Berlin

»Rationale Vorbehalte«

Das Beuth-Denkmal am Schinkelplatz in Berlin Foto: imagebroker.com

Noch im Juni hatte Monika Gross, Präsidentin der Beuth Hochschule für Technik Berlin, den Wunsch geäußert, die Umbenennung der Hochschule innerhalb eines Jahres zu beschließen (vgl. Jüdische Allgemeine vom 25. Juni 2018). Auf einer Podiumsdiskussion im vergangenen Jahr schien in weiten Teilen Einigkeit über diese Pläne zu herrschen. Doch nun ist die Debatte an einem völlig anderen Punkt angelangt. Es wird nicht mehr darüber gestritten, ob der Antisemitismus von Beuth ein Grund ist, sich von ihm als Namenspatron zu lösen, sondern infrage gestellt, ob Beuth überhaupt Antisemit war.

Christian Peter Wilhelm Friedrich Beuth (1781–1853) gilt als Vater der preußischen Gewerbeförderung. Er bekleidete von 1801 bis 1845 verschiedene Positionen im preußischen Staatsdienst, war Mitglied des Staatsrats und diente zuletzt als Geheimer Oberfinanzrat.

GUTACHTEN Der Rassismusforscher Achim Bühl, Professor für Soziologie an der Beuth‐Hochschule, war bei Recherchen für ein Seminar zur »Geschichte des Antisemitismus« auf die von dem Germanisten Stefan Nienhaus herausgegebenen »Texte der deutschen Tischgesellschaft« und eine dort abgedruckte Rede Beuths gestoßen. Bühl war zutiefst erschrocken über Beuths antisemitische Entgleisungen und Hasstiraden. Im Vorwort seines Buches Rassismus: Anatomie eines Machtverhältnisses stellte Bühl Beuths extremen Antisemitismus dar. Nach Erscheinen des Buches informierte er unverzüglich das Präsidium der Hochschule über seine Entdeckung, was die Präsidentin zum Anlass nahm, ein Zweitgutachten zu Beuths Antisemitismus in Auftrag zu geben.

Der ehemalige Hochschulpräsident stellt die Erkenntnisse der Historiker infrage.

Die Historiker Jörg Rudolph und Christian Schölzel stützen sich in ihrer Studie unter anderem auf Originalquellen der Bibliothek der Jagiellonen‐Universität Krakau und aus dem Westfälischen Wirtschaftsarchiv Dortmund. Doch vor allem im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz fanden sie aufschlussreiche Akten der Preußischen Behörden und staatlichen Gremien, deren Mitglied Beuth war.

Auch wenn sie in ihrem Gutachten nicht zu dem Schluss kommen, dass die Hochschule umbenannt werden sollte, so stimmen sie Bühl doch darin zu, dass Beuth einen – auch für die damalige Zeit – besonders stark ausgeprägten Antisemitismus vertrat. Im Abstract des Gutachtens konkludieren sie: »An dieser im zeit­üblichen Spektrum durchaus als rigide zu bezeichnenden judenfeindlichen Haltung ändern pragmatische Zugeständnisse des Freihändlers Beuth gegenüber Juden im Bereich der Wirtschaft nichts.«

Diesem Fazit widerspricht Reinhard Thümer, der bei der Umbenennung der ehemaligen TFH Berlin in Beuth‐Hochschule im Jahr 2009 noch Präsident war, vehement. Gemeinsam mit Gerhard Ackermann, ebenfalls Altpräsident der Hochschule, will er das Ansehen Beuths retten. In einer Erwiderung auf die Erkenntnisse Bühls wehren sie sich gegen die Umbenennungspläne und fordern »trotz der Haltung Beuths in diesem Punkt (Antisemitismus) an dem Namen fest(zu)halten in der festen Überzeugung, dass wir gerade die negative Seite Beuths, seinen Antisemitismus, aushalten und Antisemitismus niemals eine Chance geben werden, weder in privaten Zirkeln noch in unserer Hochschule«.

Im anhängigen Recherchematerial wird empfohlen, der Frage nachzugehen, ob es »rational nachvollziehbare Vorbehalte gegen die jüdische Bevölkerung« gab. Das klingt fast so, als wollten die Altpräsidenten eine Rechtfertigung für Beuths Antisemitismus finden.

