Medien

Netanjahu als Friedensvergifter

»Antisemitische Bildsprache«: Karikatur in der Stuttgarter Zeitung, erschienen am 5. August 2013 Foto: screenshot facebook

Sandra Kreisler ist schockiert. Als die Tochter des Wiener Kabarettisten Georg Kreisler gestern die »Karikatur des Tages« in der Stuttgarter Zeitung sah, traute sie ihren Augen nicht. »Es ist eine Schande, derart auf dem Grabe meines Vaters zu tanzen«, schreibt die Sängerin auf ihrer Facebook-Seite. Nie hätte sie erwartet, eine solch »antisemitische wie inhaltlich falsche« Zeichnung in einer seriösen deutschen Tageszeitung gedruckt zu sehen.

Gift Die Karikatur des Zeichners Luff zeigt Benjamin Netanjahu auf einer Parkbank. In der rechten Hand hält Israels Premier (Hakennase, große Ohren, Davidstern an der Brust) eine Giftflasche mit Totenkopfsymbol. An der Flasche hängt ein Zettel mit der Aufschrift »Siedlungsbau«. In der linken Hand hat Netanjahu ein Stück Brot, das er genussvoll mit Gift beträufelt. Neben ihm befindet sich eine Taube, vor ihr liegen die Giftkrümel. Im Schnabel hält sie einen Olivenzweig, auf ihrem Bauch steht »Nahost-Friede«.

Die Bildunterschrift lautet in Anspielung auf Georg Kreislers gleichnamiges Lied »Geh’n mer Tauben vergiften im Park«. Das Lied des 1938 in die USA geflüchteten Komponisten lässt sich als eine Parabel auf die Massenmorde der Nazis an den Juden lesen. Warum die Stuttgarter Zeitung sich ausgerechnet auf Kreislers Werk beruft, um Israel als vermeintlichen Friedensvergifter zu karikieren, geht nicht aus der Zeichnung hervor.

Entsprechend groß ist die Kritik daran. Die Israelische Botschaft in Berlin wandte sich mit einem Brief an den Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung. Darin verurteilt sie die Zeichnung aufs Schärfste. Das American Jewish Committee (AJC) forderte die Zeitung auf, sich für die Karikatur schnellstmöglich zu entschuldigen. »Der Trend, Israel mithilfe antisemitischer Bildsprache zu charakterisieren, geht anscheinend weiter. Netanjahu als moderner Brunnenvergifter: Solche perfiden Vereinfachungen, Israel einseitig zu verurteilen, vergiften die öffentliche Meinung«, erklärte die Direktorin des AJC Berlin Ramer Institute, Deidre Berger.

Brunnenvergifter Auch auf der Facebook-Seite der Stuttgarter Zeitung stößt die Karikatur auf Ablehnung: Über 100 Kommentare sind dort bisher zu lesen. »Den großen Georg Kreisler derart für die eigene Propaganda zu missbrauchen, ist an Schäbigkeit wohl kaum noch zu überbieten«, schreibt ein User. Ein anderer Leser meint: »Peinlich, peinlich diese antisemitische Hetze. Der Jude als Brunnenvergifter. Kennt man ja.«

Die Stuttgarter Zeitung hingegen kann in der Karikatur keine antisemitischen Vorurteile erkennen. Dennoch bereut das Blatt inzwischen den Abdruck ihrer Zeichnung. »Die Stuttgarter Zeitung bedauert es sehr, dass durch die Karikatur Gefühle verletzt worden sind«, erklärte Michael Maurer, der stellvertretende Chefredakteur des Blatts. Aus diesem Grund würde die Redaktionsleitung die Karikatur auch nicht noch einmal drucken.

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