Chemie

Moleküle und Menschenrechte

Noch heute täglich im Labor: John Polanyi Foto: Uwe Steinert

Es ist eine Wiederkehr in seine Geburtsstadt. Zwar nicht das erste Mal, doch diesmal ist es etwas Besonderes. Immer wieder war der kanadische Chemiker John Charles Polanyi in Berlin, um Vorträge zu halten und wissenschaftliche Kontakte zu pflegen. Doch Ende Juni erhielt der 83-jährige Forscher die Helmholtz-Medaille der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. »Er ist hervorragender Wissenschaftler und engagierter Kämpfer für die Menschenrechte«, sagte Akademiepräsident Günter Stock bei der Festsitzung im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt.

Die höchste wissenschaftliche Ehrung, den Nobelpreis für Chemie, hatte Polanyi bereits 1986 erhalten, für »die bahnbrechenden Erkenntnisse über die Dynamik chemischer Elementarprozesse«, wie das Nobelkomitee formulierte. Diese Forschung betreibt Polanyi an der Universität von Toronto bis heute, den grundlegenden Fragen nachspürend, wie sich Atome und Moleküle bei chemischen Reaktionen bewegen.

Das sind Themen, wie sie auch am Fritz-Haber-Institut in Berlin-Dahlem bearbeitet werden. Hier forschte am damaligen Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie Michael Polanyi, Johns Vater. Der renommierteste Forscher am Nachfolgeinstitut ist heute Gerhard Ertl, der 2007 den Nobelpreis für Chemie erhalten hat. Der Physiker untersucht chemische Reaktionen an Oberflächen, etwa an Katalysatoren. Ein ähnliches Forschungsgebiet, wie es Polanyi bearbeitet.

abrüstung So bleibt es nicht aus, dass sich die Wissenschaftler auf Tagungen treffen und einander schätzen gelernt haben. »John Polanyi ist ein sehr integrer, lauterer, nobler Mensch«, sagt Ertl, der seinen Nobelpreisträger-Kollegen für die Auszeichnung mit der Helmholtz-Medaille vorgeschlagen hatte. Polanyi sei nicht nur ein hervorragender Wissenschaftler, weiß Ertl. Er habe viele darüber hinausgehende Interessen und engagiere sich auch politisch, etwa in den Pugwash-Konferenzen. In der Tat war Polanyi eines der Gründungsmitglieder der kanadischen Sektion dieser Bewegung, die sich für weltweite Abrüstung einsetzt und 1995 den Friedensnobelpreis erhielt.

Das Interesse für Naturwissenschaften, Politik und Philosophie gehört quasi zur Tradition der aus Ungarn stammenden jüdischen Familie. Der Onkel Karl Polanyi, Ökonom und Soziologe, wurde als Kritiker der klassischen Ökonomie und der ungehemmten Marktwirtschaft weltweit bekannt. Johns Vater, Michael Polanyi, war Chemiker und Philosoph. Er lehrte in Großbritannien und den USA zunächst Chemie und später Sozialwissenschaften. Zuvor hatte er in Berlin geforscht, wo er 1923 am Dahlemer Kaiser-Wilhelm-Institut die Abteilung für Reaktionskinetik übernahm.

Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 musste er wie die anderen jüdischen Wissenschaftler das Institut verlassen. Er folgte einem Ruf an die Universität von Manchester, sodass die Familie mit den beiden Söhnen dem Naziterror entkommen konnte. John, 1929 geboren, studierte und promovierte in Manchester. 1956 wurde er – nach einem zweijährigen Zwischenspiel an der amerikanischen Elitehochschule von Princeton – an der Universität von Toronto Dozent und später Professor.

grundlagen Als Chemiker wandelt John Polanyi auf den Spuren seines Vaters. Er möchte erforschen, wie sich einzelne Atome oder Moleküle bei chemischen Reaktionen verhalten. Als er Wasserstoffatome in Chlorgas einbrachte, stellte er fest, dass diese Infrarotlicht ausstrahlten. So entwickelte er die Methode der Infrarot-Chemolumineszenz.