WISSENSSTAND Die Autoren und die Präsidentin zeigten sich auf Nachfrage dieser Zeitung empört über die Bezeichnung dieser Passage als antisemitisch. Nur Ackermann räumt ein, dass die Formulierung der Frage »unglücklich« und nach seinem Wissensstand dieser Anhang nicht zur Veröffentlichung gedacht war. Doch auch andere Stellen des Papiers geben Anlass zur kritischen Nachfrage, so ist etwa die Rede von den »mit den Franzosen sympathisierenden Juden«.

Konstatieren die Altpräsidenten in ihrer ersten Stellungnahme gleichwohl Antisemitismus bei Beuth, so stellt Thümer diesen Sachverhalt in einer zweiten Stellungnahme nunmehr zur Gänze infrage. Schon der Titel »Christian Peter Wilhelm Beuth, ein Antisemit?« legt nahe, dass der Altpräsident und Doktor der Ingenieurswissenschaften die Forschungsergebnisse von Nienhaus, Bühl, Rudolph und Schölzel anzweifelt. Gestützt auf fragwürdige Untersuchungen Ackermanns, behauptet Thümer, dass Beuth die besagte Rede nie gehalten habe, und zweifelt auch dessen Mitgliedschaft in der Deutschen Tischgesellschaft an, die schon in ihren Statuten durch den Ausschluss von Juden antisemitisch ausgerichtet war.

Obwohl Rudolph und Schölzel in ihrem Gutachten bereits dargelegt hatten, warum Beuth trotz seines Antisemitismus in seiner Funktion als Finanzrat gegenüber den Juden Zugeständnisse machte, erklärt Thümer in seiner Stellungnahme, dass Beuths fehlendes Engagement im Hinblick auf den Ausschluss von Juden auch aus der Wirtschaft ein Beleg dafür darstelle, dass dieser kein »politisch engagierter Antisemit« gewesen sein könne.

Dass Beuths Antisemitismus nicht oberste Priorität war, wenn es um die Förderung der Wirtschaft ging, bezeugt jedoch nicht, dass der preußische Oberfinanzrat kein glühender Antisemit war. Bühl reagierte mit deutlichen Worten auf Thümers Stellungnahme und nennt diese »ein unwissenschaftliches Papier …, welches keinen einzigen Beleg für Suggestionen, schräge Hypothesen und groteske Szenarien vorlegen kann«. Es verfolge allein die Intention, die Hochschulangehörigen zu verwirren und den Diskurs zu entpolitisieren.

PASSWORTSCHUTZ Beide Stellungnahmen wurden nach einem Tag online mit Passwortschutz versehen, sodass sie nun nur noch für Mitglieder der Hochschule zugänglich sind. Gleiches gilt für einen Link auf einen Selbstdarstellungstext der Umbenennungsinitiative, der eine eigene Website auf der Homepage der Hochschule vom Präsidium versagt wurde.

Die Hochschule verwehrt der Initiative zur Umbenennung eine eigene Website.

Auch wenn Bühl durchaus Unterstützer im Kollegium hat, wird er von vielen eher als Unruhestifter wahrgenommen. In einem Kurzstatement nannte er das zweite Papier Thümers »antisemitisch«, ein Vorwurf, der wohl mit größerem Entsetzen aufgenommen wird als Antisemitismus selbst.

Auch scheint es, als ob einige Hochschulangehörige Beuths Antisemitismus relativieren wollten. Auf einer Sitzung des Akademischen Senats zu Beuths Antisemitismus wurde ein Materialpaket des Präsidiums zur Umbenennungsdebatte der Hochschule verteilt, das unter anderem zwei Artikel über Rassismus in Albert Einsteins Reisetagebüchern enthielt. Man zieht also einen Juden heran, um zu zeigen, dass »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« nicht nur ein Laster Beuths war.

An diesem Donnerstag beginnt an der Beuth‐Hochschule ein zweitägiges öffentliches Symposium zu »Christian Peter Wilhelm Beuth in seiner Zeit«, auf dem unter anderem die Präsidentin Monika Gross und der Germanist Stefan Nienhaus sprechen. An der Podiumsdiskussion zum Thema »Herausforderung: Namensgebung von Bildungseinrichtungen« am Freitag nimmt auch Reinhard Thümer teil, jedoch nach bisherigem Kenntnisstand kein Vertreter der Umbenennungsinitiative. Das Symposium wird per Livestream übertragen (www.beuth-hochschule.de/live) und anschließend als Aufzeichnung auf www.beuth-hochschule.de/beuthbox zur Verfügung stehen.

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