Surrealismus

Porzellan in Pelz

Sie lässt den Griff eines Bierkrugs unter dem buschigen Schwanz eines Nagetiers verschwinden und nennt das Ergebnis »Eichhörnchen«. Da ist die 1913 in Berlin‐Charlottenburg geborene Surrealistin der ersten Stunde schon 56 Jahre alt. Tierisches fesselt sie früh. »Verkleiden Sie sich in einen weißen Bären«, empfiehlt Meret Oppenheim 1935. Frauenhände steckt sie schon mal in Pelzhandschuhe, aus denen rot lackierte Nägel herausschauen, ohne dass es einen weiblichen Körper dazu gibt. Mit diesem Objekt – Corpus Delicti, Fetisch, Gegenstand von Männerfantasien? – beschwört sie die Frau als insgeheimes Raubtier.

Das Animalische ist für sie Reiz‐Thema, die Metamorphose Strategie. Selbst noch ein Möbelstück wird zum Tier. Einem blattvergoldeten Beistelltisch macht die Künstlerin auf ihre Art Beine – sie schaut sie ab beim Stelzvogel. Auch das ist Surrealismus: das Unerklärliche mit Vertrautem in Spannung zu halten, gewöhnliche Gegenstände in unerwartete Sinnzusammenhänge zu betten und zu verfremden.

Und ihre an den Spitzen zusammengeklebten Stiefeletten sind Vorgängerinnen der Straßenlaternen, die sich in der Skulptur »Elektrosex« von Michael Sailstorfer knisternd nahekommen, einem vielseitigen Erfolgsbringer der Gegenwartskunst. Meret Oppenheim hat aktuelle Kunstphänomene immer wieder vorweggenommen.

ikone Eine Ikone surrealistischer Objektkunst ist ihre berühmte, 1936 samt Untertasse und Löffel mit Pelz bezogene Tasse. Ein Gespräch mit Picasso brachte Oppenheim auf die schräge Idee. Mit diesem »Déjeuner en fourrure«, dem Frühstück im Pelz, setzt sie dem beliebten Motiv impressionistischer Malerei »Frühstück im Freien« eine Art Instant‐Picknick entgegen, das den Winter überdauert.

Der Pelz ist ihr Durchbruch. Zusammen mit Man Rays Aktaufnahmen der gebürtigen Berlinerin in laszivem Dialog mit einer feuchten Druckerpresse steht das Porzellan im Fellmantel weithin für die Künstlerin Meret Oppenheim. Viel mehr kennen die meisten nicht von ihr. Anlässlich ihres 100. Geburtstages rückt ab dieser Woche eine 200 Werke umfassende Retrospektive im Berliner Martin‐Gropius‐Bau Meret Oppenheim förmlich selbst auf den Pelz. Die bis zum 1. Dezember dauernde Ausstellung – eine Kooperation mit dem Kunstforum Wien – umfasst Objekte, Collagen, Zeichnungen sowie Gemälde.

Das Original der berühmten Pelztasse, die die Retrospektive im Kunstmuseum Bern im Jahr 2006 als Leihgabe aus dem New Yorker Museum of Modern Art hatte zeigen können, fehlt allerdings in Berlin.

Die Kunstgeschichte hat es mit ihr nicht leicht. Meret Oppenheim lässt sich nicht labeln. Das Maskenspiel und damit verbundene Postulat, aus dem Ich öfter mal ein anderes zu machen, ist ihrem Oeuvre zu eigen wie die koboldhafte Lust, stilistische Eindeutigkeit zu verweigern und sich einer linearen Werkentwicklung zu widersetzen. Festlegung? Nein danke. Oppenheim graut davor. »Jeder Einfall wird geboren mit seiner Form. Man weiß nicht, woher die Einfälle einfallen: sie bringen ihre Form mit sich, so wie Athene behelmt und gepanzert dem Haupt des Zeus entsprungen ist, kommen die Ideen mit ihrem Kleid«, hat sie einmal gesagt.

familie Eine Frau wie sie konnte nur Künstlerin werden. Meret Elisabeth Oppenheim erhielt ihren Namen vom Meretlein aus Gottfried Kellers Künstlerroman Der grüne Heinrich, den der Schweizer in Berlin schrieb, wo er fünf Jahre lebte. Der Romanheld, ein so leidenschaftlicher wie erfolgloser Maler, kann nicht zwischen Fantasie und Wirklichkeit trennen. Die kleine Meret ist bei Keller ein Hexenkind, ein feines und kluges, in Öl porträtiert in »blassgrünem Damastkleide« mit Kindertotenschädel und weißer Rose in den Händen. 1713 muss sie mit sieben Jahren sterben – 200 Jahre vor Meret Oppenheims Geburt am 6. Oktober 1913.

