Theater

Nazi Horror Picture Show

Judenmord als dionysischer Rausch: Szene aus »Rechnitz« Foto: Sebastian Hoppe

Theater

Nazi Horror Picture Show

Holocaust als Menschenfresserorgie: Elfriede Jelineks »Rechnitz« in Düsseldorf

von Philipp Peyman Engel  02.11.2010 13:08 Uhr

Wenn den Zuschauer nichts mehr zu erregen, nichts mehr zu verstören und nach all den von Kunstblut, Kotze und Koitus geprägten Inszenierungen des modernen Regietheaters nichts mehr zu schockieren vermag, hilft nur noch eins: Nazis und Juden müssen her!

provokationskalkül So oder so ähnlich scheinen deutsche Regisseure zu denken, wenn sie darüber nachsinnen, wie sie mit einer Inszenierung am ehesten auf sich aufmerksam machen können. Denn eines haben die Theatermacher mit der Zeit gelernt: Eine Woyzeck- oder Faust-Aufführung ruft für gewöhnlich nur wenig Resonanz bei Publikum und Medien hervor. Aber die Aufführung eines Stückes, in dem »Heil Hitler« gerufen wird und Juden erschossen werden, kann sich von vornherein großer Aufmerksamkeit gewiss sein. Als etwa der Regisseur Roberto Ciulli vor rund einem Jahr am Mülheimer Theater an der Ruhr Fassbinders antisemitisches Drama Der Müll, die Stadt und der Tod inszenierte, berichtete sogar die Tagesschau über die Premiere. Auf Anhieb waren alle Vorstellungen des finanziell angeschlagenen Hauses ausverkauft.

Diesem Prinzip der kalkulierten Provokation seines Mülheimer Nachbarn folgend, zeigt nun das Düsseldorfer Schauspielhaus Elfriede Jelineks Stück Rechnitz (Der Würgeengel) – und löst prompt einen handfesten Theaterskandal aus. Offenkundig scheint man nicht nur an der Ruhr, sondern auch am Rhein genau zu wissen, welche Knöpfe man drücken muss, um einen Eklat zu produzieren.

massaker Elfriede Jelinek, österreichische Literaturnobelpreisträgerin von 2004, reflektiert in ihrem Stück den Umgang mit den Verbrechen des Nationalsozialismus. Der Titel steht für ein Massaker, bei dem im März 1945 in Rechnitz an der österreichisch-ungarischen Grenze am Rande eines rauschenden Festes 180 jüdische Zwangsarbeiter ermordet wurden. Zum Zeitpunkt des von Margit Gräfin Batthyány, einer Enkelin des Stahlmagnaten August Thyssen, veranstalteten alkoholseligen Kameradschaftsabends, zu dem auch HJ-Führer, örtliche NSDAP- und SS-Größen geladen waren, stand die vorrückende Rote Armee bereits 15 Kilometer vor dem Dorf. Gegen Mitternacht bat Franz Podezin, Ortsgruppenleiter der NSDAP, einen Teil der Gäste nach draußen, verteilte Waffen und lud dazu ein, die Zwangsarbeiter zu erschießen. Ob die Gräfin Batthyány mitgeschossen oder »nur« zugeschaut hat, ist bis heute ungeklärt. Die Adelige floh Ende März 1945 in die Schweiz, wo sie 1989 hochbetagt starb, ohne je zur Rechenschaft gezogen worden zu sein.

kannibalismus Doch Jelinek scheint das an Grausamkeit nicht zu reichen. Sie spannt am Schluss des Stückes einen Bogen von Rechnitz zu dem »Kannibalen von Rotenburg« und zitiert dessen authentischen Dialog mit seinem Opfer. Der damals 39 Jahre alte Armin Meiwes hatte im Jahr 2001 einen Ingenieur aus Berlin mit dessen Einverständnis entmannt, getötet und Teile der Leiche gegessen.

