Hochschule

Potsdamer Experiment

Abraham Geigers Augen würden strahlen: Wofür der streitbare deutsche Reformrabbiner vor 175 Jahren genauso vergeblich gekämpft hatte wie seine Nachfolger, wird doch noch Wirklichkeit: Jüdische Theologie kommt als unabhängige Institution erstmals an eine deutsche Universität – ein Novum auch für ganz Europa. »School of Jewish Theology« heißt das Experiment an der Uni Potsdam, für das nun auch der offizielle Startschuss gefallen ist.

400 in- und ausländische Gäste feierten am Dienstagabend die Eröffnung dieses Institutes für Jüdische Theologie gebührend mit. »Ein großer Moment für unsere Universität«, betonte Rektor Oliver Günther. »Mit der Einführung der Jüdischen Theologie betreten wir alle Neuland.«

Israels Botschafter Yakov Hadas-Handelsman sprach gar von einer »Wiedergeburt des jüdischen Lebens in Deutschland«, die nun auch die Wissenschaft des Judentums erfasse. Zentralrats-Vizepräsident Josef Schuster sieht die Schule »als einen wichtigen Schritt hin zur einer jüdischen Renaissance«. Rabbiner Bradley S. Artson, Vizepräsident der American Jewish University in Los Angeles, formulierte seinerseits ganz visionär: »Lasst uns gemeinsam schauen, was wir beitragen können, um eine gebrochene Welt zu heilen!«

Ehrung Und auch die Politik zeigte am Dienstagabend Flagge. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hatte kurzzeitig sogar die laufenden Berliner Koalitionsverhandlungen verlassen, um zum Festakt zu eilen und den geladenen Gästen zu versichern: »Potsdam ist der richtige Ort sowohl für die wissenschaftliche wie auch für die bekenntnisgebundene Beschäftigung mit den Religionen.«

Rabbiner Walter Homolka, Initiator der »School of Jewish Theology«, ehrte derweil die Brandenburgischen Landtagsabgeordneten Susanne Melior (SPD), Andreas Büttner (FDP) und Peer Jürgens (Die Linke) für ihre besondere Unterstützung mit der Abraham-Geiger-Plakette.

Potenzial Das Institut für Jüdische Theologie geht zunächst mit sechs Professuren ins Rennen, gelehrt wird unter anderem Religionsphilosophie, Religionsgeschichte, Hebräische Bibel und Exegese, Talmud und Rabbinische Literatur sowie Halacha und Liturgie. Der im Oktober eröffnete Bachelor-Studiengang steht ausdrücklich auch nichtjüdischen Interessenten als reines Theologiestudium offen. Jüdische Studierende können sich außerdem über eine parallele Ausbildung am 1999 gegründeten Abraham Geiger Kolleg oder am erst vor wenigen Tagen eröffneten Zacharias Frankel College auch zum Rabbiner oder Kantor ausbilden lassen. Rund die Hälfte der bisher eingeschriebenen Studenten sind Frauen. Unter dem Dach der »School of Jewish Theology« konzentriert sich somit ein gewaltiges akademisches Potenzial, von dem sich viele jüdische Gemeinden in Deutschland baldigen Nutzen erhoffen können – vorausgesetzt, sie sind am liberalen oder konservativen Judentum orientiert.

47 Studenten sind bereits im Bachelor-Studiengang Jüdische Theologie eingeschrieben, die Berufungsverfahren für die Professuren laufen auf Hochtouren. Das Potsdamer Experiment hat begonnen. Ob es gelingen wird, hängt aber auch davon ab, wie stark die traditionellen Jüdischen Studien, einschließlich ihrer säkularen Studenten, das neue Angebot annehmen oder nicht.

Kolumne

Von der Kreuzigung zu Flydubai

Schon vor 2000 Jahren waren die Juden an allem schuld. Und heute sogar mit Videobeweis!

von Maria Ossowski  14.10.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 15. Oktober bis zum 22. Oktober

 14.10.2026

TV

»Girls« geht weiter

Die mehrfach ausgezeichnete Serie soll 2027 mit fünf Folgen fortgesetzt werden

von Katrin Richter  14.10.2026

Dreharbeiten zum Kinofilm »Heimsuchung«. Ein Jahrhundert deutscher Geschichte

Neu im Kino

»Heimsuchung« von Schlöndorff: Was bleibt, wenn alle gehen

Erst Sommergäste. Dann die Nazis. Danach die Sowjets. Später die DDR und der Kapitalismus. In »Heimsuchung« von Volker Schlöndorff wird ein Haus zum Zeugen deutscher Geschichte. Still, unerbittlich

von Sabine Glaubitz  14.10.2026

Zahl der Woche

68 Prozent

Fun Facts und Wissenswertes

 13.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Virale Selbstverliebtheit oder Wie das gute alte Kochbuch verdrängt wurde

von Nicole Dreyfus  13.10.2026

Interview

»Ich bin keine Maschine«

Der Pianist Igor Levit über sein neu gegründetes Musiklabel, einen 16-Stunden-Auftritt und jüdische Witze

von Christine Schmitt  13.10.2026

TV-Tipp

Brillanter Anthony Hopkins glänzt in »One Life«

Leider erst nächtens zeigt das ZDF ein biografisches Drama über den Briten Nicholas Winton, der 1939 Kindertransporte von Prag nach London organisierte und damit mehrere hundert Kinder vor den Nazis rettete

von Jan Lehr  13.10.2026

Glosse

Wir stehen zum Existenzrecht Pakistans!

Absurder als im rot-rot-grünen Berlin wird’s nicht mehr

von Philip Fabian  13.10.2026