Reisen

Notizen aus Teheran

Blick in den Basar von Teheran: Mehr als 15.000 Juden leben im Iran – die größte jüdische Gemeinde in Nahost außerhalb Israels. Foto: Getty Images

Nach ein paar staubigen Stunden sitze ich in einem Wiener Café, was in einer gewissen kognitiven Dissonanz zu meinem neuen Aufenthaltsort steht. Für Wien sprechen die Wiener Mélange auf der Karte, die rassistischen Bilder auf den kleinen Zuckerbeuteln und ein türkischer Kaffee, der in Wahrheit so grässlich schmeckt, dass man denken könnte, man befände sich tatsächlich in Zentraleuropa. Dagegen spricht alles andere. Währenddessen tasten meine Wahrnehmungsorgane die Umgebung auf Differenz ab, und langsam kommt das Gefühl an, was mir mein Handynetz seit nunmehr 14 Stunden verkündet: Ich bin in Teheran.

In das innere Richtfest des eigenen Triumphes über die Angst, als jüdischer Dichter im Atombombenland zu sein, drängt sich langsam Kaffeehausmusik. Bekannte Klänge, Geigen – viele Möglichkeiten bleiben da nicht. Und tatsächlich, es ist der Titelsong von Schindlers Liste. Also auch hier. Willkommen am anderen Ende der Welt!

Märtyrer Bei einer längeren Fahrt mit der U‐Bahn in die Innenstadt. Meine Begleitung (man ist hier nie ohne Begleitung) weist mich darauf hin, dass viele der Stationen der U‐Bahn‐Linie nach Märtyrern benannt sind. Folgt man ihr weiter nach Süden, gelangt man erst an das Grab von Ajatollah und Staatsgründer Khomeini, dann zu einem Gefängnis. Das Leben schreibt die besten Gedichte!

Unterdessen füllt sich die Bahn, je näher wir dem Zentrum kommen. Immer wieder laufen Menschen durch die Waggons und bieten ihre Waren an. Decken mit Karomuster, leuchtende Schraubenzieher, Zahnpasta und Kopftücher. Da die Bahn hier in zwei Teile getrennt ist – wobei der kleinere den Frauen vorbehalten bleibt –, müssen die Händler, die ausschließlich Männer mit Schnauzbart sind, entweder den Waggon wechseln oder über einen der gläsernen Geschlechtertrenner hinweg mit den Frauen kommunizieren.

Einmal nur kommt eine in den Wagen und bittet um Almosen, während ein kleines Mädchen mit einer Plastiktüte vorneweg läuft, um das erhoffte Geld einzusammeln. Als die Frau an mir vorbeigeht, kann ich auf der Rückseite ihres schwarzen Tschadors, dessen Sichtfeld vollständig verhangen ist, einen braunen Essensfleck erkennen. Ein Geruch von Armut weht vorbei, den ich erst wahrnehme, als sie im folgenden Waggonabschnitt schon zur nächsten Litanei ansetzt.

alkohol Eine merkwürdige Vorstellung, dass das ganze Land offiziell nüchtern ist. Tatsächlich fallen die Ersatzhandlungen auf. Wasserflaschen wie kleine Flachmänner, eine ganze Kühlschrankwand voller alkoholfreier Biere. Das sieht dann fast aus wie ein Späti in Berlin. Oder die Auswahl an Wassern in einer Zahl und Vielfalt, wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe. Saalwette: Würde man alle Wassersorten in ganz Europa zusammentragen, es wären nicht so viele, wie sie in dem Laden neben meiner Unterkunft stehen.

Ein paar Tage danach haben meine Begleitung und ich (man ist hier nie ohne Begleitung) gerade die alte Palastanlage von Golestan in zweieinhalb drückend‐schwülen Mittagsstunden durchmessen. Danach suchen wir ein bei Teheranern äußert beliebtes Restaurant mit Wartemarken wie beim Postamt auf. Wir haben Mutantenhuhn mit Safranreis. Anschließend springen wir in ein Taxi und fahren zum anderen Ende der Innenstadt, um einen wirklich guten Kaffee zu trinken.

Gerade befinden wir uns auf dem Weg zum nahe gelegenen Park der Künstler, als uns ein Mann in einem blauen Anzug anspricht und fragt, ob ich aus Deutschland komme. Als ich das bejahe, klatscht er begeistert in die Hände und ruft, dass er sich das schon dachte, als er meinen Nacken sah. Ich habe also einen deutschen Nacken. Er entscheidet sich, uns einen Moment zu begleiten, um sein Deutsch zu verbessern.

Zwei Jahre hätte er in Stuttgart gewohnt, nun studiere er Germanistik in Teheran und wolle danach schnell wieder zurück »ins Ländle«. Ob er irgendwelche Dichter kenne, frage ich, und er ruft enthusiastisch: Ja, ja, erst vergangene Woche haben wir Goethe und – einen Moment sucht er nach dem richtigen Namen – Schimmler gelesen.

