Musik

»Rock ʼnʼ Roll ist Freiheit«

Herr Gruen, was ist für Sie Rock ’n’ Roll?
Rock ’n’ Roll ist für mich Freiheit. Es geht darum, seine Gefühle laut, sehr laut, in der Öffentlichkeit auszudrücken. Rock ’n’ Roll ist der Moment, in dem jeder schreit: »Yay!« Ein Moment, in dem niemand daran denkt, seine Miete zu bezahlen. Rock ’n’ Roll gibt den Leuten die Freiheit, einfach nur zu jubeln und an nichts anderes zu denken.

Was macht für Sie ein gutes Rock ’n’ Roll-Foto aus?
Das ist eines, bei dem die Aufregung, die Freiheit und das Loslassen des festgehaltenen Moments rüberkommen. Ein Gefühl, in genau dieser Gegenwart zu sein.

Welches Ihrer Fotos wäre das?
Es gibt ein Bild von Tina Turner, das sich die Leute auch online ansehen können. Das Strobolicht blitzte und fing Tina in ihrer Bewegung ein. Das würde ich als das Bild herausnehmen, um zu erklären, was es heißt, Aufregung und Energie einer Künstlerin wie Tina Turner einzufangen.

Was verbinden Sie mit diesem Bild?
Ich fotografiere ja, seitdem ich acht Jahre alt bin, aber das Foto von Tina, das war das erste wirklich gute Foto, das ich gemacht habe. Und letztendlich hat es mir bei meiner Karriere tatsächlich geholfen.

Wie denn?
Nachdem ich dieses Foto gemacht hatte, traf ich zufällig Ike Turner, und ihm gefiel das Bild. So fing ich an, mit Tina auf Reisen zu gehen und Fotos und Videos zu machen. Mein erstes Plattencover war ein Tina-Turner-Album.

Als Tina Turner gestorben ist, haben Sie sich mit einem kleinen Text auf Ihrem Ins­tagram-Account von der Sängerin verabschiedet. Was hat sie und ihre Musik Ihnen bedeutet?
Bei Tina ging es um Aufregung und Loslassen, aber auch um Kommunikation. Wenn Tina auf die Bühne kam, sagte sie immer »Hallo, Leute«. Wenn das Publikum nicht antwortete und »Hallo, Tina« sagte, sagte sie es noch einmal: »Ich sagte ›Hallo, alle zusammen.‹« Wenn das Publikum allerdings »Hallo, Tina« rief, dann war die Verbindung zwischen ihnen da. Heute macht das irgendwie nur noch Green Day. Sie gehen tatsächlich raus und reden mit dem Publikum, beziehen es in die Show mit ein. Für mich geht es also um Kommunikation. Es geht darum, Teil der Show zu sein und nicht nur ein paar Musiker da oben stehen zu haben. Ich erinnere mich, wie Eric Clapton einmal mit seiner Band Cream auf die Bühne kam und sie dem Publikum den Rücken zugewandt hatten. Ich dachte: Da kann man ja gleich nach Hause gehen und die Platte spielen.

Sie sitzen gerade in Ihrem Studio in New York und hinter Ihnen hängen Fotos von The Clash, Blondie, da ist das bekannte John-Lennon-Bild.
Oh ja, ich erinnere mich gern an diese Momente. Die haben schon eine gewisse Bedeutung für mich. Ich habe ein ganzes Buch mit dem Titel »Right Place, Right Time: The Life of a Rock & Roll Photographer«, das von allen möglichen glücklichen Orten erzählt, an die ich wollte.

Die Bilder hinter Ihnen erinnern an die Installation »Teenage Bedroom«, die bei einer Ausstellung in Brasilien über Ihre Arbeiten zu sehen war. Wie sah denn Ihr »Teenage Bedroom« aus?
Ich weiß nicht, ob ich Bilder an der Wand hatte. Ich glaube, ich hatte einen leuchtenden Totenkopf. Aber ich habe auch schon lange nicht mehr an dieses Zimmer gedacht. Als ich ein Teenager war, passierte Rock ’n’ Roll ja gerade erst. Ich erinnere mich, dass ich, da war ich etwas jünger, so vielleicht elf Jahre alt, auf dem Bauch meines Vaters lag und wir zusammen Elvis Presley in »The Ed Sullivan Show« sahen. Und das war der Anfang von allem für mich.

Wie sind Sie auf den »Teenage Bedroom« in der Ausstellung gekommen?
So viele Teenager dekorieren ihre Zimmer mit Fotos ihrer Helden. Bei der Brasilien-Ausstellung wollte ich zeigen, warum wir die Bilder ausgewählt haben. Ich wollte zeigen, warum wir die Bilder gemacht haben: weil die Menschen mit ihnen leben. Die Leute sehen die Bilder in den Magazinen und hängen sie sich an ihre Wand. Heutzutage hat man eher eine Website zur Hand als eine Zeitschrift, aber man druckt sich immer noch Bilder aus und hängt sie auf. Ich bin mir sicher, dass viele Bilder von Taylor Swift in Teenage Bedrooms hängen. Junge Menschen träumen davon, dass sie eines Tages vielleicht auch so sein werden. Es ist eine Art Inspiration.

