Theater

Ringparabel ohne Nathan

Mit Antisemitismus nichts zu tun? Szene aus »Die Protokolle von Toulouse« Foto: cc

Theater

Ringparabel ohne Nathan

Hamburger Lessingtage: Es geht um Europa, den Islam und Toleranz – nur Juden kommen nicht vor

von Viola Roggenkamp  22.01.2013 10:11 Uhr

Gehört Israel zu Europa? Gehört Israel überhaupt irgendwohin oder dazu? Der Name Israel steht für Jude, und der Jude stört. Seit geraumer Zeit stört der Jude Europas Freude am Arabischen Frühling. Davon findet sich ein Schatten im Glanz der Hamburger Lessingtage 2013, die am 25. Januar beginnen.

Das Theaterfestspiel steht diesmal im Zeichen Europas, und selbstverständlich gehört der Islam dazu, denn er macht Europa viel Ärger und manchmal Freude. Auch Israel macht Europa mehr Ärger als Freude. Es wurde jedoch nicht eingeladen. Kann es nicht auch mal ohne Juden gehen? Aber warum sollte es?

gehirnakrobatik Ein Hauptereignis ist die Uraufführung Die Protokolle von Toulouse. Man wird sich erinnern: Ein muslimischer Terrorist und ein französisch-muslimischer Geheimdienstmann im Gespräch. Das Protokoll stellte die französische Zeitung »Libération« ins Netz, und die Journalistin Karen Krüger hat eine Bühnenfassung daraus gemacht. Im Programmheft heißt es: »In Montauban erschießt er am 11. und 15. März drei Soldaten, vier Tage später ermordet er drei Kinder und einen Familienvater mit Kopfschüssen, sie warteten vor einer jüdischen Schule auf den Bus.«

Das einzig Jüdische in diesem Satz ist die Schule. Das Wort Jude fehlt. Es stehen hier zufällig vor einer jüdischen Schule drei Kinder und ein Familienvater, und alle vier warten sie auf den Bus. Ist der Familienvater der Vater dieser drei Kinder? Wie wüsste man, dass er ein Familienvater ist? Aber so steht es nicht da. Jede Form von Beziehung zu den Juden wird in dieser Gehirnakrobatik vermieden. Obendrein kann nun geglaubt werden, der Muslim habe nicht gewusst, dass er Juden mordete. Er wusste es.

Bisher konnten wir Juden annehmen, die Vermeidung des Wortes Jude habe mit der Last des deutschen Erbes zu tun. Das stimmt auch und wird immer stimmen. Hinzugekommen ist die Absicht. Hinzugekommen ist das Bemühen um die Muslime. Und da stört der Jude. Dabei besonders.

Thalia-Theater-Intendant und Festspielleiter Joachim Lux fragt im Vorwort zum Programmheft der Lessingtage: »Gibt es tatsächlich Verbindendes zwischen Island und Istanbul, zwischen slawischen, germanischen und romanischen Kulturen?«

störfaktor Ja. Dass der Jude überall stört. Niemand stört so wie der Jude. Es geht nicht ohne ihn. Besonders ist er da, wenn er verdrängt wird. Europa, schreibt der Intendant, »begann als jüdische Kultur, als hellenistische Kultur, als Teil einer Mittelmeerkultur.« Was sagt das dem störenden Juden? Alles Schnee von vorgestern. Und weiter im Text: »Die konstruktiven und die destruktiven Fähigkeiten dieses kleinen Erdteils sind beispiellos.«

Ist da irgendwo die Schoa untergebracht? Weil ja Deutschland recht bequem mit europäischem Antisemitismus kooperieren konnte, zum Beispiel in Frankreich, und mit muslimischem Judenhass im damaligen Jerusalem. Aber beispiellos? Beispielhaft müsste es heißen. Denn das Destruktive wirkt bis heute nach, wenn deutsche Ordnungshüter von »Dönermorden« sprechen und sie selbst belastendes Material in den Reißwolf stecken.

Auch Europas »Wege der friedlichen Koexistenz« führen nach 1945 bei Intendant Lux an Israel beharrlich vorbei. Er nennt de Gaulles Vertrag mit Adenauer. Weiß er nichts vom Vertrag Adenauers mit Ben Gurion? Erst der ermöglichte Deutschland eine europäische Zukunft. In einem Vorwort ist nicht für alles Platz, und, fragt sich der Hamburger Intendant, »verblassen heute nicht mehr und mehr die gemeinsamen hellenistisch-jüdisch-römischen Wurzeln?« Ob Wurzeln verblassen können, bezweifelt der ewig störende Jude. Die jüdischen Wurzeln wachsen nach, in Europa und in Deutschland. Es war und ist ein pausenloses Kommen und Gehen zwischen Europa und dem Land der Juden.

bibel Die Eröffnungsrede der Lessingtage hält der chinesische Autor Liao Yiwu, und zwar am 27. Januar. Zugegeben, ein vom deutschen Staat aufgenötigter Gedenktag und also kein Hinweis im Kalendarium der Lessingtage. An einem 27. Januar befreite die Rote Armee Auschwitz. Für Herrn Liao Yiwu, dem Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, wäre es gewiss eine Ehre zu wissen, an welchem besonderen Tag man ihn sprechen lässt.

Man mag den Dichter des »Nathan« für philosemitisch halten. Kann man aber Lessingtage veranstalten ohne den ewig störenden Juden? Doch, man kann. In Hamburg am Thalia Theater. Neun große internationale Gastspiele, zwei Premieren, und nichts Jüdisches ist dabei. Ach, ja. Die Bibel. Das Schauspielhaus Zürich hat die Genesis dramatisiert. Aber die Bibel? Das Buch der Bücher? Die Bibel gehört allen.

»Die Lange Nacht der Weltreligionen« beschließt das Festival am 9. Februar. Da wird gewiss jemand von der Jüdischen Gemeinde schon eingeladen worden sein.

Eröffnung

Museum Zwangsarbeit zeigt Ausstellung zu »unerwünschten Kindern«

Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Regime waren verboten. Trotzdem gab es diese Kontakte ebenso wie Kinder aus diesen Beziehungen. Eine Ausstellung in Weimar widmet sich den Geschichten der betroffenen Eltern und Kindern

 29.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  29.10.2026

Auszeichnung

Shimon-Peres-Preis für deutsch-israelische Projekte

Für einen Dialog in Krisenzeiten werden jetzt zwei deutsch-israelische Projekte ausgezeichnet. Der Preis erinnert an den Friedensnobelpreisträger und israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres

 29.10.2026

Kulturkolumne

Tikkun Olam am Abend

Das Geheimnis der Waldschnepfe

von Sophie Albers Ben Chamo  29.10.2026

Frankfurt

Eine Akademie für Deutschland

Am Montag wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  29.10.2026

Tel Aviv

Gal Gadot will mit ihrer Familie nach Israel zurückkehren

Die Hintergründe

 29.10.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  28.10.2026

Zahl der Woche

810.000 wahlberechtigte Israelis

Fun Facts und Wissenswertes

 28.10.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 29. Oktober bis zum 4. November

 28.10.2026