Kulturkritik

»Phrasenhaftes zum Holocaust«

»Statt über die eigenen Großeltern redet man lieber über Hitler«: Daniel Erk Foto: Gregor Zielke

Herr Erk, in Ihrem Buch »So viel Hitler war selten« schreiben Sie über den Umgang mit Hitler, den Nazis und dem Dritten Reich im Alltag und der Kultur heute. Seit fünf Jahren führen Sie auch das Hitler‐Blog für die taz, auf dem Sie zu Beginn vor allem Fundstücke zu diesem Thema präsentierten. Wie waren die ersten Reaktionen?
Am Anfang, bevor meine Position zur deutschen Geschichte den meisten klar war, wurde mir Krypto‐Faschismus vorgeworfen, ich sei zu fasziniert von dem Thema. Ich habe aber keine Hitler‐Obsession. Ich habe nicht das erste Mal mit vier Jahren den Führer gemalt. Ich habe eher eine Obsession für Hitler‐Obsession. Inzwischen basieren drei Viertel aller Beiträge auf Hinweisen von Lesern. Von denen haben vielleicht manche eher eine Obsession. Ich selbst wurde in den fünf Jahren eigentlich immer nur genervter.

Deswegen fingen Sie an, diese Fundstücke einzuordnen, zu erklären und zu beurteilen. Was ist Ihnen dabei klar geworden?
Es gibt eine große Berührungsangst und gleichzeitig eine Oberflächlichkeit. Die Art, wie über den Holocaust gesprochen wird, ist sehr phrasenhaft. Dieses Gerede vom dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte halte ich für feige und bequem. Es wird behauptet, diese vorsichtige Sprache ist eine Rücksichtsmaßnahme gegenüber den Überlebenden und den Opfern, aber ich halte das für einen Vorwand, sich nicht mit der schmerzhaften Frage, was die Großeltern und Urgroßeltern gemacht haben, auseinanderzusetzen.

Im Buch schreiben Sie über Hitler in der Werbung, den Holocaust in der Kunst und immer wieder über Popkultur. Wann ist eigentlich Popkultur zum Dritten Reich gerechtfertigt?
Der Autor Marcus Stiglegger sagt: Wenn es ein Einstiegspunkt ist, der auf Tieferes verweist. Generell ist das ja ein Problem, wenn Kulturproduktion endgültige Antworten geben will, statt Fragen zu stellen.

Würde die Popkultur vielleicht nicht auch noch die härtesten KZ‐Bilder in Plastik verwandeln?
Das sehe ich am ehesten bei den Songs gegeben, in denen Hitler und die Nazis auftauchen. Es gibt zum Beispiel einen weißen jüdischen Rapper namens Remedy, aus dem Umfeld vom Wu‐Tang Clan, der in »Never Again« über die Schoa und Leichenberge rappt. Das ist wahnsinnig skurril, weil der Kontext so kitschig ist.

Was wäre für Sie ein überzeugendes Beispiel des richtigen Umgangs mit dem Thema?
Zu seinen Sat.1-Anfangszeiten hat Harald Schmidt sehr gute Sachen gemacht. Bei seinem Humor ging es vor allem um die Deutschen und ihren Umgang mit dem Dritten Reich. Es gab da eine Parodie auf diese überdramatischen Time‐Life‐Videodokumentationen: »Folge 1: Wer hat den Zweiten Weltkrieg angefangen? Waren es wirklich die Deutschen?«Das war lustig und gleichzeitig treffend.

Im Dezember hat Harald Schmidt allen Juden »Happy Hanukkah« gewünscht. Das Publikum wusste nicht richtig, was es damit anfangen soll, und hat eher geschluckt.
Ist das nicht gut, wenn das Publikum nicht weiß, was es damit anfangen soll?

Aber irgendwie traurig ist es schon. So schlimm ist das Wort auch nicht.
Diese Beklemmung, die das Dritte Reich und den Holocaust angeht, hat schon sehr lange die Juden generell erfasst. Es ist auch leichter, wenn ein Jude einen Witz macht, der mit dem Holocaust zu tun hat. Dann kann man sich meist sicher sein, was die Intention ist. Bei einem Deutschen muss man stark auf den Kontext und die Nuancen achten, um zu sehen, woher er kommt.

Trotzdem gibt es immer wieder Aufregung, wie bei Dani Levy und seinem Hitler‐Film.
Die Aufregung war total quatschig, weil es diese Art der Hitler‐Popkultur immer schon gab. Das ständige Fragen »Darf man das?« wird eigentlich nie abgeschlossen, sondern immer nur neu angefangen. Vor allem: Wie oft kann ein Tabubruch neu behauptet werden, wenn das Thema ständig da ist? Nach einer Pardon‐Geschichte über Hitler privat 1973 war im Spiegel von »der aktuellen Hitler‐Welle« die Rede. Das könnte auch von 2003 sein. Wenn das jemand schon vor 40 Jahren gemacht hat, warum regen sich Leute heute noch auf?

Hängt dieser behauptete Tabubruch vielleicht mit dem Versuch der Entschuldung zusammen? Man lädt alles auf Hitler ab?
Ich glaube, das sind Effekte, die nebeneinander da sind. Es handelt sich um zwei getrennte Tatbestände: dass man nicht über die Mehrheitsdeutschen reden will, weil das auch eine persönliche Auseinandersetzung mit den eigenen Vorfahren ist; stattdessen spricht man lieber über Goebbels und Hitler. Und dass man überhaupt nicht gerne darüber spricht, und dann nur in Phrasen, die keinen überraschen.

Welche Art des Umgangs mit Hitler und den Nazis würden Sie sich denn wünschen?
Vor allem eben eine konkrete, persönliche Auseinandersetzung. Man kann diese deutschen Gelegenheitsantifaschisten, wie Henryk Broder die schnell empörten Deutschen genannt hat, mal fragen, was denn die Großeltern eigentlich genau gemacht haben, da ist dann schnell Schweigen und Unwissen. Was spricht eigentlich dagegen, dass in den Seminararbeiten in der Oberstufe die Geschichte der eigenen Familie themasiert wird? Angst vor der Wahrheit? Das wäre jedenfalls ein probates Mittel, dafür zu sorgen, dass mehr als nur Klischees und schlechte Witze in Erinnerung bleiben.

Daniel Erk: »So viel Hitler war selten: Die Banalisierung des Bösen oder Warum der Mann mit dem kleinen Bart nicht totzukriegen ist«, Heyne, München 2012, 240 S., 9,99 €

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