Literatur

Profit und Poesie

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Literatur

Profit und Poesie

Nir Baram erkundet in seinem Polit-Thriller »Weltschatten« den Kosmos des schmutzigen Geldes

von Jonathan Scheiner  26.09.2016 19:35 Uhr

Der neue Roman des israelischen Schriftstellers Nir Baram kommt wie ein Polit-Thriller daher: In Weltschatten gibt es eine im Verborgenen agierende amerikanische Politikberatungsfirma, die weltweit die Strippen zieht, es gibt einen jungen israelischen Aufsteiger, dessen eingeschränkte Fantasie sich aufs bloße Geldverdienen reduziert, und einen Aussteiger, der seine Rachegelüste an seinen Ex-Kollegen stillt, indem er sich das Potenzial einer anarchistischen Bewegung zunutze macht. Diese plant nicht weniger, als die gesamten Geldströme dieser Welt mit einem Generalstreik zu kappen.

Nir Barams Thema sind also dreckige Geschäfte und Geld, das zum Himmel stinkt. Seine Figuren sind Saubermänner, die sich die Hände nicht schmutzig machen, obwohl sie mit allem handeln, was Profit verspricht, selbstverständlich auch mit Waffen, die sie trotz Waffenembargo an einen afrikanischen Despoten verhökern. Baram beschreibt die üblichen »Nebenwirkungen« der kapitalistischen Gesellschaft, die zuweilen hochschreckt, wenn die schmutzigen Deals der Hintermänner ans Tageslicht geraten, sich aber nicht gegen die Akteure des Kapitalismus auflehnt.

Provokation Gesellschaftspolitisch betrachtet, ist es also nichts Besonderes, was Nir Baram hier thematisiert, außer, dass er seinen Plot ins boomende Israel der 90er-Jahre verlegt. Und wäre der Autor nicht selbst ein jüdischer Israeli, dann könnte man meinen, hier würden alle antisemitischen Klischees einer »jüdischen Weltverschwörung« bedient. Das macht Baram natürlich nicht aus Versehen: Er ist bekannt dafür, Israels Gesellschaft scharf zu kritisieren. Provokation ist sein probates Mittel.

Die Handlung ist schnell erzählt: Gavriel Manzur, die Hauptfigur des Romans, bekommt Zugang zu den Kreisen mächtiger israelischer Geschäftsmänner, die wiederum beste Beziehungen zur amerikanisch-israelischen Politik pflegen. Manzur, ein Greenhorn auf dem Parkett der Hautevolee, soll US-Geld aus einem Hedgefonds in die »Jüdische Stiftung für Demokratie« stecken.

Das klingt gutmenschlich, aber tatsächlich geht es um Profit, Geldwäsche und politische Einflussnahme. Im Hintergrund fädeln die beiden Israelis Wolfsohn und Horowitz ein Waffengeschäft mit dem skrupellosen kongolesischen Diktator Lubanga ein. Zu Gast in dessen Villa in Kinshasa kommen sie in den Genuss, »zu vögeln wie Valentino, zu schlemmen wie in Paris und selig zu schlafen wie Gott während des Holocaust«.

Oberfläche Hört sich spannend an, aber leider ist diese Passage – wie viele andere auch – alles andere als mitreißend erzählt. Und genau hier liegt das Problem des Buches: Baram präsentiert einen 500 Seiten schweren Roman, der nur an der Oberfläche die Ingredienzen eines Thrillers besitzt. Darunter fehlt das Entscheidende: der »Thrill«.

Lubanga ist kein Despot, bei dessen Beschreibung einem das Blut in den Adern gefriert. Und Gavriel Manzur ist nicht mehr als ein Geschäftsmann ohne Eigenschaften, wie er gewöhnlicher nicht sein könnte. Statt Action und literarischer Virtuosität werden politische Ränkespiele beschrieben, wie sie so oder so ähnlich in der Realität stattfinden. Das aber ist eigentlich das Spielfeld der Reportage, eines Genres, in dem Baram erwiesenermaßen mehrmals brilliert hat und eigentlich zu Hause ist.

Denn dort hat er genau hingesehen, hat niedergeschrieben, was er in den von Israel besetzten Gebieten mit eigenen Augen gesehen hat. Dabei hat er versucht, oft genug gegen seine linke Gesinnung, neutral zu bleiben, Distanz zu wahren. Im Roman ist das ganz anders. Dort wird die Neutralität des Autors zum Pferdefuß: Als wäre Nir Barams Weltschatten von Personen bevölkert, die der Autor nur vom Hörensagen kennt.

Nir Baram: »Weltschatten«. Carl Hanser, München 2016, 512 S., 26 €

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