Haben Sie als Teenager auch davon geträumt, so berühmt zu werden?
Ich wollte Superman sein. Ich dachte nicht, dass ich Fotograf werden würde. Die Fotografie war mein Hobby, weil meine Mutter es mochte, selbst Bilder zu entwickeln. Als ich acht Jahre alt war, kaufte sie mir meine erste Kamera, und ich wurde sozusagen der Familienfotograf. Das war immer nur mein Hobby, denn meine Eltern waren Anwälte, und sie erwarteten von mir, dass ich Hemd und Krawatte trage, in einem Büro arbeite, wie es sich für einen »normalen« Menschen gehört. Ich habe das ein paar Mal versucht, dieses »von neun bis fünf«, aber ich konnte den Neun-Uhr-Teil einfach nicht halten. Ich bin vielmehr ein Nachtmensch.

Was war Ihr erstes Konzert?
Pete Seeger, da war ich 13. Alle sangen mit, er sprach von Frieden, Liebe, Gleichheit, Fairness. Später hing ich mit einer Rockband herum. Eines Tages verließ ich die Proben etwas früher, um in die 14. Straße zu gehen. Da gab es so einen Laden, in dem man diese Beatles Boots für zehn Dollar kaufen konnte. Eine Freundin von mir war schon da. »Was ist los?«, fragte ich. »Da sind die Rolling Stones. Die sollen hier spielen.« Ich erkundigte mich: »Die Stones?«. »Ja«, sagte sie, das sei eine Band aus England. Die Karten kosteten zehn Dollar. Und so sah ich als meine erste Rock ’n’ Roll-Show die Rolling Stones in der 14. Straße.

Wann war das?
Ich glaube, das war 1965. Wow! Ich war total weggetreten. Es war das Aufregendste, was ich je gesehen habe.

Nehmen Sie uns mit in diesen Abend.
Ich kam herein, und es war nur Geschrei und Aufregung überall. Pappteller flogen durch die Luft. Es war so viel Lärm, als die Rolling Stones auftraten. Ich habe die Musik erst ganz am Ende mitbekommen. Immerhin konnte ich die Basslinie ganz gut hören. Und die hörte ich ungefähr für die nächsten drei Wochen, denn das war das Einzige, was ich tun konnte. Ich war einfach süchtig. Rock ’n’ Roll, das war mein Ding. Ich mochte die Aufregung, die Freiheit, einfach zu schreien, die Menge.

Was hören Sie gerade für Musik?
Auf meinem Telefon habe ich einen Elektro-Mix. Ansonsten Miles Davis, viel Jazz, bis hin zu Fela Kuti. Ich höre nicht allzu viel moderne Musik, denn irgendwie ist es nur ein Derivat von allem, was ich ursprünglich gehört habe. Und von Künstlern, die ich gesehen habe: Tina Turner oder Alice Cooper oder andere originelle Acts. In den 80ern hieß es: »Die klingen so ähnlich wie AC/DC« oder »Wenn die einen wie Alice Cooper hätten«. Aber Alice war mit niemandem vergleichbar, Tina Turner war ein Original. Beyoncé versucht vielleicht, ein bisschen wie Tina zu sein, aber Tina hat nicht versucht, wie irgendjemand zu sein. Ich bin also sehr glücklich, denn ich fühle die Originale.

Vermissen Sie das alte New York?
New York ist mein Zuhause. Egal, ob alt oder neu. Die ganze Welt verändert sich. Ich habe ein Lieblingsviertel in Paris, eins in Tokio, und auch diese Städte haben sich verändert. Nichts bleibt, wie es ist. Trotzdem denke ich jeden Tag, wenn ich aus dem Haus gehe, nicht, dass ich in einer neuen Stadt bin. Ich denke, ich bin in New York. Ich bin in meiner Nachbarschaft. Normale Menschen um mich herum – na ja, normale Leute aus Greenwich Village.

Wie sind die denn so?
Wir hier in der Innenstadt sind ein bisschen exzentrisch, ein bisschen freier. Man sieht nicht so viele Hemden und Krawatten. Es ist hier etwas ruhiger, vielleicht eher dörflich. Ein Großstadtdorf – nicht so chaotisch wie Uptown. New York steht für sich. Wenn du Philadelphia sagst, sitzen die Leute einfach da. Aber wenn man New York City sagt, dann reagieren sie irgendwie. New York City ist ein harter Ort. Man muss immer auf der Hut sein, aber das hält einen wach. Es hält dich in der Gegenwart. Es hält einen am Leben. Zumindest gilt das für mich. Und deshalb mag ich es hier.

