Reimund Leicht

»Präsenz und Sichtbarkeit verstärken«

»Die Judaistik selbst war nie Ziel von Angriffen oder Demonstrationen in irgendeiner Form«: Reimund Leicht leitet das Institut an der Freien Universität Berlin seit dem Sommer 2024. Foto: Uwe Steinert

Herr Leicht, im vergangenen Sommer war das Institut für Judaistik an der Freien Universität (FU) Berlin in den Schlagzeilen: Angeblich stehe eine von zwei Professuren auf der Kippe. Sogar das Auschwitz-Komitee hat protestiert. Wie ist jetzt der Stand der Dinge?
Der Berliner Senat hat den Universitäten der Hauptstadt auferlegt, innerhalb der nächsten fünf Jahre Professuren und weitere Stellen im Umfang von zehn Prozent einzusparen. Dafür sind Professuren ausgewählt worden, die im Moment nicht besetzt sind. Die Universitätsleitung hat uns aber zugesagt, dass unsere zweite feste Professur, die Nachfolge von Professor Giulio Busi, der im Sommer 2025 in den Ruhestand gegangen ist, nicht gestrichen werden soll. Das war ein wichtiges Zeichen, auf das wir uns auch berufen können.

Die Aufregung war also umsonst?
Es ist bestimmt gut, dass die Öffentlichkeit Interesse demonstriert und darauf achtet, dass diese zweite Professur zügig wiederbesetzt wird. Wir als Judaistik und auch andere Interessierte werden der Universitätsleitung immer wieder deutlich machen, dass die Sache dringlich ist, dass wir diese Professur wirklich brauchen und es eine wichtige Investition in die Zukunft der FU ist, gerade in der jetzigen Situation. Dass also die Judaistik nicht zurückgefahren werden darf, sondern gestärkt werden muss.

Wie haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Studierende die Situation am Ins­titut nach dem 7. Oktober 2023 erlebt?
Ich selbst habe das erste Jahr nach dem 7. Oktober nicht hier vor Ort miterlebt, sondern in Jerusalem, wo ich damals Leiter des »Department for Jewish Thought« an der Hebräischen Universität war. Die Protestcamps und die größten Auseinandersetzungen haben während des ersten Jahres stattgefunden. Als ich im August 2024 hier angefangen habe, wurde mir schnell deutlich, dass diese Auseinandersetzungen die Studierenden der Judaistik sehr geprägt hatten. Das war schon ein einschneidendes Erlebnis. Diese Zeltlager, die Konflikte bei Demonstrationen und Gegendemonstrationen. Und natürlich auch der Angriff auf Lahav Shapira. Seit dem Sommer 2024 sind die propalästinensischen Proteste hier auf dem Campus deutlich zurückgegangen. Hervorzuheben ist aber vor allem, dass die Judaistik selbst nie Fokus von Auseinandersetzungen war oder Ziel von Angriffen und Demonstrationen in irgendeiner Form. Unsere Büros sind offen und zugänglich. Wir haben eine Fachschaftsinitiative, die hier ihren Aufenthaltsraum unterhält. Wir haben Schwarze Bretter. Wir sind sichtbar. Wir wollen das auch sein. Es ist wichtig, dass die Judaistik sich nicht versteckt, sondern Präsenz zeigt.

Das heißt, niemand beschmiert das Schwarze Brett oder lauert Studierenden auf?
Das ist hier im Gebäude nicht passiert. Es hat auch nie Störungen bei Lehrveranstaltungen der Judaistik gegeben. Wir haben Abendveranstaltungen, Vorträge, Filmvorstellungen zu jüdischen Themen, teilweise hier im Gebäude, teilweise auch außerhalb. Wir haben beispielsweise eine Rabbinerin eingeladen, die ihr Buch über jüdische Feste vorgestellt hat. All das ist möglich, und wir freuen uns darüber.

