Film

Nur ein Boxer

Faust auf Faust: Henry Maske (r.) als Max Schmeling und Yoan Pablo Hernández (l.) als Joe Louis Foto: centralfilm

Im deutschen Boxsport hatten die Nazis, wenn man dem neuen Werk »Max Schmeling« des Regisseurs Uwe Boll Glauben schenken darf, schon 1930 das Sagen. Oder gerade nicht, so genau erfährt man das nicht. Denn 1930 wurde Max Schmeling gegen Jack Sharkey Weltmeister im Schwergewichtsboxen. Und in einer Szene tritt Hans von Tschammer und Osten, späterer Reichssportführer des NS-Regimes, Max Schmeling (mit kurzen Sätzen und knappen Gesten gespielt von Henry Maske) in den Weg, um ihn pöbelnd aufzufordern, sich von seinem jüdischen Manager Joe Jacobs zu trennen.

maske Zwischen 1930 und 1948 – von Schmelings WM-Sieg bis zu seinem Karriereende – handeln die 123 Minuten, die unter anderem von zwei anonym bleibenden Hamburger Millionären finanziert wurden. Ein filmisches Denkmal für eine Boxerlegende. Zur Besetzung der Hauptrolle mit dem Exprofi und Nichtschauspieler Henry Maske sagt Boll nur: »Ach Henry – der spielt sich eigentlich selbst.« Und für das, was der künstlerische Leiter will und wie er sich die deutsche Geschichte vorstellt, genügt das völlig. Boll hat sich in fast 20 Jahren seines Wirkens bei etlichen Kritikern den Ruf erarbeitet, schlechtester Regisseur der Gegenwart zu sein. Außer Ex-Weltmeister Maske haben noch andere Profiboxer einen Auftritt, zum Beispiel Arthur Abraham. Das hat zur Folge, dass wenigstens die Boxszenen historisch halbwegs genau sind.

Solche Höhepunkte braucht es auch, denn der Plot, den Boll erzählt, ist dürftig genug: Er lässt Schmeling, der 1941 beim Überfall der Wehrmacht auf Kreta als Soldat dabei war, nicht – wie es in Wirklichkeit war – in einem Lazarett genesen, sondern mit einem britischen Soldaten durch die Landschaft ziehen. Dort lässt Boll Schmeling seine Geschichte erzählen und das noch geschönter, als es Schmeling in seinen vier Autobiografien je selbst getan hat.

Da wird suggeriert, Schmelings Frau, die Schauspielerin Anny Ondra, sei 1936 von Joseph Goebbels in dessen Haus befohlen worden, um mit ihm zusammen die Radioreportage von Schmelings Sieg über Joe Louis zu hören. Dass Ondra viele Jahre eng mit der Goebbels-Familie befreundet war, erfährt man nicht. Dafür heißt es, die Schauspielerin und der Boxer hätten oft über ein Exil im Ausland diskutiert. Doch Schmeling sei mit dem Argument in Deutschland geblieben, hier könne er vielen Menschen helfen. Für diese Deutung gibt es keinen einzigen Hinweis. Auch nicht dafür, dass Schmeling 1938 seinen zweiten Kampf mit Joe Louis gegen den Willen der NS-Führung durchgesetzt hätte. In Wirklichkeit wurde Schmeling zum »arischen Helden« aufgebaut, der die »Überlegenheit der Rasse« beweisen sollte. Im Film wird zudem behauptet, die Nazis hätten dafür gesorgt, dass Schmelings Name nach der Niederlage gegen Louis 1938 nicht mehr in der Öffentlichkeit auftauchte. Dabei hat sich der deutsche Boxstar noch 1939 in Stuttgart vor 90.000 Zuschauern die Europameisterschaft erkämpft – mit anschließenden Glückwünschen von Goebbels.

retter Max Schmeling hatte auch sehr lobenswerte Seiten: Er versteckte zwei jüdische Jungen während der Reichspogromnacht 1938 und half einem Boxerkollegen, der eine jüdische Verlobte hatte. Einen niederländischen Kriegsgefangenen rettete er vor dem Todesurteil. Auch von diesen Leistungen zeigt der Film nur einen Bruchteil. Selbstverständlich sind filmische Verkürzungen erlaubt. Auffallend ist jedoch die mehr dem Regisseur denn dem Hauptdarsteller anzulastende Unfähigkeit, eine historisch äußerst interessante Person angemessen darzustellen.

Wie tumb Uwe Boll sich die Welt erklärt, wird vielleicht am deutlichsten bei einer Rollenbesetzung: Bei allen Kämpfen Schmelings spielt der RTL-Moderator Andreas von Thien den am Ring sitzenden Radioreporter. Dass im Jahr 1932, beim zweiten Sharkey-Kampf, der jüdische Journalist Harry Sperber die Reportage sprach, bei den zwei Louis-Kämpfen hingegen der Nazipropagandist Arno Hellmis ins Mikrofon kläffte, macht für Boll keinen Unterschied. Dabei erzielten gerade Hellmis’ rassistische Tiraden über die »Negerinstinkte« des »Lehmgesichts aus Alabama« im Sinne der Nazis ganz massive Propagandawirkung.

Bei Boll hingegen ist Max Schmeling, der vor fünf Jahren starb und vor 105 Jahren geboren wurde, ein sehr unhistorischer Held: 1930 Weltmeister, aber von irgendwelchen Mächten nicht gemocht. 1936 Louis-Bezwinger, aber von den Nazis nicht gemocht. 1948 Comeback-Boxer, aber von den britischen Besatzern nicht gemocht.

Auschwitz Nach »Max Schmeling« und Filmen wie »Schwerter des Königs – Dungeon Siege«, »BloodRayne« oder »Barschel – Mord in Genf?« arbeitet Regisseur Boll derzeit an einem neuen Werk namens »Auschwitz«. Ein Teaser dieses Films, der im November fertiggestellt sein soll, kursiert im Internet. Boll ist darin als SS-Mann zu sehen, der vor einer Gaskammer schläft, während hinter der Tür Menschen sterben.

Auf Kritik reagiert Boll gerne mit dem Hinweis, er sei schließlich promovierter Literaturwissenschaftler. Auch dass er gute jüdische Freunde hat, gehört zu seinem Rechtfertigungsarsenal. Wer sich Bolls Werke anschaut, ist nicht so leicht auszumachen. »Max Schmeling« jedenfalls hat es in die großen deutschen Kinos geschafft.

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