Goethe Ich antworte: Goethe, sicher, aber wer war Schimmler? Mein Begleiter hält kurz inne und antwortet dann mit Gewissheit: Himmler! Oh je, das wird jetzt schwierig, denke ich und sage: Nein, nein, das kann nicht sein. Himmler hat keine Gedichte geschrieben. Meinen Sie vielleicht Schiller? Und da hellt sich sein Gesicht auf, heftiges Nicken, ja, Schiller ist es gewesen!

Dann verabschieden wir uns, er läuft geradeaus, ich biege mit meiner Begleitung in den Künstlerpark ab. Bald habe ich den Mann aus den Augen verloren, denke aber noch eine Weile über die Kombination nach, die mir zunehmend gefällt: Goethe und Schimmler – das gibt es nur im Iran!

Iran ist ein Land, in dem jeder Schuheinkauf epische Ausmaße annehmen kann. Zu Beginn steht man vor dem Schaufenster und schaut sich die Auslage an. Unter Umständen wird man angesprochen, das ist aber keineswegs immer der Fall. Angenommen also, man wird angesprochen, und angenommen, man nimmt das Angebot an. Dann folgt die auch aus Deutschland bekannte Phase der Auswahl, wobei der Verkäufer (Männer für Männerfüße!) Schuh auf Schuh vor dem besockten Fuß aufhäuft. Man findet einen Schuh.

Man findet ihn aber nicht sofort, sondern es kommen Leute vorbei, bieten einem Zigaretten an, von denen man natürlich eine nimmt. Es ist Mittag. Einer, stellt sich heraus, ist der Bruder des Verkäufers und wird demnächst nach Thailand fahren, nein, er hat einen Freund, der gerade in Thailand ist und sich, soweit man das auf den Bildern und Videoausschnitten beurteilen kann, dort auch hervorragend amüsiert.

Tabak Man dreht den beiden eine Zigarette aus deutschem Tabak ohne Zusätze. Man lässt sich nicht lumpen. Man kauft den Schuh, aber vorher muss man Geld umtauschen, verlässt also mit dem Verkäufer das Geschäft, wechselt die Straßenseite, dann das Geld. Man läuft gemeinsam zurück. Der Verkäufer gibt einem 20 Prozent Rabatt auf den Schuh, was die nagende Frage aufwirft, ob man vielleicht hätte handeln sollen. Man schiebt die Frage beiseite und geht mit dem Verkäufer einen Kaffee trinken. Den Kaffee bekommt man in einer Art Schuhverkäuferlounge, die versteckt im Untergeschoss und hinter zwei Ecken liegt.

Man kommt ins Gespräch mit den anderen Schuhhändlern. Man dreht weitere Zigaretten mit Tabak ohne Zusätzen. Man unterhält sich über Deutschland, das heißt, man unterhält sich über Hitler. Man wird gefragt, was man so von ihm halte. Und von Fußball. Zu beiden Themen scheint es unterschiedliche Meinungen zu geben. Man entscheidet sich, zu lächeln und das Thema zu wechseln.

Dann versucht man, sich zu verabschieden, aber auf dem Weg Richtung Tageslicht bekommt man – man kann es im Nachhinein auch nicht mehr so genau rekonstruieren – einen Liter frischen Karottensaft mit zwei Kugeln Eis in die Hand gedrückt. Also ist man erst einmal wieder beschäftigt, redet über Schuhe, Fußball und Thailand. Dann macht man noch ein paar Selfies und stolpert schließlich in die grelle, frühnachmittägliche persische Sonne.

weltkarte Eigentümliche Begegnung auf der Teheraner Buchmesse. Da sind einerseits die erwartbaren antisemitischen Buchcover, die gewohnten Aufsteller mit Weltkarte ohne Israel. Aber andererseits ist da auch dieser Stand, in den man gleich beim Eintritt in die Haupt‐ und Empfangshalle reinläuft. Prominent stehen hier arabische Buchstaben neben hebräischen, und ein Aufsteller verkündet die Anwesenheit des Tehran Jewish Committee. Die Organisation hat nichts mit dem American Jewish Committee zu tun. Überhaupt unterstreichen die anwesenden Juden, dass sie institutionell völlig isoliert sind.

Ich gebe mich zu erkennen und sage, dass ich für die »Jüdische Allgemeine« schreibe. Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich schlau ist. Immerhin erfahre ich, dass noch 15.000 Juden im Iran leben. Mein überaus zuvorkommender Gesprächspartner vom Committee unterstreicht die guten Beziehungen zu Irans Regierung. Und tatsächlich braucht es die für die jüdische PolePosition bei der Messe.

Zugleich habe ich den Eindruck, dass hier die lebenden Juden auf der einen die antiisraelische Propaganda auf der anderen Seite aufwiegen sollen. Ein bisschen wie in der DDR meiner Eltern. Willkommen am anderen Ende der Welt!

Der Autor ist Lyriker und lebt in Berlin. Zuletzt erschien von ihm das Buch »Desintegration. Ein Kongress zeitgenössischer jüdischer Positionen« (Kerber Verlag).

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