Neu im Kino

Nebbich mit Starbesetzung

Alfi Seliger ist der geborene Nebbich, ein Verlierer, wie er im Buche steht. Seine Frau betrügt ihn mit einem anderen, seine pubertierende Tochter schämt sich für ihn und mag nicht zusammen mit dem Vater gesehen werden. Zu allem Überfluss verliert Alfi bei einer Bankpleite auch noch sein gesamtes Geld. Und als wäre all das nicht bereits genug, befindet sich der zwar sympathische, aber ganz und gar lebensuntüchtige jüdische Regisseur schon seit Jahren in einem beruflichen Tief. Zwar ist Alfi fest davon überzeugt, dass sein geplanter Film über den Karikaturenstreit – Arbeitstitel »Mohammed lacht sich tot« – ein Blockbuster werden könnte. Doch mit seinem Projekt stößt er bei Produzenten und Schauspielern bestenfalls auf schlecht kaschierte Langeweile.

dauerpech Irgendwann, davon ist Alfi überzeugt, muss jedoch auch die hartnäckigste Krise ein Ende haben. Und tatsächlich, seine Pechsträhne scheint zu enden, als Natasha, die männermordende Gattin des mächtigen Filmproduzenten Miesbach‐Boronowski, bei ihrem Mann sein Drehbuch gegen alle Widerstände durchboxt. Wie es sich indes für jemanden gehört, der das Unglück anzieht wie ein Magnet, endet auch dieser vermeintliche Lichtblick für Alfi in einer Katastrophe. Bevor er sich versieht, werden aus Freunden handfeste Feinde, aus Hoffnung wird Paranoia. Er gerät immer tiefer in ein Netz von Verschwörungen; was vermeintlich gewiss ist, entpuppt sich als Täuschung. Als selbst für ihn das Maß des Erträglichen überschritten ist und ihm sogar sein Psychiater empfiehlt, dem Elend ein Ende zu setzen, versucht der erfolglose Regisseur sich umzubringen. Aber wie es sich für einen echten Nebbich gehört, misslingt ihm selbst das. Alfi schafft es noch nicht einmal, einen Abschiedsbrief an seine Frau abzuschicken, weil sein Internetzugang nicht funktioniert. So überlebt er seinen Suizidversuch. Aus dem Koma erwacht, wendet sich für ihn jedoch zum zweiten Mal alles zum Guten, sogar das Filmprojekt wird Realität. Oder doch nicht? Denn nach und nach beschleicht Alfi das Gefühl, dass das alles nicht stimmt und er selbst nur eine Figur in einem Film des Regisseurs Dani Levy ist.

nabelschau Dani Levy inszeniert diese verschlungene Film‐im‐Film‐Geschichte mit großer Empathie für seinen Protago‐nisten. Wenngleich Alfi so ziemlich alles falsch macht, was man im Leben falsch machen kann, gibt der Regisseur ihn nie der Lächerlichkeit preis. Markus Hering als Alfi entpuppt sich mit seinen über 50 Jahren und nach zwei Jahrzehnten an der Wiener Burg nun auch auf der Leinwand als beeindruckender komödiantischer und tragischer Darsteller.

Doch das ist leider schon alles, was man diesem zwischen Komödie und Drama changierenden Streifen zugutehalten kann. Denn statt der durchaus vielversprechenden Handlung zu vertrauen, platziert Levy in die Geschichte immer wieder dramaturgische Verfremdungseffekte, die dem Zuschauer den Weg zur Unterhaltung wie Betonpfähle versperren. Jedes Mal, wenn die Handlung gerade an Fahrt aufgenommen hat, lässt Levy seinen Alfi genau dann über die Sinnhaftigkeit von Film im Allgemeinen philosophieren. Was äußerst vielversprechend als leichtfüßige Tragikomödie im Stile Woody Allens beginnt, entwickelt sich so schon bald zu einer verkopften, bleischweren Nabelschau. Und das nicht, weil dem Regisseur unbeabsichtigte, stümperhafte Flüchtigkeitsfehler unterlaufen wären. Es ist gewollt. Dani Levy ödet aus Überzeugung an. Er will den Zuschauer aus didaktischen Gründen irritieren, um ihn aus seinem stumpfen Filmkonsum wachzurütteln – und verstößt doch bloß gegen das erste Gebot eines jeden Künstlers: Du sollst Dein Publikum nicht langweilen!

öde Gewiss: Das Staraufgebot von Das Leben ist zu lang liest sich wie das Who is Who des deutschen Kinos: Veronica Ferres, Udo Kier, Meret Becker, Heino Ferch, Elke Sommer, Gottfried John und Yvonne Catterfeld, um nur die Prominentesten zu nennen. Der künstlerische Wert eines Films indes, auch das eine Binsenweisheit, steigt keineswegs proportional zur Anzahl berühmter Darsteller. Keine gelungene produktion ohne ein überzeugendes Drehbuch. Das hat in diesem Fall der Regisseur selbst verfasst. Zudem sollte Levy sich die Frage stellen, ob ein Film tatsächlich davon profitiert, wenn eine grenzdebile Kunstfigur wie Kurt Krömer darin mitwirkt.

Dani Levy, immerhin der Regisseur der sowohl unterhaltsamen wie intelligenten Komödie Alles auf Zucker, scheint, obwohl Schweizer, dem urdeutschen Irrtum erlegen zu sein, Anspruchsvolles müsse notwendigerweise anstrengend inszeniert werden. So ist Das Leben ist zu lang mit seinen banalen film‐ und gesellschaftstheoretischen Überlegungen leider nicht mehr geworden als eine pseudointellektuelle Selbstbefriedigung. Levy zerbricht sich den Kopf darüber, was ein Film »als künstlerischer Ausdruck, aber auch als Verführungs‐ und Illusionsmaschine« gesellschaftlich noch bewirken könne. Diese Frage habe er thematisieren wollen, was sehr befreiend gewesen sei. Das ist schön für Dani Levy – aber schlecht für die Zuschauer.

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