Architektur

Risse in der Erinnerung

Rund 1.500 der insgesamt 2.711 Stelen zeigen inzwischen Schäden. Foto: imago

Architektur

Risse in der Erinnerung

Das Berliner Holocaust-Mahnmal bröckelt. Die Reparatur wird teuer

von Ulf Meyer  04.09.2012 10:06 Uhr

Wasser, Zement und Kies: So kurz ist die Zutatenliste für Beton. Der seit 2.000 Jahren bewährte Baustoff, den die Römer für bleibende Kunstwerke wie das Pantheon einsetzten, erweist jetzt im Zentrum der deutschen Hauptstadt bei einem erst 2005 fertiggestellten Werk seine Tücken: Das Stelenfeld des »Denkmals für die ermordeten Juden Europas« am Brandenburger Tor könnte schon bald wieder zur Dauerbaustelle werden. Nach Angaben von Bernd Hillemeier von der Technischen Universität Berlin sind an rund 1.500 Stelen schadhafte Stellen. Vor einem Jahr waren an 400 von ihnen Risse festgestellt worden. Die Mängel haben sich also innerhalb von zwölf Monaten fast vervierfacht.

materialmängel Eine Blamage. Das politisch vielleicht wichtigste Denkmal der jüngeren deutschen Geschichte ist ein Bauschaden. Die »Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas« hat Angst, dass ganze Ecken und Brocken von den Stelen abfallen und Passanten gefährden könnten – rund 10.000 Menschen besuchen das Mahnmal jeden Tag. Einstweilen müssen die 24 am stärksten gefährdeten Stelen mit hässlichen Stahlmanschetten gesichert werden, um der juristischen »Verkehrssicherungspflicht« für das Mahnmal nachzukommen.

Fast 30 Millionen Euro hatte das Mahnmal den Bund gekostet. Nur sieben Jahre nach der feierlichen Einweihung 2005 muss es nun aufwendig saniert werden. Die Reparaturarbeiten an den defekten Stelen versprechen, diffizil zu werden. Die Risse, die sich teilweise mehrere Meter lang durch die bis zu 4,70 Meter hohen Betonblöcke ziehen, sollen mit teuren Kunstharz-Injektionen geschlossen werden, denn, wie Mahnnmalsarchitekt Peter Eisenman schon vor Jahren erklärte: »Ersetzen wird man die rissigen Stelen nicht können, weil es keinen Kran gibt, der groß genug wäre, um an die Stelen in der Mitte des Feldes heranzukommen.«

gerichtsverfahren Warum die Risse auftreten, ist unklar. Uwe Neumärker, Geschäftsführer der Stiftung, sagt, die Schäden seien von Anfang an einkalkuliert gewesen: »Beton arbeitet. Kälte und Hitze setzen dem Material zu.« Für ihn ist das »Problem ein ästhetisches, und kein statisches«. Auch Eisenman fand es normal, als vor Jahren die ersten Risse auftraten, denn »Bauwerke altern: Jedes Gebäude muss unterhalten, repariert, ausgebessert werden.« Inzwischen hat sich die Situation jedoch dramatisch verschlechtert. Eisenmans Aussage, »Beton bleibt nun einmal nicht lange monolithisch«, hat sich ungut bewahrheitet.

Ingenieure vermuten, dass beim Bau der hohlen Betonstelen nicht genug Stahl zur Armierung verwendet worden sein könnte oder dass der Beton nicht lange genug getrocknet hatte, bevor er verbaut wurde. Auf Antrag der Stiftung, vertreten durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, eröffnete das Landgericht Berlin am 18. Februar 2010 ein Beweisverfahren gegen die Firma Geithner, die einst den Auftrag zum Bau des Mahnmals erhalten hatte. Vom Gericht wurde der Sachverständige Wolfgang Brameshuber von der renommierten Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen als Sachverständiger bestimmt.

