»Das große Haus«

Möblierte Juden

»Ein groteskes, bedrohliches Monstrum« von Schreibtisch führt bei Nicole Krauss durch das jüdische 20. Jahrhundert. Foto: Frank Albinus

Es gibt Bücher, die nehmen den Leser vom ersten Satz an gefangen. Ein solcher Sofort-Starter ist der dritte Roman der amerikanischen Autorin Nicole Krauss mit Sicherheit nicht. Das große Haus kann einen trotzdem packen – vorausgesetzt, man lässt sich auf die eingeflochtenen Rätsel mit wachen Sinnen ein und bringt die Geduld auf, abzuwarten, wie die Autorin die recht lose miteinander verbundenen vier Geschichten über jüdische Schicksale im 20. Jahrhundert miteinander verknüpft.

stimmengewirr Leicht mit der Lektüre macht es einem die 36-Jährige, die spätestens mit ihrem in 35 Sprachen übersetzten Welterfolg Die Geschichte der Liebe (2005) aus dem Schatten ihres Ehemanns Jonathan Safran Foer (Alles ist erleuchtet) herausgetreten ist, allerdings nicht. Nehmen wir nur die Erzählstimme(n): Wenig rücksichtsvoll gegenüber dem Normalleser, der gern weiß, mit wem er das Vergnügen hat, schlüpft die Autorin kurz hintereinander in vier verschiedene Ichs, die das Wort ergreifen, ohne gleich mit Namen vorgestellt zu werden, was eine Identifikation ziemlich behindert.

Auch folgen die Figuren keinerlei Chronologie. Zudem bringt Krauss, die ihre literarische Laufbahn als Lyrikerin begann, hier einiges von ihrer an den Universitäten Ox- und Stanford erworbenen literarischen Bildung großzügig ein – ablesbar an den Anklängen an Bücher ihrer Lieblingsautoren David Grossman und W. G. Sebald.

Zusammengehalten werden die vier Teilgeschichten durch die Odyssee eines ungewöhnlichen Schreibtischs aus fast schwarzem Holz, auf dem ein Aufbau mit 19 Schubladen in absolut unpraktischen Größen thront – »ein groteskes, bedrohliches Monstrum«. Nach diesem Möbelstück fahndet der israelische Antiquitätenhändler Georg Weisz, der das Arbeitszimmer seines im Winter 1944 in Budapest von der Gestapo verschleppten Vaters, eines jüdischen Gelehrten, im Heiligen Land rekonstruieren möchte, als könnte er »mit diesem Puzzlewerk die Zeit außer Kraft setzen und den Kummer tilgen«.

variationen Zu den zwischenzeitlichen Schreibtischbesitzern gehören die New Yorker Schriftstellerin Nadia, der von der Militärjunta in Chile umgebrachte jüdische Dichter Daniel Varsky und die deutsche Jüdin Lotte Berg, die als 17-Jährige aus Nürnberg nach England flüchtete.

Die unterschiedlichen Bindungen an den monströsen Schreibtisch werden in einem zweiten Durchlauf der vier Teilgeschichten noch einmal variiert. Bei so vielen Schubladen, die hier von der Autorin aufgezogen und zugeschoben werden, ist es kaum überraschend, dass es gelegentlich quietscht in diesem komplexen Konglomerat aus Biografien. Erst zehn Seiten vor dem Ende des Romans dringt Krauss endlich zum Kern ihrer Geschichte und zur Auflösung des Titels vor.

Sie kommt auf Rabbi Jochanan ben Zakkai zu sprechen, der bei der Belagerung Jerusalems durch die Römer trickreich seinen angeblichen Tod inszenierte und in Javne eine Schule, das große Haus, gründete, um die Versprengten zu sammeln. Seine Devise lautete: »Verwandle Jerusalem in eine Idee. Verwandle den Tempel in ein Buch, ein Buch, das so groß, so heilig und so komplex ist wie die Stadt selbst.«

