Berlin

»Ort der Täter«

Wenn er Zeit hat, beobachtet Andreas Nachama gerne die Besucher des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors. Und der Direktor stellt zufrieden fest, dass die Gäste sich bis zum Ende der Ausstellung die Bilder anschauen und die Texte lesen – »obwohl wir mit bescheidenen dokumentarischen Mitteln arbeiten und ohne Inszenierungen auskommen«, sagte Nachama beim Festakt zum 30-jährigen Bestehen der Topographie des Terrors.

Die Ausstellung auf dem Gelände der früheren Zentrale des nationalsozialistischen Terrorapparats beging das 30-jährige Bestehen der »Topographie«, jedoch nicht als Gedenkstätte, sondern als »Ort der Täter«, wie der frühere wissenschaftliche Leiter, Reinhard Rürup, in seiner Ansprache betonte.

Verantwortung »Sie bringen den historischen Ort zum Sprechen«, sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) bei der Feier. Von diesem Ort aus wurden Tod und Terror organisiert. Das Dokumentationszentrum setze »als Lernort Maßstäbe für die schonungslose Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung«, so Grütters. Es leiste am authentischen Ort »einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung und Vermittlung von NS-Verbrechen«.

Von der beeindruckenden Dauerausstellung und dem Lernort mit Seminaren und Vorträgen gingen wichtige Impulse aus. Der Bund werde nun die Finanzierung aufstocken, versprach die Ministerin. Seit 1994 wird die Stiftung gemeinsam vom Land Berlin und dem Bund finanziert. Der Bund beteilige sich in diesem Jahr mit 1,95 Millionen Euro. Das sind 500.000 Euro mehr als im vorigen Jahr.

Muster »Hier drohte ein grausamer Teil der Geschichte verschüttzugehen«, sagte Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) bei seiner Rede und lobte das bürgerschaftliche Engagement, das das Dokumentationszentrum möglich gemacht hat. Heute gehe es darum, Mechanismen von Terror und Unterdrückung und »die Muster von Unfreiheit für alle sichtbar zu machen und zu erklären«.

Und Lederer sprach gleich neue Aufgaben an: Aufarbeitung der Geschichte der Berliner Fontanepromenade, wo das jüdische Arbeitsamt war, und des Flughafens Tempelhof. »Es ist nach wie vor viel zu tun, wir machen weiter und werden die Arbeit absichern.«

Damals, als aufgrund des Engagements einer Bürgerinitiative ein Pavillon auf dem Gelände Niederkirchnerstraße errichtet wurde, in dem die erste Ausstellung präsentiert wurde, gab es weder das »Haus der Wannsee-Konferenz« noch das Holocaust-Mahnmal und überhaupt wenig, was auf die Geschichte hingewiesen hätte, erinnert sich Andreas Nachama. Und auch auf dem heutigen Gelände der Topographie des Terrors wuchs das Gras; es wurde als Übungsfahrplatz genutzt.

Das änderte sich mit der 750-Jahr-Feier Berlins, denn im benachbarten Martin-Gropius-Bau sollte eine Ausstellung über die Stadtgeschichte präsentiert werden. Damals beschloss Reinhard Rürup mit einigen Mitstreitern, auf dem angrenzenden Areal einen Kontrapunkt gegen »die auf Hochglanz polierte Sonnenseite der Berliner Geschichte« zu setzen. Er war der Meinung, dass eine solche Ausstellung durch eine Dokumentation zur Geschichte des »Prinz-Albrecht-Geländes« ergänzt werden müsse, die dann Anfang Juli 1987 eröffnet wurde.

Erfolg Ein Jahr lang sollte die Ausstellung gezeigt werden, doch aufgrund des großen Erfolgs wurde sie um ein weiteres Jahr verlängert, bis es schließlich beim Berliner Senat hieß, dass sie »so lange Bestand habe, bis etwas Besseres an ihre Stelle treten würde«, wie sich die Historikerin Erika Buch erinnert.

1992 wurde die Stiftung Topographie des Terrors gegründet, und das Land Berlin lobte einen Bauwettbewerb für das neue Dokumentationszentrum aus. Mit dessen Gestaltung wurde der Schweizer Architekt Peter Zumthor beauftragt. Die Umsetzung jedoch erwies sich als nicht realisierbar. Schließlich lobte die Bundesregierung einen Wettbewerb aus, den die Architektin Ursula Wilms für sich entscheiden konnte.

2010 wurde das Dokumentationszentrum eröffnet und in den vergangenen Jahren von jeweils 1,3 Millionen Interessierten besucht. Für Nachama »ein ermutigendes Zeichen für den Umgang mit einer schwierigen Geschichte«. Neben der Dauerpräsentation hat das Haus fast 40 Wechselausstellungen gezeigt wie Der Krieg gegen die Sowjetunion 1941–45, Der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess und jetzt aktuell »Überall Luthers Worte …« Martin Luther im Nationalsozialismus.

Erhebung

Dieser hebräische Babyname ist in Deutschland am beliebtesten

Welche Namen geben Eltern ihren Sprösslingen in diesem Jahr am liebsten? In welchen Bundesländern gibt es Abweichungen?

 02.01.2026 Aktualisiert

Theater

Zwischen Witz und Wut

Avishai Milstein erinnert in seinem neuen Stück in den Münchner Kammerspielen an Philipp Auerbach – mit Samuel Finzi in der Hauptrolle

von Michael Schleicher  02.01.2026

Be'eri

Nach dem 7. Oktober

Daniel Neumann hat den Kibbuz Be’eri besucht und fragt sich, wie es nach all dem Hass und Horror weitergehen kann. Er weiß, wenn überhaupt, dann nur in Israel

von Daniel Neumann  02.01.2026

W. Michael Blumenthal

»Jetzt wird es sich zeigen«

Der Gründungsdirektor des Jüdischen Museums Berlin wird 100 Jahre alt. Er floh 1939 nach Shanghai und ging 1947 in die USA. Heute fragt er sich, ob wir aus der Geschichte gelernt haben

von Axel Brüggemann  02.01.2026

Daniel Kahn

»Das Akkordeon war ein Schlüssel«

Der Musiker über seine Liebe zum Instrument des Jahres 2026

von Christine Schmitt  01.01.2026

Sehen!

Fast alles über Johann Strauss

Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Wien

von Tobias Kühn  31.12.2025

Kulturkolumne

Der »Seinfeld«-Effekt oder: Curb your Antisemitism!

2026 kann ja heiter werden

von Sophie Albers Ben Chamo  31.12.2025

Sprachgeschichte

Rutsch, Rosch und Rausch

Hat der deutsche Neujahrsglückwunsch wirklich hebräische Wurzeln?

von Christoph Gutknecht  31.12.2025 Aktualisiert

Programm

Götter, Märchen und Le Chaim: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 31. Dezember bis zum 13. Januar

 31.12.2025