Kontroverse

»Pamphlet der Agitation«

Günter Grass hat mit einem Gedicht, das am heutigen Mittwoch in der Süddeutschen Zeitung, der New York Times, El País und La Repubblica veröffentlichte wurde, eine heftige Kontroverse ausgelöst. In dem Text holt der Literaturnobelpreisträger zum Rundumschlag gegen Israel aus. »Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden?«, schreibt Grass in dem Gedicht mit dem Titel »Was gesagt werden muss«.

Der jüdische Staat müsse einer internationalen Instanz die permanente und unbehinderte Kontrolle seines Atomprogramms gewähren, wenn es einen militärischen Konflikt mit dem Iran noch abwenden wolle. Der Iran werde zwar von einem »Maulhelden« – gemeint ist Präsident Ahmadinedschad – regiert, Grass warnt jedoch entschieden vor einem israelischen Erstschlag, weil dieser »das iranische Volk auslöschen könnte«.

Der Schriftsteller kritisiert zudem die Pläne der deutschen Bundesregierung, Israel U-Boote zu liefern, die laut Grass vermutlich für einen Präventivschlag gegen den Iran eingesetzt würden.

Zentralrat Der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, bezeichnete den Text als »ein aggressives Pamphlet der Agitation«. Graumann sagte: »Es ist traurig, dass Grass sich in dieser Form zu Wort meldet und Israel dämonisiert. Der Text ist unverantwortlich und eine Verdrehung der Tatsachen.« Nicht Israel, sondern der Iran bedrohe den Frieden, das Mullah-Regime unterdrücke die eigene Bevölkerung und finanziere den internationalen Terrorismus. »Ein hervorragender Autor ist noch lange kein hervorragender Analyst der Nahost-Politik.«

Botschaft Ebenso deutliche Worte fand der Gesandte der israelischen Botschaft in Berlin, Emmanuel Nahshon. »Wir sind nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist.«

Leider sei es fester Bestandteil der europäischen Tradition, die Juden im Vorfeld des Pessachfestes des Ritualmordes anzuklagen, sagte Nahshon mit Blick auf Grass’ Äußerungen. »Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will.« Er bedauere es, dass Israel der einzige Staat auf der Welt sei, dessen Existenzrecht öffentlich angezweifelt werde. »Wir wollen in Frieden mit unseren Nachbarn in der Region leben«, machte Nahshon deutlich.

Reich-Ranicki Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sagte der Jüdischen Allgemeinen, dass er Grass’ Lyrik schätze, solange sie allgemeine Themen zum Gegenstand habe. »Zu Günter Grass’ politischer Lyrik und sonstigen politischen Aktivitäten möchte ich mich lieber nicht äußern«, betonte Reich-Ranicki.

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