Berlinale

Rot wie Blut und weiß wie Schnee

Filmplakat von Fritz Langs »M – Eine Stadt sucht einen Mörder« (1931) Foto: imago

Berlinale

Rot wie Blut und weiß wie Schnee

David Schalko stellt seine Serienadaption von »M – Eine Stadt sucht einen Mörder« vor

von Sabine Horst  15.02.2019 11:39 Uhr

Joseph Goebbels war hingerissen, nachdem er Fritz Langs M – Eine Stadt sucht einen Mörder gesehen hatte: »Fabelhaft! Gegen die Humanitätsduselei. Für Todesstrafe! Gut gemacht. Lang wird einmal unser Regisseur.«

Eine krasse Fehleinschätzung. Der schwarz-weiße Tonfilm aus dem Jahr 1931 wurde verboten, als die Nazis an der Macht waren; Lang verließ Deutschland. Heute gilt M als einer der besten und wichtigsten Filme überhaupt.

GANGSTERBANDE Goebbels dürfte sich in der Geschichte vom Mädchenmörder, der eine Großstadt in Ausnahmezustand versetzt, aber tatsächlich wiedergefunden haben. Lang bringt einen hysterischen Bürgermob und eine um ihre Geschäfte besorgte Gangsterbande auf die Leinwand, die den von Peter Lorre mit verstörender Kindlichkeit gespielten Serienkiller glatt »ausmerzen« wollen – die präfaschistische Stimmung im Land, die politische Agenda der Nazis werden hier vorgeführt, in warnender Absicht.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Der österreichische Regisseur und Schriftsteller David Schalko hatte ein gutes Gespür, als er vor fünf Jahren den Film wiedersah und beschloss, eine Adaption zu drehen. Sein M, konzipiert als sechsteilige Miniserie, vorgestellt in der Berlinale-Sektion »Series«, verlegt die Thrillerhandlung ins Wien der Jetztzeit und findet jede Menge Anknüpfungspunkte: Fremdenhass, soziale Zerklüftung, die von Fake News befeuerte populistische Politik der österreichischen Regierungskoalition.

Schalkos »M« verlegt die Thrillerhandlung ins Wien der Jetztzeit.

Gab es unter Langs Ganoven einen, der in Aufmachung und Habitus an Goebbels denken ließ (gespielt von Gustaf Gründgens), so personifiziert sich die aktuelle Misere in der Figur eines schuftigen »Innenministers« von schlanker Statur und geschmeidiger Frisur. Nein, Sebastian Kurz sei natürlich nicht gemeint, meinte Schalko nach der Premiere der ersten beiden M-Folgen im Berliner Zoo-Palast.

ORIGINALFILM Was ihn an M angezogen hat, ist das Konzept: »dass die Stadt der Protagonist ist und es keinen zentralen Charakter gibt«. Das ist der Grund, warum der kompakte, oft mit Auslassungen arbeitende Originalfilm überhaupt eine Serie hergibt. Schalko hat M nicht nachgedreht, sondern mit seiner Koautorin Evi Romen zu einem irrwitzig detailreichen, satirischen, auch kolportagehaften Gesellschaftspanorama mit 130 Darstellern – darunter Udo Kier, Lars Eidinger, Bela B. – und einer Menge Nebensträngen erweitert.

Sittenbild also – das kann der Mann. Schalkos Provinz-Groteske Braunschlag um eine Gemeinde, der eine fingierte Marien-Erscheinung Einnahmen und allerhand Skandale beschert, ist Kult. Mit dem Nachfolger Altes Geld hat er sich an die Wiener Bourgeoisie herangerobbt. M legt noch einiges drauf. Neben dem charakteristischen Wortwitz, den deftigen Charakterzeichnungen und schwarzhumorigen Einfällen gibt es hier viel fürs Auge.

Wer ist jetzt Peter Lorre? Die ersten Episoden verraten es nicht.

Stilisierte, winterlich verträumte Altstadtviertel – Wien als Schneekugel –, nächtliche Flussfahrten, dynamische Montage, expressive Farbdramaturgie. David Lynch schließlich lässt grüßen, wenn alte Hausflure in höllischem Braunrot erglühen oder das Gesicht eines toten Mädchens überglitzert erscheint wie das von Laura Palmer in der Ausnahmeserie Twin Peaks.

IKONE Und wer ist jetzt Peter Lorre? Wer ist M, dieser furchtbare, bewusstlose, ängstliche, getriebene Mörder, der zu einer filmischen Ikone wurde? Die ersten Episoden enthüllen ihn nicht. Und so schön durchtrieben wie diese Serie angelegt ist, könnte es sein, dass es ihn gar nicht gibt.

Am Ende ist M vielleicht eher eine Chiffre: für die Paranoia in uns allen, für die sozialpsychologische Verelendung nicht nur der österreichischen Gesellschaft.

Die Serie wird vom ORF von Sonntag an in Doppelfolgen ausgestrahlt; am 1. März erscheint sie auf DVD und Blu-ray.

Julia Franck

»Sie liebt, aber sie wird nicht geliebt«

Die Schriftstellerin über ihre literarische Biografie der Jüdin Baladine Klossowska und den Dichter Rainer Maria Rilke

von Knut Elstermann  11.10.2026

Aufgegabelt

Rote Bete mit Tahini

Rezepte und Leckeres

 11.10.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Texten der Jüdischen Allgemeinen

 10.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 10.10.2026

Kino

Ich habe »Naza« gesehen, und es ist ein übles Stück Propaganda

Es ist erschreckend zu sehen, wie große Teile der Filmwelt sich gerade selbst zu nützlichen Idioten der Hamas degradieren, indem sie ihr von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen

von Philipp Peyman Engel  10.10.2026

Berlin

733 Tage, 2 Stunden und 35 Minuten

Eine Ausstellung im Paul-Löbe-Haus erzählt von Verlust, Hoffnung und bleibenden Folgen in der Zeit zwischen dem 7. Oktober und dem Abkommen zur Freilassung der Geiseln

von Pascal Beck  09.10.2026

Essay

Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Grenzen universitärer Selbstgewissheit

Antisemitismus ist an Universitäten längst kein Ausnahmeproblem mehr. Drei Jahre nach dem 7. Oktober stellt sich deshalb eine unangenehmere Frage: Was haben Universitäten über sich selbst gelernt?

von Frederek Musall  09.10.2026

München

Simon Rattle bleibt bis 2033 Chef des BR-Symphonieorchesters

»Symphonischer Hoagascht« oder »Singen mit Sir Simon« hießen Projekte, die Sir Simon Rattle eingeführt hat. Die Arbeit mit dem Symphonieorchester des BR und seinem Chor sagt dem Chefdirigenten zu. Er hat nun verlängert

von Barbara Just  08.10.2026

Adania Shibli

Plattitüden in Romanform

Auch das zweite auf Deutsch erschienene Buch der palästinensischen Autorin weist einen holzschnittartigen Charakter auf

von Enno Stahl  08.10.2026