Demnach können Sie jüdischen Studierenden guten Gewissens sagen: Es ist nicht gefährlich, an der FU Berlin Judaistik zu belegen?
Wir müssen natürlich wachsam sein und wirklich auf jeden Hinweis, ob jetzt irgendwo eine Gefahr lauert, reagieren. Wir müssen das sehr ernst nehmen. Aber ich würde im Moment niemandem abraten, hierherzukommen. Im Gegenteil: Ich lade alle ein, hier gemeinsam mit uns zu lernen und zu forschen. Es ist natürlich ungeheuer wichtig, dass man die Studierenden und auch die Mitarbeiter nicht alleinlässt. Ich bin sehr viel präsent auf dem Campus. Und dieses Gemeinschaftsgefühl stärkt und vermittelt ein Bewusstsein von Sicherheit.

Wie viele Ihrer Studierenden sind jüdisch?
Wir führen natürlich keine Listen. Ich nehme an, dass 25 bis 30 Prozent jüdisch sind.

Zu den Zeiten von Professor Peter Schäfer als Institutsleiter beschäftigten sich viele Mitarbeiter mit der Erforschung von Handschriften der jüdischen Mystik. Welches sind heute die Schwerpunkte?
In der Lehre bemühen wir uns, die ganze Breite jüdischer Geschichte, Religion und Kultur abzubilden. Mein persönlicher Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich mittelalterlicher jüdischer Philosophie, insbesondere zur Entstehung der hebräischen Fachterminologie in Philosophie und Wissenschaft. Wir entwickeln ein digitales Wörterbuch des Hebräischen, wie es im Mittelalter für Philosophie und Wissenschaften überwiegend aufgrund von Übersetzungen aus dem Arabischen entwickelt wurde.

Welchen Schwerpunkt sollte die zweite Professur haben?
Am sinnvollsten wäre, wenn die zweite Professur mit einer Bewerberin oder einem Bewerber besetzt wird, die oder der Themen der Neuzeit abdeckt, bis in die Gegenwart. Ich denke, dass auch aus judaistischer Sicht Themen zur israelischen Gesellschaft, zu Religion und Kultur in Israel hier ihren Platz haben.

Welche Sprachen werden am Institut unterrichtet – neben Hebräisch auch Aramäisch?
Ja, sowohl das Aramäische der Bibel als auch der rabbinischen Literatur. Außerdem haben wir eine Arbeitsgemeinschaft für Jiddisch. Über das Berliner Institut wird manchmal gesagt: Da muss man ganz viel Hebräisch lernen. Das verkürzt die Sache aber. Es ist natürlich richtig, dass, wenn man gut Judaistik machen will, man möglichst gut Hebräisch können soll. Aber das ist kein Selbstzweck. Wir betreiben ja keine Sprachwissenschaft, sondern wir wollen Hebräisch vermitteln, damit unsere Studierenden möglichst schnell und möglichst gut die Quellen verstehen, die sie untersuchen wollen. Wir wollen unsere Studierenden auch für Auseinandersetzungen beispielsweise mit aktuellen politischen Vorstellungen qualifizieren, wie etwa die der Siedlerbewegung in Israel, damit sie die weltanschaulichen, religiösen, philosophischen und ideologischen Hintergründe wirklich auch direkt durch Quellenstudium verstehen können und nicht nur vermittelt durch irgendwelche Reportagen. Dafür braucht man die Sprache. Wir können unsere Studierenden auch nicht alle zu Talmudspezialisten machen, aber sie sollen mit dem Talmud etwas anfangen können und mit den bis heute wirksamen religiösen Ideen, die sich darin finden. Und zum Beispiel auch mit den Traditionen jüdischer Mystik, die sich ja dann auch teilweise in diesen politischen Bewegungen widerspiegeln. »Wissen aus erster Hand« zu vermitteln, muss das Stichwort für alle unsere judaistischen Professuren sein.

