Geschichte

Nicht allein Frankreichs Niederlage

Ein literarisches Ereignis, besitzt dieses Buch doch den gleichen Rang wie Marc Blochs berühmte Seltsame Niederlage. Foto: PR

Geschichte

Nicht allein Frankreichs Niederlage

Léon Werths Tagebuch der deutschen Okkupationsjahre liest sich verblüffend aktuell

von Marko Martin  09.10.2017 11:52 Uhr

Als im Juni 1940 die deutschen Truppen Paris überrannten, befand sich unter den Tausenden Flüchtlingen, die südwärts in die vorerst unbesetzte Zone flohen, auch das Ehepaar Suzanne und Léon Werth.

Schließlich in einem kleinen Städtchen im Jura angekommen, schrieb Werth über diese Flucht den Bericht 33 Tage, den er seinem Freund Antoine de Saint-Exupéry übergab. Die beiden Autoren kannten sich bereits seit 1931; Léon Werth, der 1878 in einer säkularen jüdischen Familie geboren wurde, ist auch der Kleine Prinz gewidmet.

Nach dem Krieg schien es dann fast so, als wäre der Nachruhm Werths vor allem der Widmung zu Beginn jenes zeitlosen Buches zu verdanken, denn Saint-Exupéry, inzwischen aus Frankreich entkommen, um sich de Gaulles Armee anzuschließen, war es in New York nicht gelungen, einen Verleger für das so poetische wie präzise Zeitdokument seines Freundes zu finden. Werth starb 1955 und geriet in Vergessenheit, woran leider auch die deutsche Publikation der 33 Tage im Jahre 2016 nicht viel änderte.

Niederlage Der S. Fischer Verlag ist deshalb gar nicht hoch genug zu loben, dass er nun auch Werths Tagebuch der Jahre 1940 bis 1944 publiziert. Ein literarisches Ereignis, besitzt dieses Buch doch den gleichen Rang wie Marc Blochs berühmte Seltsame Niederlage. Werth, befreundet mit Blochs Kollegen Lucien Febvre aus der berühmten Historiker-Schule der »Annales«, schreibt als erschütterter und zugleich luzider Zeitdiagnostiker, der nicht nur sein Land, sondern ein ganzes Wertesystem am Ende sieht. »Hitler hat der Welt gezeigt, wie überflüssig das ist, was man als die hohen Werte der Zivilisation bezeichnen kann.«

Obwohl Werths nichtjüdische Frau Suzanne in der Résistance aktiv ist und er selbst unter den Vichy-Gesetzen auch in der abgelegenen Provinz höchst gefährdet, sieht er von sich selbst eher ab und beschreibt stattdessen über Hunderte von Seiten hinweg ein demoralisiertes Frankreich, das sich in falsche Idylle und pauschales Räsonieren flüchtet, stillen Widerstand übt oder auch eilfertige Anpassung betreibt.

Szenen wie von Simenon oder Chabrol, grundiert von einer Analyse, die längst wieder aktuell ist. »Der Internationalismus konnte nur für armselige Köpfe eine vollkommene Negation von Vaterländern darstellen. Aber er sprach den Vaterländern nur das Recht ab, nicht zu Rechtfertigendes zu rechtfertigen. Indem er die Unterdrückung vom Patriotismus abzog, reduzierte er ihn auf seine höchsten Werte.« Inzwischen sind sogenannte »globalistische Eliten« das Feindbild von Populisten dies- und jenseits des Rheins, und den erklärten Pro-Europäer, Antinazi, Kolonialismus- und Stalinismuskritiker Werth zu lesen, bedeutet, ein wertvolles Antidot in die Hand zu bekommen.

Geschwätz »Die Nationalisten haben die Nation verraten, die Revolutionäre haben die Revolution verraten.« So gedieh auch im besetzen Frankreich das Geschwätz von Publizisten und Kollaborationsliteraten, die oftmals mühelos von Links nach Rechts gewechselt waren und ihr »Gemisch aus Hass und intellektuellen Albernheiten« unters Volk brachten, während in den Schulen »die faschistische Droge als traditionelle Moral« feilgeboten wurde.

Georges-Arthur Goldschmidt, der als Hamburger Junge diese Zeit in einem französischen Versteck überlebte, beschreibt in seinem Vorwort Léon Werths Stil zu Recht als »objektive Melancholie«, als ein permanentes Beobachten, das die humanistische Phrase ebenso scheut wie die Ausflucht in den Zynismus. Je dramatischer die Kriegsereignisse ab 1943 werden, je absehbarer seit Stalingrad Hitlers Niederlage, je näher schließlich die amerikanischen und französischen Befreier rücken, umso »objektiver« wird Werths Beschreibung.

Aber auch das ist Widerstand: Rekurs auf eine Vernunft, welche die Ethik auf ihrer Seite hat und nicht vor blutigem Irrationalismus kapituliert. Und doch, so ist seine Befürchtung zu lesen, wird selbst bei einem Sieg über Hitlers Drittes Reich nichts auf ewig gewonnen sein, werden die Schlächter und die Biedermänner immer wieder auftauchen, um ihr Werk auf andere Weise fortzusetzen. Aber auch dieses Buch wird bleiben, in seiner unprätentiösen Anständigkeit und intellektuellen Brillanz. Wir müssen uns diesen Léon Werth als einen verdammt guten Menschen vorstellen.

Léon Werth: »Als die Zeit stillstand. Tagebuch 1940–1944«. Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer und Tobias Scheffel. S. Fischer, Frankfurt/M. 2017, 944 S., 36 €

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