Dabei führen chemische Reaktionen dazu, dass elektromagnetische Strahlung im infraroten Bereich emittiert wird. Dies ermöglicht es, die Mechanismen des Vorgangs zu durchschauen, Zwischenprodukte zu erfassen und die Reaktionsgeschwindigkeit zu bestimmen. Zusammen mit dem Taiwanesen Yuan T. Lee und dem Amerikaner Dudley R. Herschbach erhielt John Polanyi dafür 1986 den Nobelpreis für Chemie.

Seine Erkenntnisse brachten Polanyi dazu, das Prinzip eines chemischen Lasers vorzuschlagen. Realisiert wurde dieser durch andere Forscher. Das ist bezeichnend für Polanyi, der stets Wert darauf legt, Grundlagenforschung zu betreiben. Mögliche Anwendung hat er zunächst nicht im Sinn.

Verantwortung »Wer angewandte Wissenschaft haben will, braucht zuerst Wissenschaft, die angewandt werden kann«, sagte der mit Preisen überhäufte Chemiker 2002 in einer Rede in Toronto, die in einem sehenswerten Video dokumentiert ist (www.podcast.tv/video-episodes/john-polanyi-on-the-world-that-science-has-built-17912914.html). Polanyi wird dabei nicht müde, auf die Verantwortung der Wissenschaftler hinzuweisen, eine humane Gesellschaft für alle Mitglieder, ob reich oder arm, aufzubauen.

So ist es nur folgerichtig, dass Polanyi auch mit 83 Jahren weiter wissenschaftlich aktiv ist. »Er arbeitet immer noch im Labor«, sagt Ertl. Ab und zu komme er nach Berlin, zu wissenschaftlichen Symposien oder auch letztes Jahr zum 100-jährigen Bestehen des Fritz-Haber-Instituts, das in finstersten Zeiten, als es noch Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie hieß, seinen Vater vor die Tür setzte.

Der Sohn John, damals vier Jahre alt, erinnere sich noch ein wenig an die Berliner Zeit, habe jedoch keine Ressentiments, sagt Ertl. Das habe man auch bei der Medaillenübergabe gemerkt, ergänzt Akademiepräsident Stock. Polanyi habe lediglich mit seinem schlechten Deutsch kokettiert.

Die Helmholtz-Medaille
wird seit 1892 für herausragende wissenschaftliche Leistungen vergeben – zunächst von der Preußischen Akademie der Wissenschaften, später von der Akademie der Wissenschaften der DDR und seit 1994 von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im zweijährigen Rhythmus. Unter den Preisträgern finden sich berühmte Forscher wie Rudolf Virchow, Max Planck, Wilhelm Röntgen, Otto Hahn, Niels Bohr oder Paul Dirac.

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026

Kulturkolumne

»Konti: Mission BRD«

Meine Bewältigung der Einwanderung nach Deutschland: Wie ich als Immigrant ein Brettspiel entwickelte

von Eugen El  12.02.2026

Hollywood

Rachel Weisz spielt in Neuauflage von »Die Mumie« mit

Beim dritten Teil hatte die Schauspielerin eine Mitwirkung abgelehnt, da sie das Drehbuch nicht überzeugt hatte. Auf den neuesten Film müssen Fans noch etwas warten

 12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026

Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Wieder läuft keine israelische Produktion im Wettbewerb. Dafür finden sich viele jüdische und israelische Perspektiven im gesamten Programm

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Berlinale

»Wir wollen die Komplexität aushalten«

Wenn die Welt um einen herum verrücktspielt, helfen nur Offenheit und Dialog, sagt Festivalchefin Tricia Tuttle

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Meinung

Oliver Pochers geschmacklose Witze über Gil Ofarim

Der Comedian verkleidet sich auf Instagram als Ofarim und reißt Witzchen über die Schoa. Während echte Komiker Humor stets als ein Mittel nutzen, um sich mit den Schrecken und Abgründen dieses Verbrechens auseinanderzusetzen, tritt Pocher nur nach unten

von Ralf Balke  11.02.2026

Nachruf

Israels verkanntes Musikgenie

Unser Autor hörte Matti Caspi schon als Kind bei einem Konzert im Kibbuz. Eine persönliche Erinnerung an den Sänger und Komponisten, der mit 76 Jahren an Krebs gestorben ist

von Assaf Levitin  11.02.2026