Das Keller‐Kind inspiriert ihre Eltern, den Arzt Erich Alfons Oppenheim und seine Schweizer Frau Eva Wenger. Über deren Mutter Lisa Wenger, Malerin und Kinderbuchautorin, taucht das Mädchen Meret in die Welt der Kunst ein. Ein anderer Zweig der Familie verschreibt sich Film und Theater. Meret Oppenheims Tante Ruth heiratet nach der Scheidung von Hermann Hesse den UFA‐Schauspieler Erich Haußmann. Sein Enkel ist der Regisseur Leander Haußmann.

Meret Oppenheim wächst unweit von Lörrach im grenznahen südbadischen Ort Steinen auf. Ihr Urgroßvater war Friedrich Wilhelm Oppenheim. Er tat unter anderem Dienst am Zarenhof, wurde geadelt und konvertierte vom jüdischen zum protestantischen Glauben. Meret Oppenheims Vater arbeitete im Ersten Weltkrieg als Chefarzt im Feldlazarett und praktizierte bis zu seiner Emigration 1936 im südbadischen Steinen.

Die Tochter besucht unter anderem die Rudolf‐Steiner‐Schule in Basel. Mit 19 beschließt sie, dass die Zeit reif ist. Künstlerin will sie werden, Paris winkt. Die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt. Am Vorabend des Dritten Reiches läuft sie in der französischen Hauptstadt Künstlern wie Giacometti und Hans Arp in die Arme, fasst Fuß im Kreis der Pariser Surrealisten, lässt sich von Man Ray in Pin‐up‐Pose ablichten, verliebt sich in Max Ernst, atmet den Geist der Boheme.

Dass man da auf die Idee kommen kann, eine Tasse in Pelz zu hüllen, wenn schon nicht sich selbst, verwundert nicht. Doch es gibt für die Deutsche keine Zukunft an der Seine. 1937 ist sie zurück in Basel, schließt sich der antifaschistischen Künstlergruppierung 33 an. Eine persönliche und schöpferische Krise dauert fast zwei Jahrzehnte. Der Modus der Muse, auf die man sie verpflichtet hat, muss überwunden werden.

1949 heiratet Oppenheim den Kaufmann Wolfgang La Roche. Seit 1954 hat sie ein Atelier in Bern, kommt zu Ruhe und Ruhm. »Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie sich nehmen«, bilanziert sie 1975.

natur Oppenheim gilt als feministische Identifikationsfigur. Der Geschlechterasymmetrie widmet sie sich ebenso wie dem – von unzulänglichen Menschenwesen empfindlich angetasteten – Kreislauf der Natur. »Der grüne Zuschauer« (»Einer, der zusieht, wie ein anderer stirbt«) heißt ein beredtes plastisches Werk nach einer Zeichnung von 1933, das im Duisburger Kantpark steht.

Bildmächtigster Ausdruck ihres Naturinteresses ist der Moos bildende Brunnenturm in Bern, den die Berliner Ausstellung in Fotografien und im begleitenden Filmprogramm zeigt – geradezu ein Vorbote der gegenwärtigen Urban‐Gardening‐Mode. Sich selbst verortet Meret Oppenheim in einem traumhaften Naturreich: »Meine Füße stehen auf von vielen Schritten abgerundeten Steinen in einer Tropfsteinhöhle.

Ich lasse mir das Bärenfleisch schmecken. Mein Bauch ist von einer warmen Meeresströmung umflossen.« Im Tessiner Ort Carona, wo ihre Tante Ruth Hermann Hesse kennengelernt hatte, ist die 1985 verstorbene Künstlerin im Familiengrab der Oppenheims bestattet. Auf ihrem Grabstein beißt sich eine Schlange in den Schwanz.

»Meret Oppenheim. Retrospektive«. Martin‐Gropius‐Bau Berlin, 16. August bis 1. Dezember

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