Film

Schlüpfrige KZ-Geschichten

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Tief in die staubigen Dachböden der Erinnerung dringt Ari Libskers Dokumentarfilm Pornografie & Holocaust vor, dorthin, wo man peinliche Dinge aus der Jugendzeit versteckt. Zerlesene Schundheftchen zum Beispiel, mit aufreizenden Titelblättern, wie die, die man im Filmvorspann sieht: Muskulöse Männer mit zerrissenem Hemd und wildem, aber entschlossenem Blick, Blondinen, die knapp an der Barbusigkeit vorbeischrammen, die Verheißung von Abenteuer und Sex. Nichts Besonderes, wenn die Frauen nicht SS-Uniformen und die Heftchen nicht Titel wie Ich war Oberst Schulzes Sklave tragen würden. »Auf den ersten Holocaust-Bildern, die ich sah, waren nackte Frauen«, spricht der Regisseur aus dem Off, und man ahnt: Es wird kompliziert. Libsker hat sich für seinen Film, der am 30. Dezember in die deutschen Programmkinos kommt, ein heikles Thema gewählt: die Sexualisierung des Schoa-Gedenkens in Israel.

»Stalags« 1961 ist das Land in Aufruhr: Adolf Eichmann, dem Organisator der »Endlösung«, wird in Jerusalem der Prozess gemacht. Es ist, so Libsker, auch in Israel das erste Mal, dass über den Völkermord an den europäischen Juden öffentlich gesprochen wird. Dabei sind die Hälfte der israelischen Bevölkerung Überlebende, die aber mit der anderen Hälfte nicht über das Erlebte sprechen. Und während Eichmann im Glaskasten sitzt und mit den Aussagen von Insassen der Vernichtungslager konfrontiert wird, rennen die israelischen Teenager an die Kioske, um sich »Stalags« zu kaufen, die angeblich authentischen Erfahrungsberichte eines US-Soldaten, der in ein deutsches Stammlager, ein Stalag, gesperrt und dort von weiblichen und männlichen SS-Offizieren gefoltert und vergewaltigt wird, bis er sich befreien kann und an seinen Peinigern blutige Rache nimmt.

Historisch ist das natürlich Blödsinn: Es gab keine weiblichen SS-Mitglieder, und authentisch sind die Berichte erst recht nicht. Hinter imposanten Autorennamen wie »Mike Baden« und »Ralph Longshot« verbargen sich junge israelische Schreiber, deren Identität bis heute nicht ganz geklärt ist. Manche von ihnen konnte Libsker ausfindig machen. Sie sind inzwischen Anwälte und seriöse Schriftsteller, die selbst fragend auf ihre Zeit als »Stalag«-Autoren blicken.

Weil die Polizei damals viele »Stalag«-Ausgaben beschlagnahmt und vernichtet hat, sind die letzten erhaltenen Exemplare heute wertvolle Sammlerstücke. Kulturhistorische Spuren haben die Heftchen bis heute hinterlassen, nicht nur in Trash-Filmen der 70er wie »Ilsa, She-Wolf of the SS«, sondern auch in Yoram Kaniuks Roman Adam Hundesohn. Eine ganze Generation israelischer Männer (und Frauen) – wenn man zurückrechnet: die zwischen 1945 und 1948, zwischen Kriegsende und Staatsgründung, Geborenen – ist mit den »Stalags« als erster erotischer Literatur oder schlicht Masturbationsvorlage aufgewachsen. So sieht man im Film zwei ältere Herren auf einer Parkbank sitzen, die sich gegenseitig aus den Heften vorlesen und dabei kichern wie die kleinen Schuljungen, die sie für einen kurzen Moment wieder sind.

»Ka-Tzetnik« Die merkwürdige Verbindung zwischen Sex und Massenmord war – und ist –, wie Libsker aufzeigen möchte, im israelischen Schoa-Gedenken nicht nur auf die Heftchen beschränkt. Nach den »Stalags« wendet er sich Yehiel Feiner zu, der in den 1950er-Jahren unter dem Pseudonym »Ka-Tzetnik« mit Das Haus der Puppen einen der ersten hebräischsprachigen Romane über die Schoa schrieb. Das Buch erzählt von jüdischen Mädchen, die in Bordellen der Nazi-Lager arbeiten mussten. Feiner war, anders als die »Stalag«-Autoren, ein genuiner Zeitzeuge. Er hatte Auschwitz überlebt. Der Film zeigt, wie er bei seiner Zeugenaussage im Eichmann-Prozess erschüttert in Ohnmacht fällt. Aber bei aller Ernsthaftigkeit kann Feiners Roman einen gewissen Schundcharakter nicht verbergen. Und doch steht dieser Autor, nicht Elie Wiesel, Primo Levi oder Anne Frank, heute noch in Israel auf dem Lehrplan, wenn in der Schule das erste Mal die Schoa behandelt wird. Der Film präsentiert eine israelische Schulklasse beim Auschwitz-Rundgang. Während die Lehrerin auf den Block 24 zeigt und aus dem Haus der Puppen vorliest, lässt Libsker israelische Historiker zu Wort kommen, die es mehrheitlich als Mythos bezeichnen, dass in KZs Jüdinnen in Bordellen arbeiten mussten. Eine Behauptung, die allerdings unbelegt bleibt.

Dann ist der Film auch schon zu Ende. Mit 63 Minuten und einem so endlos faszinierenden Thema hätte er problemlos dreimal so lang sein können. Zwar ist die Machart schlicht, grelle Schocks wird man trotz des dümmlichen Verleihtitels nicht finden. Aber die beunruhigenden Fragen, die Ari Libsker über das Schoa-Gedenken stellt, bleiben.

Tobias Korenke

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