Sie kommen aus einer jüdischen Familie. War Ihre Kindheit sehr jüdisch geprägt?
Die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, war mehrheitlich jüdisch. In unserer Schule durften wir an jüdischen Feiertagen frei haben. Es schien einfach normal zu sein. Es war nicht ungewöhnlich. Ich fühlte mich nicht fehl am Platz oder so.

Sie haben über Green Day gesprochen. Wie haben Sie die Band kennengelernt?
Das muss so 1997 gewesen sein. Es sind sehr tolle Jungs, und es macht so viel Spaß, mit ihnen abzuhängen. Ihre Musik ist sehr kraftvoll. Was ich an ihnen wirklich mag, ist, dass es kraftvoller Rock ’n’ Roll mit einer kraftvollen Botschaft ist. Sie stehen hinter dem, worüber sie singen. Auf einem Album benutzten sie ein paar Schimpfwörter – normale Wörter, die Menschen jeden Tag sagen –, aber Walmart, eine der größten Supermarkt-Ketten in den USA, führt keine Platten, die sogenannte vulgäre Sprache enthalten. Damals verkaufte Walmart etwa 60 Prozent der Musik, die die Leute in Amerika kauften. Wenn also eine Platte nicht in deren Sortiment war, war es ein großer Nachteil. Also beschlossen viele Künstler, Alben herauszubringen, die keine explizite Sprache enthielten, damit sie sich verkaufen konnten. Aber Green Day hat sich geweigert, den Text zu ändern. Der Sänger, Billie Joe Armstrong, hat gesagt, wenn Walmart der Meinung ist, dass Green Days Texte gefährlich sind, dann sollen sie die CD einfach aus der Musikabteilung herausnehmen und neben die Waffen und Messer legen, die Walmart verkauft. Green Day kämpft gegen Heuchelei. Sie streben nach einer besseren Welt.

Mussten Sie John Lennon sehr überzeugen, das New-York-T-Shirt für das bekannte Foto zu tragen?
Er hatte mich gebeten, in seine Wohnung zu kommen, um ein paar Fotos für ein Albumcover zu machen. Er trug ein schwarzes Hemd und eine schwarze Jacke, und ich sah die Skyline von New York um uns herum. Ganz zufällig sagte ich: Hast du noch das New-York-Shirt? Das würde toll aussehen mit der Skyline, und die Tatsache, dass er das Shirt hatte und wusste, wo es war, nach all dem Chaos, das er in dem Jahr durchgemacht hatte, sprach dafür, dass er es mochte. Er ging hin und zog es an, er sah gut aus, und wir machten die Fotos. Er war ein echter New Yorker und hat sich hier immer sehr sicher gefühlt.

Er wurde in New York erschossen. Wie erinnern Sie sich an diesen Tag?
Der Tag und auch die Zeit waren sehr schwierig, weil die Nachricht jeden mitnahm. Ich war erst ein paar Tage zuvor bei ihm gewesen, er starb am Montagabend. Ich habe mich am Samstagmorgen von ihm verabschiedet. Am Freitagabend hatten wir uns darüber unterhalten, wie glücklich er darüber war, dass sein Album »Double Fantasy« in den Charts ganz oben stand. Er war deswegen sehr aufgeregt. Wir sprachen über seine Pläne für eine Welttournee, stellten uns vor, wo wir in Paris essen gehen und was wir in Japan kaufen würden. Und ich ging mit dem Kopf in den Wolken nach Hause und dachte, ich würde mit John und Yoko um die Welt reisen. Und zwei Tage später stand ich in der Dunkelkammer und entwickelte diese Bilder. Als wir die Nachricht erhielten, dass er erschossen worden war, brach alles zusammen, und es tat wirklich, wirklich weh. Viele Leute hatten ein Idol verloren, ich hatte einen Freund verloren. John Lennon war ein echter Mensch.

Was war das erste Foto, das Sie nach dem Tod von John Lennon gemacht haben?
Darüber habe ich nie nachgedacht, ich weiß, dass es eine Weile gedauert hat, bis ich zurückkam. Ich war eine ganze Weile sehr deprimiert.

»You may say I’m a dreamer …« Wie würden Sie diese Zeile aus »Imagine« fortsetzen?
Wie im Original: »But Iʼm not the only one.« Es gibt eine Menge Träumer auf der Welt, und ich bin nicht der einzige. Menschen, die eine positive Einstellung haben, lassen mich weitermachen. Und von denen gibt es mehr, als wir denken.

Mit dem Fotografen sprach Katrin Richter.

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