Austausch

»Normal ist ein leeres Wort«

Lektüre am Tel Aviver Hafen Foto: Flash 90

Es habe sie doch sehr erstaunt, dass die Autorin Deutsche ist. Dabei habe sie es doch so trefflich auf den Punkt gebracht und so authentisch aus der israelischen Perspektive geschrieben, sagt Shira, eine der Zuhörerinnen an diesem Abend an der Tel-Aviv-Universität. Die Autorin Sarah Stricker (Fünf Kopeken) nimmt es als Kompliment, nicht als Deutsche aufgefallen zu sein.

Wer hätte das auch gedacht: eine Deutsche, die aus Sicht einer Israelin schreibt, und dann noch über große Nasen. Doch Sarah Stricker hat nicht lange überlegt, ob das geht – die Geschichte von Maya, die sich zwei Dinge wünscht: die große Liebe und eine kleine Nase. »Ich hatte nur einen Augenblick Angst, dass der Verlag Angst kriegen könnte«, so Stricker.

Hat er aber nicht. Und so ist ihre Kurzgeschichte »Der neue Deutsche« eine von 19 in der Anthologie Wir vergessen nicht, wir gehen tanzen. Die Herausgeber Norbert Kron und Amichai Shalev haben für ihr erstes gemeinsames Buchprojekt junge deutsche und israelische Autoren über das jeweils andere Land schreiben lassen und das Werk pünktlich zum 50. Jubiläum der deutsch- israelischen Beziehungen veröffentlicht.

Sprache Während der Deutsch-Israelischen Literaturwoche vom 17. bis 25. März stellten die Autoren ihre Geschichten in Jerusalem, Haifa, Tel Aviv und Beer Sheva vor, diskutierten mit Zuhörern, trafen in Workshops auf Deutschlernende, sprachen mit ihnen über ihre Texte. Verena Shifferman, Winfried Schumacher und Kristina Reiss vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) haben die Woche gemeinsam mit den deutschen Instituten der großen Universitäten organisiert.

»Ein Ziel unserer Arbeit ist es, die deutsche Sprache im Ausland zu stärken, ich unterrichte auch Deutsch als Fremdsprache. Wir fanden das ein spannendes Buchprojekt. Und wir wollten den Studenten die Möglichkeit geben, mit aktuellen Texten in Berührung zu kommen, mit der Sprache, aber auch mit den Autoren, um Diskussionen zu ermöglichen«, so Verena Shifferman, Leiterin des DAAD-Informationszentrums in Tel Aviv.

In ihren Fortgeschrittenen-Kursen habe sie Ausschnitte aus dem Buch durchgenommen. Sprachenlernen sei eben immer auch Landeskunde – und andersherum. So steigt mit dem Berlin-Hype auch die Nachfrage nach Deutschkursen. Weit über 100 Studenten seien heute allein in den Klassen an der Tel-Aviv-Universität eingeschrieben. »Wir haben wahnsinnig viele Anfragen«, sagt Shifferman.

Die Mehrheit der Veranstaltungen in der Literaturwoche sind aber auch für ein breites Publikum gedacht, nicht nur für Studenten. »Wir hatten in Haifa zum Beispiel eine 93-jährige Dame im Publikum, eine Überlebende, die selbst Texte veröffentlich hat.«

An diesem Abend in Tel Aviv sind viele junge Studenten gekommen, einige aus dem Sprachkurs von Verena Shifferman, um den sieben Schriftstellern zuzuhören. Es sind Israelis und Deutsche der dritten Generation, zwischen 20 und 40 Jahre alt, die in ihren Texten nicht die deutsch-israelische Beziehung als Ganzes betrachten, sondern sie in den kleinen Begegnungen des Alltags einzelner Charaktere beschreiben.

In Liat Elkayams Geschichte »Die Leugnung der gestundeten Zeit« zum Beispiel, in der eine junge Israelin ihren Freund in Deutschland besucht und beim Abendessen mit der Familie mit ihren Holocaustwitzen nur auf versteinerte Minen trifft. In Amichai Shalevs Story »Wurst mit Colageschmack« soll ein Israeli in Berlin auf einer Konferenz über Sprache reden und beginnt, darüber nachzudenken, wie man den Begriff »Nazi« heute verwendet – etwa auch für Menschen, die ihre Arbeit pedantisch erledigen, also im positiven Sinne.

Grenzen Rainer Merkel hat in »At Tiri. Position 2 – 45« seine Erfahrungen als Deutscher im Libanon aufgeschrieben, und wie er von dort über die blaue Linie nach Israel blickt. Oder eben Sarah Stricker, die nicht nur die große Nase ihrer Protagonistin beschreibt, sondern auch deren Begegnung als Kellnerin mit deutschen Gästen, die gerne mal nach der Anzahl der im Holocaust verlorenen Familienmitglieder fragen und dafür auch etwas mehr Trinkgeld liegen lassen.

Es geht immer auch um das Überschreiten von Grenzen: Was darf man sagen, was nicht? »Deutsche sind anfangs oft extrem vorsichtig, wissen nicht, was sie sagen, wie sie zum Beispiel auf Holocaustwitze reagieren sollen«, so Sarah Stricker. Oft reichten aber schon ein paar Tage in Israel, und dieses Verhalten kippe – neige dann oft zum anderen Extrem. »Deutschen fehlt da das Mittelmaß.«

Ein Thema, das die gesamte Anthologie durchzieht, ist der Holocaust. Irgendwie stets präsent, gibt er den Geschichten – wie auch den deutsch-israelischen Beziehungen an sich – eine gewisse Schwere. Doch es sind auch zukunftsgerichtete Geschichten, einige voller Humor. Sie beschäftigen sich mit dem heutigen Umgang mit der Vergangenheit, miteinander und mit der politischen Situation im Nahen Osten.

Zukunft Die Vergangenheit sei zwar präsent und Teil der Identität, aber: »Wir wollen nicht, dass sie die Zukunft diktiert«, sagt Amichai Shalev. Doch wie sollen wir heute mit ihr umgehen? Genauso wie Sarah Stricker die Unsicherheit der Deutschen beschreibt, so hält Amichai Shalev auch die Israelis für verwirrt: »Sie wissen nicht, wie sie sich fühlen sollen, wenn sie nach Berlin kommen.« Da seien die starken Gefühle gegenüber Deutschland, und dann sei da das Berlin von heute. Genau diese Schizophrenie zeigt sich auch in vielen der Kurzgeschichten.

Die Fragen der jungen Zuhörer an diesem Abend: Was bringt Deutsche dazu, über Israel zu schreiben? Und nimmt man im anderen Land nicht auch die Perspektive der dortigen Gesellschaft an? »Es gibt nicht die eine israelische Perspektive«, sagt der deutsche Schriftsteller Marko Martin, der in Berlin lebt, aber mehrmals im Jahr in Israel recherchiert. Das zeige, dass eben nicht alle in Israel »gehirngewaschen« seien, wie es von außen oftmals behauptet werde. »Aber ich identifiziere mich mit der liberalen, offenen Gesellschaft Israels.«

Eine andere Frage eines Zuhörers: Was muss geschehen, bis die deutsch-israelischen Beziehungen normal sind? »Literatur ist doch nie normal«, lautet die Antwort der israelischen Schriftstellerin Anat Einhar, die in Tel Aviv auch als Designerin und Comiczeichnerin arbeitet. »Normal ist ein leeres Wort«, findet auch der Herausgeber Amichai Shalev. »Wir brauchen keine normale Beziehung, sondern eine gute. Wie beim Tanz: Man kommuniziert miteinander und genießt die Gegenwart des anderen.«

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