Sein Gutachten liegt seit Januar 2012 vor, die Stiftung hält es jedoch geheim. Was man weiß, ist, dass es in dem Gutachten heißt, es sei notwendig, »einen Teil der Stelen gegen den Abbruch von Betonteilen zu sichern. Dies betrifft nur Stelen, die zwischen einem und zwei Metern hoch sind und die Risse haben, die ganze Teilbereiche umschließen. Denn hier können die umschlossenen Betonteile herausbrechen und herabfallen«. Das trifft auf 380 der Stelen zu.

kontrollgänge Täglich werden jetzt Kontrollgänge an den Stelen durchgeführt, um Verschlimmerungen der Risse zu attestieren. Eine Lösung des Problems liegt noch in weiter Ferne. Erst, wenn das gerichtliche Beweisverfahren abgeschlossen ist, kann über die Sanierung des Denkmals entschieden werden. Das Problem muss »sowohl konstruktiv als auch kosmetisch gelöst werden«, so der Architekt Günter Schlusche, der zur Bauzeit des Mahnmals für die Stiftung tätig war. Die Wanddicke der hohlen Stelen ist seiner Meinung nach ebenso wenig das Problem wie die Zuschläge, die dem »selbst verdichtenden« Beton zugegeben wurden. Auch die Entscheidung, Hohlkörper anstatt massiver Stelen zu bauen, bereut Schlusche nicht.

Ob sich das Problem durch Reparaturen oder mittelfristig sogar nur durch den Austausch der Stelen lösen lassen wird, darüber kann bisher nur spekuliert werden. Man sucht nach Lösungen: An einer gerissenen Stele wird derzeit ein Textilbeton für die Erprobung einer Sanierungsmethode getestet. Wie alles in Deutschland, sind selbst Risse im Beton in einschlägigen Normen katalogisiert.

»Risse an sich sind tolerabel, aber die ›Rissweitenbeschränkung‹ wird nun überschritten«, so Schlusche. Und das, obwohl ein »hochwertiger Beton verwendet wurde, der besonders harte und glatte Oberflächen« hat. Die Wahl dieses Baustoffs sollte die abstrakte, kubische architektonische Aussage Eisenmans einst unterstützen. Jetzt wird sie ihm eventuell zum Verhängnis. Um einen alten Werbespruch zu zitieren: Beton – es kommt drauf an, was man draus macht!

Berlinale

Eine respektvolle Berlinale scheint möglich

Die 76. Berlinale hat mit Glamour, großen Gefühlen und einem wunderbaren Eröffnungsfilm begonnen. Respekt wurde großgeschrieben am ersten Tag. Nur auf der Pressekonferenz der Jury versuchte Journalist Tilo Jung vergeblich zu polarisieren

von Sophie Albers Ben Chamo  13.02.2026

Potsdam

Barberini-Museum zeigt deutsche Impressionisten

Drei große Sonderausstellungen präsentiert das Potsdamer Barberini-Museum pro Jahr. 2026 werden zum Auftakt Werke von Max Liebermann und weiteren Künstlern des Impressionismus in Deutschland gezeigt

 13.02.2026

Analyse

Historiker: Dirigent von Karajan kein Hitler-Sympathisant

Opportunist oder Gesinnungsnazi? Das historische Bild des Dirigenten Herbert von Karajan leidet seit Längerem unter seiner NSDAP-Mitgliedschaft. Der Historiker Michael Wolffsohn will ihn nun von mehreren Vorwürfen freisprechen

von Johannes Peter Senk  13.02.2026

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026

Kulturkolumne

»Konti: Mission BRD«

Meine Bewältigung der Einwanderung nach Deutschland: Wie ich als Immigrant ein Brettspiel entwickelte

von Eugen El  12.02.2026

Hollywood

Rachel Weisz spielt in Neuauflage von »Die Mumie« mit

Beim dritten Teil hatte die Schauspielerin eine Mitwirkung abgelehnt, da sie das Drehbuch nicht überzeugt hatte. Auf den neuesten Film müssen Fans noch etwas warten

 12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026

Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Wieder läuft keine israelische Produktion im Wettbewerb. Dafür finden sich viele jüdische und israelische Perspektiven im gesamten Programm

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026