Auf ihrer Reise durch die Zeit, die den Leser nach New York, Frankfurt, London und Jerusalem führt, nimmt Nicole Krauss wieder die Themen auf, die sie seit ihrem Prosadebüt Kommt ein Mann ins Zimmer (2002) umtreiben: Verlust und Erinnerung, Einsamkeit und Vergessen, hier ergänzt um Kinderlosigkeit und Alzheimer. Bei der historischen Schwere des Stoffs überrascht nur, dass die junge Autorin ihr für den renommierten amerikanischen National Book Award nominiertes Buch ausgerechnet ihren Söhnen Sasha und Cy gewidmet hat, die noch im unschuldigen Kindergartenalter sind.

spurenleserin Aber das ist ohnehin das große Rätsel der 1974 in New York geborenen Autorin, die mit ihrer Familie in Brooklyn lebt: Wieso richtet sie ihr Schreiben derart intensiv an einer Zeit aus, die sie nicht aus eigener Anschauung kennt? Krauss, die von der US-Wochenzeitung Forward im vergangenen Jahr auf Platz fünf der wichtigsten amerikanischen Juden gelistet wurde, liebt die Spurensuche in der Vergangenheit und lässt sich beim Schreiben gern selbst von dem Ergebnis überraschen.

»Mir geht es darum, eine Welt zu erschaffen, die zwar verbunden ist mit der, in der wir leben, aber gleichzeitig eine völlig andere ist«, sagte sie einmal im Interview mit dieser Zeitung. Als Stipendiatin der American Academy hat Nicole Krauss ein halbes Jahr in Berlin an dem verzwickten Dauerumzug ihres geschichtsträchtigen Schreibtischs gearbeitet. Diese Woche ist sie wieder in Deutschland und liest in Frankfurt, Hamburg und Berlin.

Nicole Krauss: »Das große Haus«. Übersetzt von Grete Osterwald, Rowohlt, Reinbek 2011, 378 S., 19,95 €

Lesungstermine: Donnerstag, 24. Februar, 20 Uhr, Frankfurt/M., Literaturhaus, Schöne Aussicht 2; Freitag, 25. Februar, 20 Uhr, Hamburg, Literaturhaus, Schwanenwik 38; Samstag, 26. Februar, Berlin, Backfabrik Clinker Lounge, Saarbrücker Str. 36a, Prenzlauer Berg

Kino

Spielbergs »Disclosure Day« feiert Kinostart

Als Inspiration für dieses Projekt nennt der jüdische Regisseur einen »New York Times«-Artikel über geheime UFO-Programme des Pentagon

 08.06.2026

Berliner Revue

»Berlin, Du coole Sau!«: Sharon Brauner auf Tour

Es handelt sich um eine der aufwändigsten Bühnenproduktionen ihrer Karriere. Im Herbst beginnt die Deutschlandtournee

 08.06.2026

Kommentar

Der Hass trägt heute Palästinaflaggen

Wie der kulturelle Boykott Israels die Ausgrenzung von Juden normalisiert

von Sarah Maria Sander  07.06.2026

Berlin

Ein Engelskuss

Der Künstler Charles Abecassis präsentiert seine Arbeiten in einer Verkaufsausstellung, deren Reinerlös an das Projekt »The Way Shalom« geht

 07.06.2026

»documenta«

Kulturrat: Antisemitismus letztlich nicht zu verhindern

Olaf Zimmermann will mit einem »Code of Conduct« Antisemitismus, Rassismus »und jedweder anderen Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit aktiventgegentreten«

von Susanne Rochholz  07.06.2026 Aktualisiert

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 07.06.2026

Berlin

»Tänzerinnen Brunnen« gehört nun zu US-Privatsammlung

Das Kunstwerk wurde als Highlight der Sommerauktion bei Auktionshaus Grisebach versteigert – für vier Millionen Euro

 07.06.2026

Zeitgeschichte

Wie ein grausames Märchen

In ihrem aktuellen Buch schreibt die Historikerin Irina Scherbakowa über die verlorene Freiheit in Russland. Nun ist »Der Schlüssel würde noch passen« für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert

von Ralf Balke  07.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Zeitraffer und Geschichte oder Warum alte Fotos mehr erzählen

von Nicole Dreyfus  07.06.2026