Holocaust plus Kannibalismus: Damit schockt man schlagzeilenträchtig Publikum und Kritik. Wobei die Düsseldorfer Theatermacher ihre Inszenierung als eine Art Erweiterung der historischen Perspektive verstehen. »Wir Nachgeborenen haben uns einen Blick auf die NS-Zeit zurechtgelegt, der mehr oder weniger sagt, der Holocaust ist ein bürokratischer und verwaltungstechnischer Akt gewesen«, sagt Hermann Schmidt-Rahmer, Regisseur der Düsseldorfer Inszenierung. »Und die Jelinek sagt, es ist ein dionysischer Rausch gewesen, in dessen Verlauf Menschen gegessen worden sind.«

Die Premiere vor rund drei Wochen rief jedenfalls tumultartige Publikumsreaktionen hervor (und entsprechend breite Medienberichterstattung). Zahlreiche Zuschauer verließen den Saal noch während des Stücks , andere riefen wütend »Aufhören!«. Bei der zweiten Aufführung einen Tag später bespuckte ein empörter Besucher die Spielleiterin.

Täterperspektive Ganz anders bei der Aufführung vergangene Woche. Nichts mehr war von Empörung und Eklat zu spüren. Gebuht, geschimpft und gespuckt hat dieses Mal niemand. In kaum drei Wochen scheint alle Wut verpufft und einer zurückhaltenden Zustimmung gewichen zu sein. Ganz sicher lag das daran, dass die Aufführung diesmal quasi pädagogisch eingebettet wurde. Vor der Inszenierung führte der Dramaturg in die Thematik des Stückes ein. Nach der Vorstellung stellten sich die Schauspieler und die künstlerische Leitung in einem Publikumsgespräch den Zuschauern. Ungeklärt blieb dabei jedoch eine zentrale Frage: Warum stellt das deutsche Theater die Gräuel der Nazis immer wieder aus der Perspektive der Täter dar? Auch in Jelineks Stück treten die Opfer nicht ein einziges Mal in Erscheinung.

Zeitreise

Historische Frankfurter Judengasse wird virtuell erlebbar

In den Alltag von Jüdinnen und Juden im Jahr 1864 in Frankfurt am Main eintauchen, sich als Passant in der historischen Judengasse bewegen und mit Bewohnern sprechen: Das Jüdische Museum Frankfurt hat eine internetbasierte Zeitmaschine entwickelt

von Jens Bayer-Grimm  29.05.2026

TV-Tipp

Kultfilm »Harry und Sally« - immer wieder was fürs Herz

Die Komödie des vor Kurzem ermordeten Regisseurs Rob Reiner avancierte zum Kultfilm

von Jan Lehr  29.05.2026

Konzerte

Doja Cat kommt mit »Ma Vie World Tour« nach Hamburg und Berlin

Ihren Durchbruch feiert sie über SoundCloud, bevor sie mit dem viralen Hit »Mooo!« erstmals weltweite Aufmerksamkeit bekommt

 29.05.2026

TV-Tipp

»Robert Lembke - Wer bin ich?« -Doku-Drama über die TV-Legende

»Robert Lembke - Wer bin ich« ist ein kluger Film über Verdrängung, Volksbildung und das Schweigen einer TV-Legende über die eigene Vergangenheit

von Jan Lehr  29.05.2026

Meinung

Kein Boykott – nur Abscheu

Die irische Schriftstellerin Sally Rooney möchte ihren neuesten Roman doch auf Hebräisch übersetzen lassen. Zuvor sortiert sie aber Israelis aus - und das Mitgefühl gleich mit

von Sabine Brandes  29.05.2026

Warnung

Steven Spielberg will keine KI nutzen

Der Filmemacher sieht einen Platz für KI in der Medizin und in der Forschung.

 28.05.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Imanuel Marcus  28.05.2026

London

Helen Mirren als »böse zionistische Schlampe« beschimpft

Ein Mann ging die 80-jährige Schauspielerin und ihren Gatten Taylor Hackford auf offener Straße an

 28.05.2026

Musik

Drake hat mehr Hits als Michael Jackson

In den Top 10 Single-Charts entfallen neun der zehn Plätze auf den jüdischen Rapper. Sein neuer Song »Janice STFU« sprang soeben direkt auf Platz 1 der Billboard Hot 100

 28.05.2026