Ruth Klüger

Prinzip Klarheit

Immer deutlich, gelegentlich auch schroff: Ruth Klüger Foto: dpa

Auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele sitzt Ruth Klüger. Matinee am Sonntag. Das Haus ist ausverkauft. Ihre Autobiografie weiter leben. Eine Jugend, mit der sie wie über Nacht in allen deutschsprachigen Ländern bekannt wurde, liegt auf dem Tisch. Jetzt dürfen die Leute fragen. Ein alter Mann steht auf. Er sagt, er könne nicht verstehen, dass nach alledem schon wieder Antisemitismus in Deutschland sei. Was Ruth Klüger dazu meine? Das Publikum murmelt teils zustimmend, teils unruhig. Der Mann ist im Saal bekannt, Arie Goral-Sternheim. Den meisten ist dieser streitbare Jude, dessen weißer Haarschopf unter der Baskenmütze hervorsprießt, ein Querulant, er geht ihnen auf die Nerven.

Ruth Klüger beugt sich vor, um den Alten besser sehen zu können. »Also, das regt mich auf«, sagt sie, und wird damit vom Publikum missverstanden, was sich sofort ändert: »Ich kann nicht verstehen, wie Sie so etwas fragen können. Das höre ich so oft von euch alten Juden! Ihr habt es doch miterlebt, und schon weit vor 1933.«

Das Publikum ist erschrocken. Die berühmte und beliebte Jüdin streitet sich in aller, nichtjüdischer Öffentlichkeit mit dem weniger beliebten Juden, der ihr Vater sein könnte. Und noch erschrockener ist man, als man begreift, zwischen der Wiener Jüdin, die als Kind mit ihrer Mutter Theresienstadt, Auschwitz, Christianstadt überlebte, und dem von Hamburg nach Palästina und wieder nach Hamburg gewanderten alten Juden geht es um den ganz normalen Deutschen, sozusagen um das Publikum selbst.

weiter leben Das war vor 19 Jahren. Ruth Klügers Buch war gerade erschienen. Ein deutsches Buch hat sie weiter leben genannt. Es sprang in das eben wieder vereinigte Deutschland, wie ein lebendiges jüdisches Mädchen von damals. Das Mädchen spricht. Es erzählt davon. Dazwischen die Stimme der Schriftstellerin, die erwachsene Jüdin, die sich selbst befragt und ihre deutschsprachige Leserschaft begutachtet.

Im Kanon der Werke über diese Zeit ist das Buch etwas Einmaliges. Warum? Ruth Klüger hat sich das auch gefragt, »wenn es doch nichts berichtet, was man nicht vorher schon wusste«. Viele loben die Aufrichtigkeit, die manche manchmal auch entrüstet, wenn es um die Mutter der Autorin geht. Sie habe tatsächlich an keiner Stelle gelogen, sagt Ruth Klüger. »Aber woher wollen die Leute das wissen?« Es sei der Stilbruch, das Hin und Her zwischen den Gedankenebenen, »auf denen wir alle uns bewegen«. Sie glaubt, das von Heine gelernt zu haben, und sagte es, als ihr der Heinrich-Heine-Preis verliehen wurde. »Unser Verstand ist kein Seiltänzer, der hoch über der Erde schwebt, ohne Furcht, herunterzufallen. Doch auch umgekehrt: Unser Gemüt ist sehr wohl eine Fußgängerin, die gerne eine Seiltänzerin sein möchte und sich daher nach der hohen Stilebene sehnt.«

fluchtreflex Allen Lesern, auch den jüdischen, die das Buch noch nicht kennen, sei gesagt: Keine Angst, wenn es uns dahin führt, wo wir nicht waren. Es ist ein Geschenk. Aber bitte deswegen keine Dankbarkeit. Nichts, was nach dem süßen Gift der Vereinnahmung schmeckt. Dann wird sie schroff und schimpft. Oder sie flieht, ist entwischt und frei. Keine gemütliche Gemeinsamkeit mit ihr. Die will vernichten, was war und zu ihrem Leben gehört. Flucht ist weiter leben, ist Selbstbehauptung. »Flucht war das Schönste, damals und immer noch.«

Lesen war leben. Bücher waren das Einzige, was dem Mädchen in Wien geblieben war, zunehmend ausgesperrt aus dem Leben mit anderen Kindern. Und zunehmend verschwanden die Männer aus ihrer Welt. Zuerst Schorschi, ihr Bruder. »So wie er wollte ich werden, soweit das ein Mädel halt konnte. Eines Tages war er weg.« Dann ihr Vater. »Ein Tyrann von wunderbarer Leuchtkraft, auf den man sich letzten Endes nicht verlassen konnte, denn er ist ja nicht wiedergekommen.«

