Debatte

Rätselhafte Femme fatale

In der Kritik: Kabarettistin Lisa Eckhart Foto: imago

Als Woody Allen noch ein blutjunger Stand-up-Comedian war, stand er zu Beginn seiner Show eine Weile stumm auf der Bühne und blickte durch eine viel zu große Brille auf das Publikum. Nach einer Weile zog er eine Taschenuhr hervor, blickte kurz darauf und sagte dann: »Die ist von meinem Großvater ...«, und nach einer kurzen Pause: »… die hat er mir auf dem Totenbett verkauft!« Der Gag funktionierte fast immer. Aber warum? Weil jeder im Publikum wusste, dass der Großvater des Comedians ein jüdischer Opa war, der hier von seinem Enkel als ein bis zum letzten Atemzug geldgeiler Mann stigmatisiert wurde.

War die Pointe also antisemitisch oder nur der satirische Umgang mit einem antisemitischen Klischee? Letzteres natürlich, und das hat auch niemand falsch verstanden. Bei Dieter Hildebrandt hätte dieser Gag nicht funktioniert. Er hätte auch einen anderen Gag nicht machen können, den Woody Allen Jahrzehnte später als bereits weltberühmter Filmemacher in einer Talk-Show losließ: »Immer, wenn ich die Musik von Wagner höre, habe ich das Bedürfnis, Polen zu überfallen!«

UNTERSCHIED Ganz sicher hatte Allen zeitlebens nie das Bedürfnis, Polen zu überfallen, wahrscheinlich nicht mal Mexiko. Es war ein Gag, den er sich leisten konnte und Hildebrandt eben nicht. Dieser nämlich steckte als junger Mann selbst noch in der Wehrmachtsuniform. Der einzige Unterschied aber ist es nicht, dass Woody Allen als jüdischer Junge in Brooklyn aufwuchs, während Dieter Hildebrandt in Europa noch für Hitlers Endsieg kämpfte. Beide konnten nichts dafür, so war es eben. Dann aber machten sie Karriere im Komiker-Business, und nun lag der Unterschied zwischen den beiden im Rechthaben bzw. dem Gegenteil.

Das Prinzip der klaren Ansage hatte nur selten einen doppelten Boden, weshalb es bis heute als Bewertungsmaßstab für Satire herhalten muss.

Man muss in keiner Jeschiwa gewesen sein, um das talmudische Prinzip der (mindestens) zwei Wahrheiten verinnerlicht zu haben. »Ein Jude, zwei Meinungen!« drückt jenen inneren Konflikt aus, den Woody Allen in vielen seiner Filme vor aller Welt thematisierte. Im Nachkriegsdeutschland aber stand mit Dieter Hildebrandt eine ganze Kabarettisten-Generation auf der Bühne, bei der immer klar war, dass sie als moralische Instanz die Guten waren, die mit dem Finger auf das Böse zeigten. Das Prinzip der klaren Ansage war einfach zu verstehen, hatte nur selten einen doppelten Boden, weshalb es vielerorts bis heute als Bewertungsmaßstab für Satire herhalten muss.

TRADITION Längst aber treten auch hierzulande Comedians auf, die mit der herkömmlichen Kabarett-Tradition gebrochen haben. Wirklich Neues war lange nur den Wenigsten gelungen, zumindest nicht, wenn sie politisch sein wollten. Denn das Korsett der political correctness drückte und kniff an allen Enden. Harald Schmidt war im Umgang damit schon einer der Mutigeren, mit einem Vorbild jenseits des Atlantiks, welches er teils bis in die Gesten kopierte: David Letterman. Bei der Themensetzung spielte es auch diesmal eine Rolle, dass das Original ein Jude und die Kopie ein Goj war und bei der Zusammensetzung des Publikums sowieso. Vielen deutschen Comedians aber war gottlob das Oberlehrerhafte abhandengekommen, welches das deutsche Kabarett ausgezeichnet hatte.

