Netflix-Doku

»One of Us«

Foto: Screenshot JA

Es sind stimmungsvolle Bilder chassidischen Lebens in Brooklyn, mit denen die Dokumentation One of Us beginnt. Gefolgt von sehr intimen Aufnahmen von Etty, einer verzweifelten Frau, die sich von der Familie jenes Mannes verfolgt fühlt, den sie mit 18 geheiratet und unlängst gemeinsam mit den Kindern verlassen hat. Von häuslicher Gewalt ist die Rede, von Vergewaltigungen gar.

Der Film, der von dem Streamingdienst Netflix gezeigt wird und in den USA für viele Diskussionen sorgte, fängt Ettys intimste und persönlichste Momente ein, während ihr Mann sie in einen Sorgerechtsstreit vor Gericht zerrt und am Ende gewinnt. Etty flüchtet sich schließlich in die Gemeinschaft einer egalitären Synagoge in Uptown Manhattan.

Auch Ari und Luzer haben die ultraorthodoxe Gemeinschaft verlassen, die ihrem Leben bis dahin einen strengen, gleichwohl verlässlichen Rahmen gegeben hat. In gnadenlosen Details werden jene emotionalen Momente gezeigt, als Ari sich von einem Friseur die Pejes abschneiden lässt, wie er die Welt des Internets entdeckt und zum ersten Mal erlebt, wie sich die Umarmung eines Mädchens anfühlt. Den Kontakt zur alten Gemeinschaft hat er nie ganz aufgegeben. Am Rand einer Barmizwa-Feier blickt Ari mit suchendem Blick auf die tanzenden Chassiden – er sitzt im Wortsinne zwischen allen Stühlen.

Hollywood Luzer hingegen hat das säkulare Leben zunächst durch Filme kennengelernt, die er nur heimlich sehen konnte. Sein Verständnis der Welt gründete sich auf das, wie es Hollywood zeigt. Bald ließ er Frau und Kinder zurück, um sein Glück als Schauspieler zu versuchen. Ohne Erfolg. Einsam betrachtet Luzer die Fotos seiner Kindheit und weint. Sehnsucht oder Verzweiflung?

Der chassidische Schriftsteller Moshe Levy war »erschüttert und wütend und verwirrt« von dem Film. Wie er in einer Rezension schrieb, werde eine »dunklere Seite der Gemeinschaft entlarvt«. Insgesamt aber würde dem Zuschauer »ein karikiertes Bild« vermittelt, denn es ließen sich für jeden der drei Protagonisten auch positive Gegenbeispiele finden.

Dennoch: Den Regisseurinnen Rachel Grady und Heidi Ewing sind beeindruckende Porträts gelungen, die von nicht weniger als sechs Kameraleuten eher in opulenten Hollywoodbildern denn im nüchternen Doku-Stil aufgenommen wurden.

»One of Us« ist bei Netflix abrufbar.

Zahl der Woche

5 Dinge

Fun Facts und Wissenswertes

 18.09.2026

Social Media

Nach weltweiten viralen Song: Hasswelle gegen israelische Band Temper City

Der Song der israelischen Band wird zum Welthit – bis die Herkunft der Musiker bekannt wird. Dann beginnt im Netz der Boykott

von Sabine Brandes  18.09.2026

Noah Bendix-Balgley

»Musikalisches Risiko ist wichtiger als absolute Perfektion«

Der Erste Konzertmeister der Berliner Philharmoniker über seine Philosophie beim Spiel, Kritik an Boykotten gegen Künstler und sein erstes Klezmer-Album

von Christine Schmitt  18.09.2026

Bewusstsein

Pause!

Warum wir unser Leben und unseren Alltag immer wieder gezielt entschleunigen sollten. Eine Hymne auf die Langsamkeit

von Sophie Albers Ben Chamo  18.09.2026

New York

Künstlerin macht New Yorker Guggenheim Museum zur Murmelbahn

Taryn Simon ist für ihre Foto-Reportagen berühmt. Für eine große Ausstellung im Guggenheim Museum hat sie sich dazu noch etwas ganz anderes einfallen lassen

 18.09.2026

Fernsehen

Adolf und seine »Akte«

Die fünfte Staffel von »Babylon Berlin« spielt 1933 zur Zeit von Hitlers Machtergreifung. Unterhaltung mit politischem Anspruch, aber stimmen die Fakten?

von Ayala Goldmann  18.09.2026

Dublin

Irland will auch ESC 2027 boykottieren

Der Boykott mehrerer Länder wegen der Teilnahme Israels war ein großer Aufreger vor dem ESC in diesem Jahr. Für das kommende Jahr beginnt eine ähnliche Debatte

 18.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  18.09.2026

München

Drinnen redet ein Palästinenser, draußen wird er mit »Free Palestine«-Rufen niedergebrüllt

In der bayerischen Landeshauptstadt fand eine Medienkonferenz mit prominenten Teilnehmern statt, gegen die es im Vorfeld Boykottaufrufe gab. Redner beklagten die zunehmende Polarisierung

von Michael Thaidigsmann  17.09.2026