Literatur

»Poesie der Risikoversicherung«

Spurensuche: Stanley Corngold vor dem Haus Am Kleinen Wannsee 25 in Berlin, wo Kafka 1923 lebte Foto: Mike Minehan

Professor Corngold, Max Brod hat in Prag bei der Postdirektion gearbeitet, sein Freund Franz Kafka verdiente seine Brötchen als Jurist der Arbeiter‐Unfall‐Versicherungs‐Anstalt des Königreiches Böhmen. Hätte Kafka andere Geschichten geschrieben, wenn es umgekehrt gewesen wäre?
Ich fürchte, dass ein Postangestellter Franz Kafka kaum Geschichten geschrieben hätte. Stattdessen hätte er vor allem Briefe an Felice oder an Milena verfasst. Von morgens bis abends.

Sie haben an der amerikanischen Ausgabe der »Amtlichen Schriften« mitgearbeitet, die Kafka als leitender Versicherungsangestellter verfasst hat. In Deutschland wurde die Edition bejubelt, in den USA gab es allerdings auch heftige Kritik.
Ja, diese Kritik kam zum Beispiel vonseiten der Zeitschrift »The New Republic«. Dort warf man uns fälschlicherweise vor, Kafkologen zu sein.

Was sind Kafkologen?
Für die Kafkologen ist Franz Kafka eine Art Heiliger, der über immense Weisheit verfügt. Der auf der Suche nach Gott ist. Wenn mein Kollege Benno Wagner und ich sagen, dass Kafkas literarische Schriften von seiner Arbeit im Amt beeinflusst wurden, dann steht das den Ansichten der Kafkologen natürlich diametral entgegen.

Ist es überhaupt möglich zu bestimmen, welche der amtlichen Texte tatsächlich Kafka zuzuordnen sind?
Da muss ich Sie an eine höhere Autorität verweisen, und zwar an Benno Wagner. Der hat diese Frage in dem Kommentar zu seiner tausend Seiten umfassenden Ausgabe der amtlichen Schriften zu beantworten versucht. Manchmal ist Kafkas Autorenschaft unter Heranziehung der Tagebücher klar belegbar, manchmal ist sie an bestimmten stilistischen Merkmalen zu erkennen. Doch tatsächlich ist es mitunter schwierig, Kafkas Autorenschaft mit absoluter Sicherheit zu beweisen. Aber da sind wir natürlich für jede Diskussion offen.

Sie arbeiten zurzeit in der American Academy Berlin an einem Essayband namens The Ghosts in the Machine. Was haben Gespenster und Maschinen mit Kafkas Brotberuf zu tun und dessen Einfluss auf seine literarische Produktion?
Bei der Wahl des Titels haben wir uns von einem Brief Kafkas an Milena inspirieren lassen. Dort schreibt er: »Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken.« Diesen Gedanken übertrage ich auch auf andere Texte Kafkas: Durch seine Geschichten spuken die Gespenster der von ihm zuvor verfassten Geschichten. Es sind auf eine gewisse Weise immer sehr durchdachte Konstruktionen und in diesem Sinne Maschinen. Und durch diese Maschinen geistert früher Geschriebenes.

Trifft das auch auf die »Amtlichen Schriften« zu? Geistern die auch durch Kafkas literarisches Werk?
Genau. Die Geschichten Kafkas sind voller Reflexionen über Statistik, die Logik der Unfallversicherung, bestimmte Ideen über die Massen. Man wird dort mit einem Leben konfrontiert, das unter dem Aspekt der Versicherung in Normen gezwängt wird. Und so wie ein Einzelner unter den Aspekten der Versicherung nicht als Individuum wahrgenommen wird, so begegnen wir auch in Kafkas Geschichten Leuten, die eigentlich kaum bestimmte Charakterzüge besitzen, die ein statistisch errechnetes durchschnittliches Verhalten zeigen. Wer kann sagen, wie K. in »Das Schloss« aussieht?

Andererseits finden sich Kafkas Helden in Situationen wieder, die seine Anstalt nie imstande wäre zu versichern. Gregor Samsa etwa, der eines Morgens als menschengroßes »Ungeziefer« erwacht.
Ja, Brecht sagte einmal zu Walter Benjamin, dass doch eine gewisse Ironie in der Tatsache liege, dass der Versicherungsangestellte Kafka eine Welt erdacht habe, in der es überhaupt keine Garantien gibt. Was Kafkas Helden geschieht, ist ja wirklich beispiellos. Für das Problem des Gregor Samsa, des Josef K., des Jäger Gracchus gibt es wirklich keine Versicherung.
Existiert wenigstens eine Art Versicherung für Kafka‐Forscher? Wie können all die Akademiker, die mit ungebremstem Élan über Kafka publizieren, überhaupt sicher sein, dass ihre Aussagen über den Autor und dessen Werk zutreffen?
Kafkas Sprache ist von wunderbarer Klarheit – und gleichzeitig ist alles so ungeheuer komplex in seinen Implikationen. Seine Texte sind sehr offen für Interpretationen, die aus den verschiedensten kulturellen Diskursen kommen. So gibt es zum Beispiel Versuche, Kafkas Werk in seiner Totalität aus einer bestimmten Perspektive zu erklären, sei es Marx oder Freud, Juristerei oder Religion. Eingedenk dessen haben wir den Begriff der »Kulturversicherung« geschaffen: Wenn wir alle erdenklichen kulturellen Diskurse in unsere Interpretation Kafkas einbeziehen, dann ist dies durchaus eine Art »Versicherung« dagegen, dass wir in unserem Versuch, Kafka zu verstehen, völligen Schiffbruch erleiden.

Glauben Sie, dass Sie selbst Kafka nach der Lektüre der »Amtlichen Schriften« besser verstehen?
Na ja, ich habe jetzt ein besseres Gefühl für seine Logik, seine Konzepte. Es ist einfach eine Bereicherung, dass ich jetzt spüre, wo bestimmte Bilder oder Gedanken in seinem Werk wohl herkommen. »Quer durch die Worte kommen Reste von Licht«, hat Kafka einmal gesagt. Das ist doch wunderbar, oder?

Mit dem Literaturwissenschaftler sprach Christian Buckard.

Stanley Corngold ist Professor für Germanistik in Princeton und leitet dort das Kafka‐Netzwerk in Kooperation mit der Universität Oxford und der Humboldt‐Universität Berlin.

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