Interview

»Nach allen Richtungen offen diskutieren«

Eva Lezzi, Literaturwissenschaftlerin und Buchautorin Foto: Uwe Steinert

Interview

»Nach allen Richtungen offen diskutieren«

Eva Lezzi über das Festival Jüdischer Literaturen in Berlin

von Ayala Goldmann  28.11.2019 16:29 Uhr

Frau Lezzi, 30 jüdische Autoren und Künstler kommen ab dem 3. Dezember zum »Festival Jüdischer Literaturen« ins Literaturhaus Berlin. War es schwierig, so viele zu rekrutieren?
Nein, es gibt noch viel mehr Autoren, auf die der ELES-Geschäftsführer und Schriftsteller Jo Frank und ich als Kuratoren des Festivals verzichten mussten. Es sind viele, sehr gute Schriftsteller auf dem Markt, die wir leider nicht berücksichtigen konnten.

Welche Kriterien haben Sie angelegt?
Wir wollen Autoren unterschiedlicher Generationen und Bekanntheitsgrade vorstellen und miteinander ins Gespräch bringen – wie etwa Eva Menasse und Channah Trzebiner, Robert Schindel und Max Czollek. Und wir zeigen unterschiedliche Genres wie Roman und Lyrik, aber auch jüdische Literaturen in ihrer Mehrsprachigkeit. Es ist zwar ein deutschsprachiges Festival, aber wir werden zum Beispiel die große Übersetzerin Anne Birkenhauer mit ihrem jüngeren Kollegen Daniel Jurjew zusammenbringen, der aus dem Russischen übersetzt und selbst auch Lyrik publiziert hat. Mit Zehava Khalfa haben wir eine israelische Autorin, die zweisprachig publiziert. Außerdem wird Noam Brusilovsky, der mit dem ARD-Hörspielpreis ausgezeichnete Regisseur von »Broken German«, das Gespräch über Sprache sicherlich beflügeln.

Sie haben für das Festival den Titel »Verquere Verortungen« gewählt. Klingt ziemlich verkopft. Wie sind Sie auf dieses Motto gekommen?
Durch viel Kopfarbeit! »Festival Jüdischer Literaturen« wollten wir nicht allein als Titel, weil dies suggeriert, dass es so etwas gebe – und wir womöglich wüssten, was das sei. Es gibt aber überhaupt keine festen Definitionen für jüdische Literatur. »Verquer« sind Verortungen deshalb, weil es häufig Zuschreibungen von außen gibt, weil es im Feuilleton oder in der Rezeption plötzlich heißt, ein jüdischer Autor habe einen tollen jüdischen Roman geschrieben. Aber wir wollen Zuschreibungen von außen und auch die Selbstverortungen der Autoren in alle Richtungen offen diskutieren.

Zum Festival erscheint ein Sonderband der Zeitschrift »Jalta«. Sie schreiben darin auch über neo-orthodoxe Autorinnen des 19. Jahrhunderts. Für die war es einfach, »jüdische Literatur« zu definieren – nicht nur Titel und Verfasser mussten »jüdisch« sein, sondern auch die religiöse Haltung ...
In diesen Texten werden viele Fragen erörtert, die im 19. Jahrhundert aktuell waren: die Rolle der Frau, die Pluralisierung zwischen orthodoxem und liberalem Judentum. Ich finde das 19. Jahrhundert in dieser Hinsicht extrem spannend, weil heute auch wieder eine ähnliche Pluralisierung stattfindet, im Judentum und auch in jüdischen Literaturen. Nur kann der jeweilige Resonanzraum, die je spezifische jüdische Leserschaft nicht gleich groß sein wie damals. Auch sind die Fragen zu Religion und Gender heute etwas anders gelagert. Beispielsweise ist für viele heutige Autoren wie Dmitrij Kapitelman die religiöse »Verortung« oder jüdische Zugehörigkeit von sogenannten Vaterjuden ein wichtiges Thema.

Ohne den »schielenden Blick« auf das nichtjüdische Publikum, von dem Sie schreiben, gäbe es viele Bücher jüdischer Autoren also vielleicht gar nicht – und auch kein Literaturfestival?
Wir sind froh, dass das Festival in Kooperation mit dem Literaturhaus Berlin stattfindet, einem »nichtjüdischen« Ort, der offen ist für jede Form guter Literatur und für ein sehr diverses Publikum. Vielleicht ist diese Einteilung jüdisch/nichtjüdisch sowieso zu ungenau, denn es gibt auch ein gut informiertes nichtjüdisches Leserpublikum. Es ist nicht immer vorhersehbar, wer in diese Texte hineingezogen wird, Anspielungen versteht, ein jüdisches Narrativ erkennt, an bestimmten Stellen lacht. Adriana Altaras und Dana von Suffrin beispielsweise schreiben beide in einer sehr humorvollen Weise über tragische Lebensschicksale, und doch könnte ihr Schreibstil kaum unterschiedlicher sein. Alle diese Bücher brauchen ein breites Publikum. Und es lohnt sich, sich mit jedem einzelnen dieser Texte auseinanderzusetzen.

Mit der Germanistin, Schriftstellerin und Referentin beim jüdischen Begabtenförderwerk ELES sprach Ayala Goldmann.

https://eles-studienwerk.de/verquere-verortungen-festival-juedischer-literaturen

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Burkhard C. Kosminski

»Ich würde das Stück gerne im Osten spielen«

Der Intendant am Schauspiel Stuttgart über »Die Ermittlung« von Peter Weiss, die Existenzberechtigung Israels in der Kunst und seine Auszeichnung mit der Otto-Hirsch-Medaille

von Nicole Golombek  30.06.2026

Interview

»Der Oscar öffnete mir neue Türen«

Daniel Roher über seinen ersten Spielfilm »The Piano Tuner« und den Dreh mit Dustin Hoffman und Lior Raz

von Patrick Heidmann  30.06.2026

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Früher hätte man Journalisten wie Restle, die Juden unterstellen, sie seien nur Sprachrohr einer Regierung in Israel, die Eignung als Politik-Redakteure beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk abgesprochen. Zu Recht

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Interview

»Schriftsteller sind quasi die Putzfrauen des Literaturbetriebs«

Slata Roschal über den Bachmannpreis, prekäre Lebenssituationen von Autoren und das Schreiben nach dem 7. Oktober 2023

von Katrin Richter  30.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026

Zahl der Woche

16 Stunden 25 Minuten

Fun Facts und Wissenswertes

 28.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Warum sich jüdische Mädchen mehr für Fußball begeistern sollten

von Nicole Dreyfus  27.06.2026