Oscar-Film

Monumental verstörend

Adrien Brody verkörpert in »Der Brutalist« den begnadeten Architekten László Tóth. Foto: Courtesy of A24

Am Anfang ist Überforderung. Die Kamera wackelt durch die Dunkelheit, begleitet von Briefzeilen aus dem Off sowie stampfendem Getöse. Mit László Tóth, facettenreich gespielt von Adrien Brody in einer Art Der Pianist-Gedächtnisrolle, schiebt sich die Kamera (Laurie Crawley) durch das Chaos eines Schiffsladeraums. Menschen tummeln sich darin, es geht Treppen hinauf, bis oben eines der ersten Bilder wartet, die so vielsagend wie offensiv von der Leinwand niederschmettern: die auf dem Kopf stehende Freiheitsstatue. »Niemand ist hoffnungsloser versklavt als jene, die fälschlicherweise glauben, frei zu sein«, zitiert eine Frauenstimme aus dem Off Goethe.

Diese Bewegung, die in der hämmernden Ouvertüre von Brady Corbets Der Brutalist vollzogen wird, dieser atemlos gefilmte Weg aus einer Dunkelheit in das Licht einer Welt, deren Werte auf dem Kopf stehen, deutet an, woran sich das Dreieinhalbstunden-Epos abarbeitet. Corbets dritte Regiearbeit zelebriert die große Geste. Sie erzählt von Migration und Macht, von Liebe und Architektur, von Ausbeutung sowie der perversen Seite des American Dream.

Mit zehn Nominierungen bei den Oscars einer der großen Favoriten

Dafür wurde der 1988 in Arizona geborene Regisseur, der sich zunächst als Schauspieler in Filmen von Lars von Trier, Michael Haneke oder Olivier Assayas einen Namen gemacht hatte, auf dem Filmfestival in Venedig für die beste Regie ausgezeichnet. Nach weiteren Preisen als bestes Filmdrama, für die beste Regie und für Brody als besten Hauptdarsteller bei den Golden Globes gilt Der Brutalist mit zehn Nominierungen auch bei den Oscars als einer der großen Favoriten.

Im Mittelpunkt steht der ungarisch-jüdische Architekt und Schoa-Überlebende László Tóth, der sich ein neues Leben aufbauen will.

In zwei Kapiteln und einem Epilog folgt der Film, zu dem Corbet gemeinsam mit seiner Frau Mona Fastvold das Drehbuch geschrieben hat, dem ungarisch-jüdischen Architekten bei seinen Bemühungen, sich ein neues Leben aufzubauen. So wird Tóth 1947 nach der Ankunft auf Ellis Island von seinem in Pennsylvania lebenden Cousin Attila (Alessandro Nivola) und dessen katholischer Ehefrau Audrey (Emma Laird) aufgenommen.

Attila selbst hat den alten Nachnamen abgelegt, ebenso die jüdische Identität, und betreibt ein Möbelgeschäft, in dem Tóth mit anpackt. Mit der Renovierung der Bibliothek des Tycoons Harrison Lee Van Buren, großartig von Guy Pearce verkörpert, tut sich ihm eine neue Welt auf. Van Buren ist zunächst wenig begeistert von der Umgestaltung, gabelt Tóth aber später, als dieser heroinsüchtig mit seinem Freund Gordon (Isaac de Bankolé) als Hilfsarbeiter auf dem Bau buckelt, wieder auf. Der Tycoon hat Architekturzeitschriften dabei und schwärmt von Tóths reduzierten und funktionalen Bauten, die von den Prinzipien des Bauhauses geprägt sind und in den Magazinen vorgestellt werden.

Gigantisches Gemeindezentrum als wahnwitziges Mammutprojekt

Er unterbreitet ihm ein Angebot, das der Architekt nicht ausschlagen kann: Er soll für ihn ein gigantisches Gemeindezentrum entwerfen. Auf knapp 3000 Quadratmeter Grundfläche soll es Sporthalle, Auditorium, Bibliothek, Kapelle und mehr beherbergen – ein wahnwitziges Mammutprojekt, in dem sich Corbets Film selbst spiegelt. Er habe, erzählte der Regisseur dem Branchenmagazin »Variety«, sieben Jahre mit der Entwicklung von Der Brutalist verbracht und seinen Film, kaum zu fassen, für ein Budget von weniger als zehn Millionen Dollar realisiert.

Sieben Jahre hat der Regisseur am Drehbuch gearbeitet.

Das Resultat ist ein 30 Lebensjahre umspannendes Epos, untermalt von der zwischen ohrwurmtauglicher Motivik und perkussiven Sequenzen changierenden, imposanten Filmmusik von Daniel Blumberg. Auch die Analogfetischisten hyperventilieren vor Freude, weil Corbet im VistaVision-Format gedreht hat, einem in den 50er-Jahren populären analogen Großformatverfahren. Zur Premiere in Venedig wurde der Film auf einer 70-mm-Kopie gezeigt.

Auch die Analogfetischisten hyperventilieren vor Freude

Die Superlative ließen nicht lange auf sich warten, schnell wurde der Film in einem Atemzug mit Klassikern wie Citizen Kane oder There Will Be Blood genannt, weil er sich ebenfalls am amerikanischen Mythos abarbeitet. Die Freiheitsstatue, Sequenzen mit Autofahrten oder Werbeclips über Pennsylvania als Heimat der Stahl­industrie: Corbet penetriert amerikanische Ideale, um sie zu konterkarieren mit der jüdisch-migrantischen Perspektive des Architekten und seiner Frau Erzsébet (Felicity Jones), die wegen Mangelernährung im KZ im Rollstuhl sitzt.

Was sich auf Van Burens und Tóths Reise zu den Marmorsteinbrüchen von Carrara ereignet, mag den thematisch-dramaturgischen Bogen des Films ein Stück weit überreizen. Nur trifft es auch den Kern dessen, worauf sich Der Brutalist immer weiter zuspitzt: Amerika als Land, das selbst hoch qualifizierte Einwanderer nur duldet und sich im schlimmsten Fall an ihnen vergeht, um bei der Metapher des Films zu bleiben.

Wenn sich im Epilog in Tóths brutalistischer Kathedrale, in diesem mit Perfektionismus errichteten und von Katastrophen begleiteten Bau, die Spuren des im Film durchweg präsenten Holocaust materialisieren, dann bekommt die schreckliche Vergangenheit durch die Kunst in diesem Film, der auch viel über unsere Gegenwart erzählt, eine Kontur.

Der Film läuft ab 30. Januar im Kino.

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