Es gibt immer wieder die Idee, einen Lehrstuhl für Israel-Studien einzurichten. Falls das an der FU Berlin geschehen würde, sollte er bei der Judaistik angesiedelt sein?
Das wäre eine Möglichkeit, aber nicht die einzige. Es würde sicherlich keinen Sinn machen, wenn man auf so eine Professur einen Politologen oder eine Politologin beruft und dann in die Judaistik setzt, also den Fachbereich für Geschichts- und Kulturwissenschaften. Umgekehrt kann ich mir sehr gut vorstellen, dass jemand berufen wird, der oder die wirklich judaistische Kompetenz besitzt und Fragen israelischer Kultur, israelischer Gegenwart, auch der Hintergründe der politischen Wirklichkeit in Israel aus judaistischer Perspektive begleitet und beleuchtet. Das wäre hochschulpolitisch etwas Neues: also kompetente Lehre zu dem, was eigentlich jüdische Kultur in Israel ausmacht.

Sie halten auch gemeinsame Vorlesungen mit der Hebräischen Universität Jerusalem ab. Wie funktioniert das?
Das sind sogenannte hybride Seminare. Die Lehrveranstaltungen erscheinen regulär im Vorlesungsverzeichnis der Hebräischen Universität und hier an der FU in Berlin, sie finden auf Englisch statt. Ich empfinde sie als sehr bereichernd und plane, das Angebot auszuweiten. Wir arbeiten auch an der Wiederbelebung von Stipendienprogrammen zum Beispiel durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und direkten Studierendenaustausch. Die Leitung der FU unterstützt solche Initiativen ausdrücklich.

Wie viele Studierende gibt es am Institut für Judaistik in Berlin? Sind die Zahlen in den vergangenen Jahren gesunken?
Etwa 100, wenn man Bachelor, Master und Promovierende zusammenrechnet. Wir haben in unseren Seminaren derzeit etwa sechs bis acht Anfänger. Ja, früher waren es mehr. Das ist etwas, woran nicht nur die Berliner Judaistik arbeiten muss, sondern auch die Jüdischen Studien an anderen Hochschulen. Aber wenn ich meine Lehrveranstaltungen zum Beispiel für Studierende der Philosophie oder Geschichte öffne, dann sind die Kurse stark besucht. Das Interesse an den Themen ist sehr groß.

Die Leitung der Hochschule scheint Ihrem Institut jedenfalls gewogen zu sein.
Es ist nicht nur die Universitätsleitung, es ist auch der Fachbereich. Es gibt einen ganz breiten Konsens, dass die Judaistik als älteste Judaistik Deutschlands hier an der FU gewollt ist, erhalten werden soll, und das nicht nur als Feigenblatt. Die Judaistik der FU Berlin besitzt im sehr reichen Umfeld der Jüdischen Studien in Berlin und Brandenburg ein eigenes Profil. Es gibt die Universität Potsdam, es gibt das Zentrum für Antisemitismusforschung, es gibt Professuren an der Humboldt-Universität, die sich mit jüdischen Themen befassen. Das ist auch gut so, es bereichert auch unsere Arbeit. Aber gerade in diesem Kontext ist wichtig zu betonen, dass die Judaistik bestimmte Kompetenzen vermittelt, die anderswo gar nicht oder wenig gelehrt werden.

Was würden Sie sich für die nächsten Jahre am meisten wünschen?
Dass wir bleiben, was die Judaistik immer sein sollte: ein integraler, sichtbarer Bestandteil auf dem FU-Campus und in der universitären Landschaft in Berlin-Brandenburg. Und dass wir eine Vision und eine gewisse Widerstandskraft entwickeln. Es kann in niemandes Interesse liegen, dass man sich aufgrund teilweise berechtigter Sorgen zurückzieht und die Präsenz immer weiter zurückfährt. Im Gegenteil, es muss darum gehen, dass wir gemeinsam Mechanismen entwickeln, wie wir die Präsenz und Sichtbarkeit und damit auch das Gefühl der Sicherheit hier verstärken können.

Mit dem Professor für Judaistik (Schwerpunkt Geschichte, Religionsgeschichte und Philosophie des Judentums) und Leiter des Judaistik-Instituts an der FU Berlin sprach Ayala Goldmann.

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