»Seret«-Filmfestival

Ritt durchs Heilige Land

Findet vom 4. bis 11. Okto­ber zum ersten Mal in vier deutschen Städten statt: das »Seret«-Festival Foto: Montage: Marco Limberg

Im dunklen Kinosaal fassen sich Menschen an der Hand wie im Flugzeug, und nicht selten wird der Kinobesuch als 90‐minütige Reise beschrieben. Für diejenigen, die Israel und seine vielfältige Gesellschaft, seine Städte und Landschaften, seine kulinarischen und kulturellen Besonderheiten, seine gesellschaftlichen Konfliktlinien nicht kennen, ist das israelische Kino daher ein guter Einstieg in ein Land, das deutlich komplexer ist, als die hiesige Presse es oft weismachen will.

Für alle, die Israel schlicht vermissen, bietet der Kinosaal die Möglichkeit eines Kurzbesuchs. Entsprechend erfreulich ist es, dass es seit zwei Jahren auch in Deutschland ein israelisches Filmfest gibt.

Programm Das »Seret«-Festival (hebräisch: Film) startete zunächst in Amsterdam, London und Santiago de Chile und expandierte 2016 nach Deutschland. Zum dritten Mal zeigt nun das »Seret«-Programm im Oktober über 20 israelische Produktionen – allerdings, und dies ist eine weitere gute Nachricht, nicht nur in der Hauptstadt. Nachdem es 2017 schon Vorstellungen in Berlin, Köln und München gab, ist dieses Jahr Hamburg hinzugekommen.

Andreas Brämer vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg, der den dort alle zwei Monate stattfindenden Jüdischen Filmclub organisiert, hat »Seret« in die Hansestadt geholt. Am 7. Oktober wird es im dortigen Metropolis‐Kino zwei Vorführungen geben: The Cousin (Ha Ben Dod), ein schwarzhumoriger Film, der sich keinem Genre eindeutig zuordnen lässt, wird im Beisein des Regisseurs Tzahi Grad gezeigt, der danach für ein Publikumsgespräch zur Verfügung steht. Doch von Regisseur zu sprechen, ist eine Untertreibung: Grad schrieb das Drehbuch, führte Regie, spielt in der Hauptrolle quasi sich selbst, drehte im eigenen Haus und besetzte die beiden Kinder der Hauptfigur mit den eigenen.

The Cousin erzählt von dem arabisch‐muslimischen Handwerker Fahed (Ala Dakka), der in einem israelischen Dorf unter Verdacht gerät, ein Mädchen belästigt zu haben. Nur Naftali, gespielt von Tzahi Grad, der ihn für eine Renovierung angeheuert hat, glaubt ihm – oder will ihm glauben. Doch auch sein Vertrauen wird auf die Probe gestellt, und seine Absichten und Handlungen gehen immer weiter auseinander. Auf so komische wie spannende Weise erzählt der Film von der Angst vor dem Fremden, von Misstrauen und Rassismus.

Laien Danach wird der Film Doubtful gezeigt, der zwei Tage zuvor im Berliner Babylon Deutschlandpremiere feiert. Er erzählt die Geschichte eines jungen Lehrers, der straffälligen Jugendlichen durch Kunst helfen will. Der Film von Eliran Elya gewann auf dem Jerusalemer Filmfest gleich zwei Preise, einen für den besten Debütfilm. Aufgewachsen in Or Yehuda, kehrte Elya nach seinem Filmstudium dorthin zurück und arbeitete mit auffällig gewordenen Jugendlichen – die autobiografische Färbung des Films Doubtful ist hier unschwer erkennbar. Im Film spielt Ran Danker den Lehrer Assi, die Jugendlichen werden von Laien und Jungschauspielern gespielt.

So wie »Seret« die Liebe zur diversen israelischen Gesellschaft mit der Liebe zum Film verbinden soll, wie die Organisatorin des Festivals, Odelia Harosh, es formuliert, spiegelt das Programm ebenjene Liebe zur Vielfalt: Unter dem Titel »Short Rides« werden vier Kurzfilme vom Tel Aviv International Student Film Festival zu sehen sein – Intergalactic Samurai, Leave of Absence, The Men Behind The Wall und Love Letter. Sie sind so unterschiedlich, so bunt, so vielfältig und multiperspektivisch, wie es vielleicht nur Kurzfilme sein können.

Fast ein Drittel der gezeigten Filme sind Dokumentationen, womit diesem Format ein solider Platz im Festivalprogramm eingeräumt wird. Auch hier sind die einzelnen Beiträge sehr unterschiedlich: Während The Oslo Diaries schon im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde und beim deutsch‐französischen Sender arte auch noch in der Mediathek zu sehen ist, sind andere dokumentarische Filme wie The Essential Link deutlich rarer.

Der Film geht trotz spärlich vorhandenem Archivmaterial der Geschichte von Wilfrid Israel nach, der als Berliner Geschäftsmann zentral an der Organisation der Kindertransporte und damit an der Rettung Tausender jüdischer Kinder beteiligt war.

Heimat Back to the Fatherland erzählt von jungen Menschen, die ihr Heimatland verlassen, um anderswo ihr Glück zu suchen. So weit, so normal in Zeiten der Globalisierung – aber nicht, wenn es sich um die Länder handelt, in denen die eigenen Großeltern verfolgt oder ermordet wurden.

Natürlich sind auch Festivallieblinge wie The Cakemaker im Programm. Die deutsch‐israelische Koproduk­tion war der israelische Bewerber für den Auslands‐Oscar und hat schon beim Jüdischen Filmfestival Berlin & Brandenburg im Juni das Publikum begeistert. Kulinarisch‐Sinnliches geht im Kino wohl immer.

Doch manchmal lohnt es sich ja, im Festivalprogramm eher jene Filme auszuwählen, die auf keinen deutschen Verleih hoffen können und es wohl nicht ins reguläre deutsche Kinoprogramm schaffen werden. Wie man sich auch entscheidet, es sind einige Highlights dabei.

Das Festival läuft vom 4. bis 11. Okto­ber in Berlin, Hamburg, Köln und München. Die Termine finden sich auf der Website www.seret-international.org

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