Nachruf

Radikal subjektiv

Herzlicher Rebell: Yoram Kaniuk 1930–2013 Foto: Flash 90

Yoram Kaniuk starb jung. Am Abend des 8. Juni ist der Schriftsteller, Maler und Journalist im Ichilov-Krankenhaus in Tel Aviv nach jahrelangem Kampf einem Krebsleiden erlegen. Kaniuk war 83 Jahre alt. Aber sein rebellischer Zorn und seine Begeisterungsfähigkeit waren so jung, wie seine Herzlichkeit vorbehaltlos war.

Er war mit den Jahren nicht abgeklärt oder zynisch geworden, auch wenn er inzwischen nicht mehr glaubte, dass Israel gegenüber der Feindschaft der arabischen Welt auf Dauer bestehen könne. Und er war froh, nicht mehr miterleben zu müssen, dass »Europa islamisch wird«. Doch bis zuletzt war Kaniuk immer noch der Erste, der ungeduldig und wütend die Stimme erhob, wenn ein Araber misshandelt wurde oder sich etwa ein Ort in Israel weigerte, muslimische Überlebende aus Darfur aufzunehmen.

palmach-kämpfer Kaniuk musste mitansehen, dass Israel unter Benjamin Netanjahu jenem Staat, für dessen Geburt er 1948 in der Palmach unter Yitzhak Rabins Kommando gekämpft hatte, immer unähnlicher wurde. Er wusste, dass er an dieser Entwicklung nichts ändern konnte, und hörte gleichwohl nicht auf, dagegen seine Stimme zu erheben. Er konnte nicht anders. Auch mit dem Schreiben hörte er nicht auf. »Mein Kopf«, sagte Kaniuk vor wenigen Wochen, »arbeitet noch wie ein Traktor. Nur der Rest des Körpers eben nicht.« Das beklagte er nicht. Er stellte es fest.

Als Schriftsteller war Kaniuk seiner Zeit immer voraus gewesen. Deswegen musste er bis in sein 75. Lebensjahr warten, dass eine Generation von israelischen Lesern herangewachsen war, die seine besondere Art des Geschichtenerzählens liebte und verstand. Als er Anfang der 60er-Jahre in New York mit der Schriftstellerei begann, bekannte Kaniuk einmal, hätte er gerne wie Samuel Joseph Agnon geschrieben. Aber jedes Buch, das er anpackte, wurde nun einmal unweigerlich ein Kaniuk-Roman.

Yoram Kaniuk fühlte sich immer »anders«. Schon früh war seine liebste Gestalt im Judentums Rabbi Elisha Ben-Avujah, den man im Talmud »den Anderen« nennt. »Ich wollte schon als junger Mann immer verstehen, warum man über Ben-Avujah, der die jüdische Religion ja verlassen hatte – und das lange, bevor ich so etwas Schreckliches getan habe –, so viel geschrieben hat. Die Rabbiner redeten über ihn wie über einen Verräter, und doch konnten einige von ihnen nicht anders, als ihn irgendwie doch zu lieben«, erzählte Kaniuk vor nicht allzu langer Zeit auf einer Veranstaltung, die ihm zu Ehren in Tel Aviv stattfand.

»I did it my way«, fuhr Kaniuk an dem Abend fort. »Das ist ein Lied von Paul Anka. Nicht von Frank Sinatra. Der hat das nur so schön gesungen. Und irgendwo zwischen Elisha Ben-Avuyah und Frank Sinatra und Paul Anka, da gibt es etwas, dem ich mich nahe fühle. Ich weiß allerdings nicht genau, was dieses Etwas ist. Ich weiß nur, dass ich mein Leben lang immer nur das gemacht habe, was ich machen wollte.«

wesentlich
Irgendwann vermutete Kaniuk sogar, dass er offenbar etwas autistisch sei: »Denn niemand sah, fühlte und schrieb, was ich sah, fühlte und schrieb.« Er konnte eben nicht anders, als anders zu sein. Seine Geschichten und Romane sind radikal subjektive Bücher, die den Leser in die Kaniuk-Welt hineinziehen. Eine ganze Welt »anderer« erlebter und erfundener Geschichten. In knappen Sätzen.

Dass Yoram Kaniuk gerade im Alter immer wieder für sein Werk ausgezeichnet wurde, hat ihn sicher gefreut. Doch war diese Freude nichts im Vergleich zu jener, die er empfand, wenn er seinen kleinen Enkel im Hinterhof auf dem Trampolin springen sah. Der Schriftsteller Yoram Kaniuk hat nie den Blick für das Wesentliche verloren. Auch darin war er – anders.

Sehen!

»In the Hand of Dante«

Die Handlung springt zwischen den Jahrhunderten hin und her. Trotzdem ist der Film mit Gal Gadot und Oscar Isaac ein gelungenes Werk

von Katrin Richter  10.07.2026

Musik

Der Mann, der die 13 fürchtete

Zum 75. Todestag des Komponisten Arnold Schönberg

von Axel Brüggemann  10.07.2026

Entscheidung

Halberstädter Museum für jüdische Kultur wird weiter gefördert

Im Jahr 2001 wurde das Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte und Kultur in Halberstadt gegründet. Zum Museum gehören die frühere Mikwe sowie die Synagoge im ehemaligen rabbinischen Lehrhaus, der Klaus. Sie bekommen weiterhin eine Förderung.

 09.07.2026

Brüssel

Autorinnen canceln Auftritt wegen geplantem Konzert von Lahav Shani

Die Kontroverse um den Auftritt der Münchner Philharmoniker unter Leitung ihres israelischen Chefdirigenten hält an: Zwei Französinnen verkündeten nun, dass sie nicht wie geplant im Brüsseler Bozar auftreten wollen

 09.07.2026

Los Angeles

Chalamet und Villeneuve stellen »Dune: Teil 3«-Trailer vor

Der dritte Teil der Science-Fiction-Reihe kommt kurz nach Chanukka in die Kinos. Mit dem Regisseur stimmt der jüdische Hauptdarsteller jetzt mit einem düsteren Trailer auf das Werk ein

 09.07.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  09.07.2026

Speyer, Worms und Mainz

SchUM-Stätten feiern fünfjährigen »Welterbe-Geburtstag«

Vor fünf Jahren erhielten sie wegen ihrer wichtigen Bedeutung für das mittelalterliche Judentum den Welterbe-Titel. Nun feiern die SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz die Aufnahme auf die Unesco-Welterbeliste mit einer Veranstaltung in Speyer

 09.07.2026

Berlin

Bücher als portatives Vaterland

»Altneuland« ist der erste säkulare hebräische Verlag in der Diaspora seit 1948. Ein Besuch in Neukölln

von Ayala Goldmann  09.07.2026

Zahl der Woche

1. Maccabiah-Goldmedaille

Fun Facts und Wissenswertes

 08.07.2026