Gesellschaft

Nicht kompatibel

War da was? Jugendliche Touristinnen posieren am Berliner Holocaust-Mahnmal. Foto: ddp

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Im Geschenk-Shop der Neuen Synagoge in Berlin wird ein Lesezeichen mit Holocaust-Mahnmal-Motiv verkauft. Meine Mutter macht das wütend und sprachlos. Mich hat es eher finster amüsiert: Wir dürfen niemals vergessen – bei welchem Kapitel des neuesten Dennis-Lehane-Krimis wir gerade waren.

lücke Ich mag das Mahnmal nicht. Aber es wurde auch nicht für mich gebaut. Auch nicht für die »ermordeten Juden Europas«. Sondern? Der amerikanische Judaist James E. Young, in den Neunzigern das einzige jüdische Mitglied der Mahnmals-Findungskommission, sagt: Es ist kein jüdisches Denkmal, es ist ein deutsches.

Und was für eines!

Young sprach bei einem »Memorial Mania« betitelten Symposium vergangenes Wochenende in Berlin. Anlass war der sechste Jahrestag der Eröffnung des Mahnmals. Ich dachte, das Stelenfeld steht schon viel länger in der Stadt. Man gewöhnt sich wirklich an alles.

Young sagt auch, dass das Mahnmal an eine Lücke erinnern soll. Junge Juden in Deutschland spüren diese Lücke. Vielleicht als grummelnde Unzufriedenheit darüber, dass es hier so langweilig ist, weil es so wenige Juden gibt. Oft aber einfach als ganz reales Loch in der Familienbiografie. Sie brauchen nicht den Geschichtsunterricht, um zu lernen, was die Schoa war und bedeutet – sie wissen es dank Geschichten aus der eigenen Familie und einem fast wortlos weitergegebenen Verständnis.

Der israelische Dokumentarfilm Defamation, der sich mit Erinnerungspolitik, Antisemitismus und leider auch Norman Finkelstein beschäftigt, gipfelt in Aufnahmen einer israelischen Schulklasse bei einem Auschwitz-Besuch. Die Schüler brechen zusammen, weinen und fallen sich in die Arme. Der Film präsentiert das unter der Hand als Ergebnis einer langjährigen Indoktrination, in der junge Israelis eingeimpft bekommen, dass die Welt die Juden hasst. Aber: Kann man in Auschwitz zu einem anderen Schluss kommen?

überdruss Und die »andere« Seite, die jungen Deutschen? Vor ein paar Jahren fragte bei einer Podiumsdiskussion eine 18-jährige Schülerin den neokonservativen Historiker Paul Nolte, warum es »in der Schule immer nur um die Nazizeit« gehe, sie wolle davon nichts mehr hören. Nolte nickte verständnisvoll und sagte: »Ja, das nervt. Man kann wirklich auch über anderes reden.«

Das sind zwei große Lügen, die sich hartnäckig halten: Dass es immer nur um die Schoa geht, und dass es die Juden sind, die über nichts anderes reden wollen. Dabei geht es meist um die Nazis und nicht um die Menschen, die sie umgebracht haben. Es waren halt Juden. Aber wie haben diese Juden gelebt in Berlin, Galizien und Kiew? Und wie leben Juden heute?

Charlotte Knobloch hat einmal den Vorschlag gemacht, ein Unterrichtsfach »Nationalsozialismus« einzuführen. Unnötig. Über die »Verführung« des deutschen Volkes, über Disziplin und Gründlichkeit und die schicken Uniformen wird genug ge-sprochen. Ein paar Schulstunden über Juden, nicht nur als Religion, Schicksalsgemeinschaft und Leichenberg, sondern als Kultur, Philosophie und Realität, die fehlen, das hätte Sinn. Es würde nicht unbedingt den Antisemitismus bekämpfen, aber wenigstens die Ignoranz und die allseitige Genervtheit.

Bei den 18- bis 25-Jährigen – meiner Generation, irgendwie – ist es dafür vielleicht schon zu spät. Die interessiert sich nur für Leute, die so sind wie sie. Wir sind Deutsche, wir erzählen Nazi-Witze. Mit Hitler als gruseligem Großvater, den man nicht gut findet, aber ohne den man als Referenzpunkt dann doch nicht kann. Man spielt mit Rassismus und macht schlechte Holocaust-Scherze. Da reisen Leute nach Antwerpen, staunen über Orthodoxe und schreiben, nicht mal böse gemeint, in ihren Blog: »Und wo es Diamanten gibt, da gibt es auch Juden.« Andere besichtigen in Berlin das Holocaust-Mahnmal, fotografieren sich selbst zwischen den Stelen, für Facebook-Profilbilder – vielleicht in einer lustigen Pose, weil man so krass gefährlich un-
angepasst ist oder, fast noch ekliger, bedrückt und nachdenklich, sich der Vergangenheit und der »Verantwortung« bewusst.

wir-gefühl
Deutschland hat ein großes Problem, das »Wir« heißt – »Wir, die Deutschen« als Konstrukt, mit dem man sich der Welt und der Vergangenheit stellt. Das Mahnmal ist Ausdruck dieses »Wir«, so wie jede Titelgeschichte über Hitler, aber auch jeder alarmistische oder ahnungslose Artikel über »Migranten«, oder die Wohlgesinnten-Inszenierung am Berliner Maxim-Gorki-Theater, wo der Nazi-Mörder Aue ruft »Wir haben es alle gewusst!« und das intellektuelle Publikum sich wohlig schaudernd schuldig im Spiegel ansieht.

Wer nicht zu diesem »Wir« gehört, erlebt Mitleid oder Misstrauen. Aber Teil des »Wir« werden, geht nicht, man möchte es vielleicht auch gar nicht. James E. Young meint: »Wie soll man nicht einem Land ambivalent gegenüberstehen, das einen vor siebzig Jahren noch ermordet hätte?«

Ich mag das Mahnmal nicht, aber es wurde auch nicht für mich gebaut. Es wurde für die Deutschen errichtet. Für schuldgeplagte oder schuldmüde Intellektuelle, die mal ihr Verhältnis zur Vergangenheit klären mussten und dazu vor 25 Jahren die Feuilletons vollschrieben; für die merkwürdige Frau, die den Zahn eines Vergasten stolz präsentierte wie eine Jagdtrophäe; für den einen Kanzler, der sich der »Gechichte« nicht stellen wollte, für den anderen Kanzler, der sich einen Gedenkort für sechs Millionen Tote wünschte, »an den man gerne geht«.

Für die Antisemiten, für die diese hässlichen 2.711 Stelen der endgültige Beweis sind, dass der Zentralrat in Deutschland die wahre Macht ausübt. Für die gelangweilten Schüler, die sich auf diesen Stelen fläzen und sonnen. Für die gleichen gelangweilten Schüler ein paar Jahre später, die Gaskammerwitze für Aufarbeitung halten und nur sich selbst kennen. Für dieses langweilige, verbitterte, gemeine Land. Aber nicht für die Juden. Nicht für uns. Wir haben unsere eigenen Orte der Erinnerung – in kleinen Erbstücken, Familiengeschichten, in plötzlicher großer Traurigkeit. In unseren Köpfen. In uns.

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