneval wie einst« inszenieren und im Februar 1933 sogar auf der Bühne des Gastronomieunternehmens Blatzheim, noch heute einer großer Kölner Veranstalter, »alle Puppen tanzen« lassen, aber Tobars Name war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr im Veranstaltungskalender zu finden.

star »In der Folgezeit«, schreibt der Kölner Historiker Markus Leifeld, Mit-Kurator der Ausstellung »Kölle Alaaf unterm Hakenkreuz«, in seiner Doktorarbeit über den Kölner Karneval in der Zeit des Nationalsozialismus, »trat Tobar in der jüdischen Gemeinde auf«, dem einzigen Ort, an dem sich jüdische Künstler überhaupt noch präsentieren und ihren Lebensunterhalt mühselig verdienen konnten. In der jüdischen »Rheinlandloge« fanden »Tobar-Abende« statt, bei denen er als Conferencier und Rezitator auftrat, für die Kölner Synagogengemeinde organisierte er Tanzabende.

Schon früh war das künstlerische Talent Hans Tobars, der am 18. April 1888 in Köln unter dem Namen Hans David Rosenbaum geboren wurde, entdeckt worden. Mit 17 Jahren trat er bereits bei einer Sitzung der »Großen Karnevalsgesellschaft« als Büttenredner auf, beim Purimfest der jüdischen Damenvereinigung unterhielt er 1910 die Anwesenden, auch auf dem Sommerfest des jüdischen Turnvereins war der Humorist gern gesehen.

Im Sommer lebte Tobar auf Norderney, wo er mit der von ihm gegründeten Karnevalsgesellschaft »Zoppejröns« (Suppengemüse) die Kurgäste amüsierte und eine enge Freundschaft zum Kölner Liedermacher Willy Ostermann pflegte. »Er kommt, steht auf der Bühne, ein paar hingeworfene Worte, schon ist der Kontakt da. Lachenden Auges spricht er mit dem Publikum, so wie es ihm gerade einfällt; aber wenn er auch nur da oben steht, fühlt jeder, dass man diesen Künstler liebhaben muss«, schrieb eine Norderneyer Zeitung damals.

emigration Aber auch auf der Nordseeinsel war Hans Tobar nach 1933 nicht mehr willkommen. Seinen letzten Auftritt in Deutschland hatte der jüdische Karnevalist in der Session 1937/1938 bei einer privaten Veranstaltung. Ein Jahr später erhielten Tobar und seine Frau Visa für die USA und konnten noch nach Kriegsausbruch am 9. Dezember 1939 über Rotterdam nach New York fliehen.

Seinen Lebensunterhalt musste er dort als Maschinenarbeiter an einer Lederstanzmaschine verdienen. Vom Fasteleer konnte der »verdöschte Jüdd« aber trotz der Verfolgung durch die Kölner Nationalsozialisten nicht lassen. Er gründete in New York eine Karnevalsgesellschaft, die mit Schunkeln und Singen Stimmung unter die Emigranten brachte. Nach Deutschland kehrte Hans Tobar nie mehr zurück. Er starb am 4. April 1956 in seiner neuen Heimatstadt New York.

Covid-19

Trauer um Adam Schlesinger

Der US-Musiker und Regisseur starb im Alter von 52 Jahren an der Lungenkrankheit

 02.04.2020

Streaming

»Das Unbekannte akzeptieren«

Bei geschlossenen Konzerthäusern bleiben Musiker mit ihrem Publikum in digitalem Kontakt

von Maria Ossowski  02.04.2020

Corona

Hightech contra Virus

Innovationen »Made in Israel« können helfen, die Pandemie in den Griff zu bekommen

von Ralf Balke  02.04.2020

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 02.04.2020

Lektüre

Vom George-Kreis zur »Homintern«

Robert E. Lerner widmet dem exilierten Intellektuellen und Mittelalterforscher Ernst Kantorowicz eine eindrucksvolle Biografie

von Marko Martin  01.04.2020

Zeugnis

»Wenn du da gewesen wärst, wo ich war ...«

Die Schoa-Überlebende Ginette Kolinka erzählt erstmals von ihren Erinnerungen an Auschwitz-Birkenau

von Wolf Scheller  01.04.2020

NS-Raubkunst

Basler Kunstmuseum entschädigt Erben

Nach jahrelangen Verhandlungen hat sich Einrichtung mit Erben des jüdischen Kunstsammlers Curt Glaser geeinigt

von Michael Thaidigsmann  01.04.2020

Jüdisches Museum Berlin

Michael Wolffsohn für Reform

Der Historiker fordert in einem Gastbreitag für die »Süddeutsche Zeitung« eine Neuausrichtung

 01.04.2020

Kultur

Hetty Berg tritt ihr Amt an

Jüdisches Museum Berlin vor Neuausrichtung

 01.04.2020