Pantomime

»Schauspieler der Stille«

Marcel Marceau in den 1970er-Jahren Foto: picture alliance / Heritage Images

Pantomime

»Schauspieler der Stille«

Marcel Marceau wurde heute vor 100 Jahren geboren

von Barbara Just  22.03.2023 08:46 Uhr


Allein seine Hände - mit ihnen konnte Marcel Marceau (1923-2007) eine neue Welt erschaffen. Mittels seiner Bewegungen erhob sich plötzlich eine Schar von Vögel in den Himmel oder ein Schwarm von Fischen schwamm durchs Meer. Gottes Erschaffung der Welt bis zum Sündenfall brachte er auf diese Weise auf die Bühne. Dort brauchte der Künstler keine technischen Effekte, nicht einmal Requisiten. Es reichte sein Körper, um Geschichten zu erzählen. Dieser »Star der Stille« schaffte es, die Menschen weltweit mit seiner Kunst zu berühren. Die Pantomime sei wie Musik und Tanz eine universelle Sprache, war der Franzose überzeugt.

Am 22. März 1923 wurde Marcel Mangel in Straßburg geboren, als Sohn eines jüdischen Metzgers. Schon früh begeisterte er sich für die Stummfilmgrößen Charly Chaplin oder Buster Keaton und imitierte sie. Schauspieler wollte er werden, doch der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs durchkreuzte den Plan. Die Familie musste fliehen, der Vater wurde denunziert, von der Gestapo verhaftet und in Auschwitz ermordet. Sein Sohn schloss sich in Frankreich dem Widerstand an und nannte sich fortan »Marcel Marceau«.

Umjubelt Nach Ende des Kriegs studierte Marceau bei Charles Dullin an dessen Schule der Dramatischen Kunst in Paris und traf dort den gefeierten Mimen Jean Louis Barrault. Dieser gab ihm 1946 seine erste große Chance mit der begehrten Rolle des Harlekin in der Aufführung »Baptiste«. Seine Interpretation wurde so umjubelt, dass er sich an sein erstes eigenes Mimodrama heranwagte. Schon ein Jahr später entwickelte Marceau die Figur des »Monsieur Bip«. Dieser Charakter erinnert, bekleidet mit weißer Hose, blauer Weste, Ringelshirt und Knautschhut samt roter Blume an Chaplins »Little Tramp«.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

»Humorvoll, traurig, wunderbar, töricht, klug, ironisch«, ist laut Programmheft dieser Bip. Marceau ließ das Publikum an dessen Abenteuern und Missgeschicken teilhaben. Über 40 Stücke entwarf er. Einmal ist Bip Dompteur, der mühselig seinen Tieren zeigen muss, wie sie durch Reifen springen sollen. Ein anderes Mal jagt er einem Schmetterling nach oder spielt den Kampf zwischen David und Goliath nach; Bip versucht sich als Straßenkünstler und Babysitter oder träumt Don Juan zu sein. Selbst das Soldatenleben bleibt ihm nicht erspart. Bip ist ein Spiegelbild des menschlichen Lebens. Marceaus Kunst kam ohne Worte aus und steckte trotzdem an.

Mit der Gründung der Compagnie de Mime 1949 belebte der Künstler eine theatralische Besonderheit, die als einmalig im zeitgenössischen Drama bezeichnet werden kann. Dabei orientierte er sich an römischen und griechischen antiken Schauspielgruppen, die stumme Gesten zur Kunst machten. Nicht nur mit seiner Compagnie, sondern vor allem auch als Einzelkünstler wurde Marceau über die Jahre berühmt. Mehrmals bereiste er alle fünf Kontinente. Dabei erlebt er wie die Leute immer wieder, egal, welcher Nation sie angehörten, an den komischen Stellen lachten oder bei traurigen Momenten mitfühlten.

Seele Nie wollte Marceau nur unterhalten. Stets betonte er sein Ziel, mit seiner Kunst die Seele des Menschen zu erreichen. Stille erschien ihm dafür das angemessene Mittel. Auch ein Schriftsteller, ein Maler oder ein Athlet brauche schließlich einen Moment des ruhigen Innehaltens, um ans Werk oder in den Wettkampf zu gehen. Bis ins hohe Alter hielt sich Marceau körperlich fit. Er malte, gab ein Bilderbuch über Bip heraus, vor allem aber lehrte er in der 1978 in Paris gegründeten Schule, die seinen Namen trägt, alles rund um die Pantomime.

Mit seiner Kunst und seiner Haltung verstand sich Marceau auch als Versöhner. Obwohl sein Vater von den Nazis ermordet wurde, trat er schon gleich nach dem Krieg auch in Deutschland auf. »Hass ist mir unbekannt, ich habe ihn nicht gespürt. Der Feind muss ein Freund werden, davon bin ich überzeugt«, sagte er einmal der »Süddeutschen Zeitung«. Marceau starb 2007 im Alter von 84 Jahren. Beerdigt ist er auf dem Pariser Prominentenfriedhof Pere Lachaise.

Rheinland-Pfalz

SchUM-Kulturtage Speyer präsentieren jüdisches Leben

Ob ein Kochkurs mit dem Landesrabbiner oder jiddische Lieder mit dem Oberkantor: Die SchUM-Kulturtage laden ab Oktober mehr als einen Monat lang dazu ein, die jüdische Kultur kennenzulernen

 14.09.2026

Aufgegabelt

Datteln auf Mohnsamen-Toffee

Rezepte und Leckeres

 14.09.2026

Nachruf

Sie lehrte Israel das Träumen

Ada Yonath, Nobelpreisträgerin für Chemie, wurde durch ihre Forschung zum Ribosom berühmt

von Sabine Brandes  14.09.2026

Berliner Leuchtturmprojekt

Musikalische Stolpersteine jetzt in fünf Bundesländern

Mehrere Tausend in Gehwegen eingelassene »Stolpersteine« halten europaweit die Erinnerung an Verfolgte des Naziregimes wach. Jetzt gibt es auch »Stolperstein«-Podcasts

 14.09.2026

Pink

»Ich wurde als Jüdin geboren«

Die amerikanische Sängerin reagiert auf Hass-Kommentare zu einem Repost

von Katrin Richter  14.09.2026

Fritz Busch

»Verräter raus!«

Vor 75 Jahren starb der Dirigent. 1933 vertrieben ihn die Nazis vom Pult der Sächsischen Staatskapelle

von Claudia Irle-Utsch  14.09.2026

Jubiläum

Filme für das Land der Täter: 80 Jahre CCC Filmkunst

1946 gründet der Holocaustüberlebende Artur Brauner die »CCC Filmkunst«. Sie wird zur erfolgreichsten unabhängigen Produktionsfirma im Nachkriegs-Europa, liefert Kassenschlager - und thematisiert immer wieder die Schrecken der NS-Zeit

von Gerhard Midding  14.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  14.09.2026

Streaming-Hit

»Nobody Wants This«: Staffel drei startet im Oktober

Diesmal ist auch die Comedienne und Schauspielerin Sarah Silverman beteiligt. Sie verkörpert Rabbinerin Eden

 14.09.2026