Kulturerbe

Raubgut vom Tigris

Der Senat der Vereinigten Staaten hat – wie sonst nur selten – über Parteigrenzen hinweg votiert. In einer Resolution forderten seine Mitglieder von der Obama-Administration, das sogenannte Irakisch-Jüdische Archiv entgegen getroffener Vereinbarungen mit der irakischen Regierung vorerst nicht an Bagdad zurückzugeben. Das Außenministerium solle vielmehr erneut verhandeln, »um sicherzustellen, dass das jüdische Archiv ein Ort bleiben wird, in dem die Erhaltung und langfristige Pflege garantiert« werden könne.

Nicht nur die Senatoren haben Zweifel, dass der nahöstliche Staat, in dem es fast täglich zu Attentaten kommt, ein sicherer Ort für das kulturelle Erbe der irakischen Juden aus rund 2500 Jahren ist, an dem Wissenschaftler sowie irakische Juden und ihre Nachkommen studieren und forschen können.

Die Entscheidung der US-Senatoren wurde vom Jüdischen Weltkongress (WJC) und der Weltorganisation der Juden aus dem Irak (WOJI) begrüßt. »Der Senat verdient Lob dafür, dass er erkannt hat, dass das wertvolle Erbe der irakischen Juden nicht in den Irak zurückgebracht werden darf«, sagte der Präsident des WJC in den USA, Rabbiner Joel Meyers. »Wir danken den Senatoren Toomey, Blumenthal und den anderen, die diese Resolution initiiert haben, für ihre Arbeit zu diesem Thema.«

geheimdienst
Bagdad ist kein sicherer und adäquater Ort für ein Archiv der irakischen Juden, betonen beide Interessenvertretungen. Sie fordern schon seit Langem, die Bücher und Dokumente, die im Frühjahr 2003 von US-Truppen in den Räumlichkeiten des irakischen Geheimdienstes Mukhabarat entdeckt worden waren, nicht an die Stadt am Tigris zurückzugeben. Aus zwei Gründen: Zum einen ist die Gemeinde nach der Vertreibung der alten Machthaber und aufgrund der prekären Sicherheitslage im Irak so klein geworden, dass kaum ein Minjan zustande kommt. Zum anderen handelt es sich um Raubgut, das die Geheimpolizei des gestürzten Diktators Saddam Hussein Mitte der 80er-Jahre aus den Gemeinderäumen der irakischen Juden illegal weggeschafft hatte.

Das Gemeindearchiv wurde 1985 auf Lastwagen abtransportiert, als Geheimdienstleute in einer Nacht- und Nebelaktion auf Befehl von Saddam die letzte Synagoge Bagdads überfielen. Das Material galt seitdem als verschwunden, bis Pentagon-Mitarbeiter bei der Durchsuchung der Mukhabarat-Zentrale am 6. Mai 2003 im überfluteten Keller auf den jüdischen Dokumentenschatz stießen: Über 2700 Bücher in Hebräisch und Arabisch und Zehntausende von Dokumenten, Zeichnungen und Fotos, gesammelt in den Jahrtausenden der Existenz der jüdischen Gemeinde im Zweistromland.

fund Darunter fand sich eine hebräische Bibel aus dem Jahr 1508, ein babylonischer Talmud von 1793, mehrere Torarollen und eine reich verzierte Haggada aus dem Jahr 1902. Der Fund, aufwendig eingefroren, um ihn vor der Zerstörung zu retten, wurde anschließend in die USA ausgeflogen und in mehrjähriger Arbeit von Spezialisten restauriert und katalogisiert. Nach dem Ende der Restaurierungsarbeiten werden seit November vergangenen Jahres wertvolle Teile des Archivs in Washington und seit Anfang Februar im Museum of Jewish Heritage in New York präsentiert.

Obwohl die US-Regierung mit der irakischen Staatsführung die Rückgabe der Archivalien vereinbart hatte, gibt es seit Jahren Proteste vonseiten jüdischer Organisationen. Sie betonen, dass die Unterlagen nicht dem irakischen Staat, sondern der jüdischen Gemeinde im Land gehören. »Das Material ist das Erbe der Juden des Iraks, und sie allein haben einen Anspruch darauf«, betont Maurice Shohet, der Präsident der WOJI. »Es wurde ihnen von einem verbrecherischen Regime geraubt.

Logischerweise muss das Irakisch-Jüdische Archiv den Juden zurückgegeben werden.« Der WJC und die WOJI plädieren dafür, die Bücher und Dokumente an das Babylonian Jewish Heritage Center in Or Jeduda zu geben. Die Einrichtung in der Nähe von Tel Aviv beschäftigt sich ausschließlich mit der Geschichte der Juden im Irak.

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