Seit einiger Zeit flattert nun eine extrovertierte Österreicherin, mal im körperbetonten Luxusoutfit, mal halbnackt über Bühnen und Bildschirme, gestikuliert mit dünnen Händen, auf denen bunte Fingernägel kleben, die wie die Krallen eines Raubtieres wirken, und spricht dabei höchst artifiziell solch verschachtelte Sätze wie diesen hier. Political correctness scheint ihr bestenfalls als Begriff bekannt zu sein, und ein definiertes Zielpublikum scheint für sie nicht zu existierten. Das allein ruft schon Gegner auf den Plan. Eine Facebook-Userin findet Lisa Eckhart – so heißt die so umstrittene wie streitbare Kabarettistin – »widerlich und unerträglich blasiert«. Eine andere vermag in ihr einfach nur eine »dämliche Ziege« zu sehen.

ROLLENSPIEL Solch subjektive Empfindungen zu artikulieren, ist deren gutes Recht. Lisa Eckharts Zuschauer in den ausverkauften Sälen, in denen sie bis zum Ausbruch der Corona-Krise auftrat, sahen und sehen das naturgemäß anders, und ich gestehe, einer von denen zu sein. Am 24. Januar habe ich im »Tipi am Kanzleramt« eine Künstlerin erlebt, die im bewundernswerten Rollenspiel als Femme fatale ein Feuerwerk an blitzgescheiten Assoziationen über die Rampe schickte, gesellschaftliche Vorurteile allein dadurch entlarvte, dass sie sie überspitzte.

Ich habe eine Künstlerin erlebt, die im bewundernswerten Rollenspiel gesellschaftliche Vorurteile allein dadurch entlarvte, dass sie sie überspitzte.

Das in der ersten Person Singular vorzutragen, ist ein riskantes Spiel, wie sich nun mit einer Verzögerung von anderthalb Jahren zeigt. Im September 2018 war Lisa Eckhart auf dem Höhepunkt der Me-too-Debatte in der WDR-Sendung »Mitternachtsspitzen« aufgetreten. Sie stellte augenzwinkernd (was in der Schriftform natürlich nicht erkennbar ist) die Frage, ob die #MeToo-Bewegung nicht antisemitisch sei. Immerhin seien Harvey Weinstein, Woody Allen und Roman Polanski Juden. »Am meisten enttäuscht es von den Juden, da haben wir immer gegen den Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld, und jetzt plötzlich kommt raus, denen geht’s wirklich nicht ums Geld, denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld«, so die Kabarettistin.

KLISCHEES Der (jüdische) Provokateur Lenny Bruce hätte das ganz bestimmt komisch gefunden, und selbst Woody Allen würde sich womöglich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen können. Hierzulande aber brachte es ihr von Seiten des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung den Vorwurf ein, solche Sätze seien »geschmacklos und kritikwürdig«, und auch Kommentatoren dieser Zeitung zeigten sich nicht amüsiert.

Das kann man ja alles so sehen und das wäre auch berechtigt, wenn Lisa Eckhart nachzuweisen wäre, nicht etwa eine satirische Überhöhung eines antisemitischen Klischees vorgehabt zu haben. Dann nämlich wäre es purer Judenhass und keine Satire und »Mitternachtsspitzen« hierfür definitiv das falsche Sendeformat. Nun kann man Lisa Eckhart ja schlecht fragen, wie sie es gemeint hat. Denn zum einen erklären Satiriker ihre Satire nicht (bei dem Versuch ist man vor fast 100 Jahren schon bei Karl Valentin gescheitert). Zum anderen haben sie auch gar nichts dagegen, zu polarisieren, das ist schließlich Teil des Geschäftsmodells.

WUNDEN Journalisten vom Wiener »Standard« war es vor einiger Zeit doch einmal gelungen, Lisa Eckhart zu einer Art von Erklärung zu bewegen. Damals ging es nicht um Juden, sondern um »Neger«, die sie in ihrem Programm konsequent so nannte. Sie erklärte es damit, dass sie in Wunden ihres weißen Publikums bohren wolle, »das seinen Humanismus oft nur stupid auswendig gelernt« habe. Dabei gehe es dem Publikum »wie so oft nur um sein eigenes Unbehagen und nicht um das der Schwarzen«.

Hatte sie diesmal in den Wunden der Antisemiten bohren wollen oder gar in denen der Philosemiten? Dann hätte sie tatsächlich etwas von Woody Allen gelernt, und ihr Manko bestünde einzig darin, keine Jüdin zu sein. Für jene aber, die den WDR auffordern, Lisa Eckharts Auftritt aus der Mediathek zu entfernen, sei dann Karl Kraus zitiert: »Satiren, die der Zensor versteht, werden mit Recht verboten.«

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