Sie war acht Jahre alt, als er nach Frankreich floh. Man nahm an, Frauen und Kindern würde nichts getan. Die trügerische Ritterlichkeit des Patriarchats. Später in Büchern über die Vernichtung der Judenheit das Tabu, nicht zu unterscheiden zwischen männlichen und weiblichen Opfern. Aber in ihrer KZ-Welt gab es kaum Männer. »Ich lebte mehr als zuvor unter erwachsenen Frauen«, mit Jüdinnen und unter KZ-Wärterinnen, zwischen Frauen als Sklavinnen und Frauen als Machtmenschen. Das jüdische Mädchen, mit dem die KZ-Wärterin an einem Tag guter Laune spielt; »das Kalb«, schreibt Ruth Klüger, »bleibt trotzdem Schlachtvieh«.

feminismus Frauen beschäftigen Ruth Klüger weiterhin. Die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin schreibt in der Literarischen Welt monatlich eine Kolumne, die den Titel »Bücher von Frauen« trägt. Wortgenauigkeit auch hier. Es heißt bei ihr eben nicht: Frauenliteratur. In ihrem Buch Frauen lesen anders schreibt sie: »Ich ärgere mich leichter als männliche Leser über die Trivialisierung und Stereotypisierung von Frauen, kein Wunder.« Dahinter stecke nicht nur »eine gutgemeinte Verkennung meinesgleichen, sondern auch gewisse Hoheitsansprüche, die mit Nationalismus und Herrenmenschentum zu tun haben«.

Vergleichbar in Bezug auf Juden. Ob es ein »Judenproblem« in der deutschen Nachkriegsliteratur gebe, fragt sie in Katastrophen – Über deutsche Literatur. Das Problem existiert und möchte nicht da sein, es überzuckert sich sentimental und ist pervertiert im Vergleich zu dem, was es in vorausgegangenen Jahrhunderten einmal war.

Bücher von ihr für uns alle. Nur weiter leben hat sie nicht für Juden geschrieben. Als ich das auf Seite 141 las, war ich gekränkt. Wieso nicht? »Das täte ich gewiss nicht in einer Sprache, die zwar damals, als ich ein Kind war, von so vielen Juden gesprochen, gelesen und geliebt wurde, dass sie manchen als die jüdische Sprache schlechthin galt, die aber heute nur noch sehr wenige Juden gut beherrschen.« So las ich und war noch gekränkter. Aber recht hat sie.

»judenproblem« Wir saßen zusammen bei Thomas Mitscherlich, hoch über den Dächern von Klamottenburg, wie Altona einst genannt wurde, als dort »Plünjuden«, so sagten die Hamburger, mit alter Kleidung handelten. Er wollte einen Film über Ruth Klüger drehen. »Was ist euch an den Juden so wichtig?«, fragte sie. Ich klammerte mich an meine Mutter. Sie sei Jüdin, also ich auch. »Na gut«, sagte sie. »Aber Sie leben hier in Deutschland auf dem Nichts. Wozu jüdisch sein? Alle Spuren ausgelöscht. Nur Museumskultur.« Ich fühlte mich von ihr attackiert und habe eine Weile damit zugebracht. Schon wieder hatte sie recht. Und dann wuchs mir Kraft aus ihrer Radikalität. Das Nichts ist Etwas. Mein jüdisch-deutsches Bruchstück, ein Ort für den Abgrund und für das, was davor war.

Ruth Klüger kam am 30. Oktober 1931 in Wien als Arzttochter zur Welt. 1942 wurde die Elfjährige mit ihrer Mutter zuerst nach Theresienstadt, von dort später nach Auschwitz deportiert. Nach der Befreiung ging Klüger 1947 in die USA und studierte Germanistik. Später lehrte sie als Literaturwissenschaftlerin in Princeton und an der University of California. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Ruth Klüger 1992 durch ihr Buch »weiter leben«, in dem sie ihre Kindheit und Jugend während der Schoa aufarbeitete. Die autobiografische Aufzeichnung erhielt zahlreiche Literaturpreise und wurde ein Bestseller. Zuletzt veröffentlichte Ruth Klüger 2010 den Band »Was Frauen schreiben« (Zsolnay, Wien).

Tobias Korenke

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