Modest Fashion

Mit Turban und Bleistiftrock

Sie sieht aus wie ein Model. In elegantem Schwarz schwebt die junge Frau durch die Einkaufsstraße Mamilla, Jerusalems größte Open‐Air‐Mall, zwei Minuten vom Jaffator entfernt. Sie trägt einen leichten Turban, der wie schwarzes Leder schimmert. Der wadenlange Bleistiftrock scheint aus dem gleichen Material zu sein. Dazu trägt sie eine schlichte schwarze Jacke mit rundem Kragen. Vor einem Schaufenster bleibt sie stehen, und eine Frau in dezentem Pastell übernimmt die nächste Runde des unerwarteten Defilees: Herrlicher Blumendruck schmückt ihr gebundenes Kopftuch.

Sie trägt einen schmalen beigefarbenen Mantel zu hellblauen Coulottes. Vor dem Buchladen Steimatzky im berühmten Stern‐Haus wird sie von einer Freundin abgeholt, die ein wunderbar fließendes graublaues Kleid trägt. Gemeinsam verschwinden sie im Café. Beide Frauen sind sichtbar orthodox – und modisch up to date.

So wie die beiden frommen Freundinnen sind viele Frauen an diesem warmen Sommerabend zwischen den Boutiquen und Modeketten‐Filialen in Mamilla unterwegs. Aber vor allem die Orthodoxen sehen aus wie einem Modemagazin entsprungen.

180 Grad »Modest Fashion«, der dem Glauben entsprechend angemessene Kleidungsstil, liegt voll im Trend – nicht nur in Jerusalem. Ob die großen Modenschauen in New York, Paris oder Berlin, ob Haute Couture oder Discounter, auch die säkulare Mode ist zurückhaltend geworden – die Röcke länger, die Ausschnitte bedeckter. Eine »180‐Grad‐Wende«, nennt es die amerikanische Modest‐Fashion‐Bloggerin Adi Heyman.

»Kein Wunder«, sagt die belgisch‐israelische Modedesignerin Amanda Kremer, die seit 2003 mit ihrem Label »Amanda K.« dezente Mode gestaltet. Mit Kopftüchern hat sie angefangen, mittlerweile verkauft sie ihre Kollektionen in Israel in drei eigenen Geschäften und einem Onlineshop unter dem Motto »Wenn sich Religion und Mode treffen«. »Mode reagiert auf das, was in der Welt vor sich geht, und sie bedient das, was die Menschen wollen«, sagt Kremer. »Frauen wollen frei sein, und sie wollen selbst entscheiden, welche Mode für sie richtig ist.«

Als modebewusste jüdisch‐orthodoxe Frau das richtige Kleidungsstück zu finden, war lange Zeit gar nicht so einfach. Und das, obwohl die Regeln der »Zniut«, der Sittsamkeit, simpel scheinen: Schlüsselbein, Ellbogen und Knie müssen bedeckt sein und nach der Hochzeit auch die Haare. Die Kleidung sollte weder die Figur zu sehr abzeichnen noch durchsichtig sein.

nachfrage Sobald es weniger altbacken und eher modisch aussehen sollte, habe sie lange suchen und eigentlich nach jedem Einkauf noch selbst Hand anlegen müssen, sagt Miriam Hecht vom New Yorker Mo‐dest‐Fashion‐Label MIMU MAXI. »Also haben wir beschlossen, unsere Mode selbst zu entwerfen.« Ohne Erfahrung im Fashionbusiness, aber mit doppelter Leidenschaft versorgen die Schwägerinnen Hecht und Mushky Notik seit 2012 ihre Kundinnen in Pop‐up‐Stores und online mit T‐Shirts, Kleidern, Leggins und Röcken, die lang, weit oder geschlossen genug sind – und einfach schön aussehen. Das schließe sich nämlich nicht aus. Im Gegenteil – aufgrund der Vorgaben mache das Designen noch mehr Spaß, sagen Hecht und Notik.

Die Nachfrage steigt stetig, denn neben Frauen, die aus religiösen Gründen mehr anziehen möchten, entdecken auch säkulare Fashionistas zunehmend die bequeme Mode. »Wir haben viele Kundinnen, die nicht jüdisch sind und auch sonst keiner Religion angehören«, sagt Notik. »Aber auch muslimische und christliche Kundinnen kaufen bei uns.«

Denn: Modest Fashion verbindet. Da sind sich Kremer, Hecht und Notik einig. Das liege vor allem am Internet, sagt Kremer. »Die sozialen Medien haben eine große Rolle dabei gespielt, Frauen überall auf der Welt miteinander zu verbinden«, meint die Designerin. Dadurch hätten diese endlich damit begonnen, selbst zu entscheiden, was sie anziehen, und würden mittels der Mode ihre Individualität ausdrücken. »Wer zum Beispiel nach dezenter Bademode sucht, findet verschiedene Onlineshops, die Jüdinnen, Musliminnen und säkulare Frauen bedienen. Man kann auf all diesen Seiten einkaufen, egal, welchen Hintergrund man hat – das ist das Schöne am Internet.«

selbstbewusstsein Das findet auch Romanna Bint‐Abubakr, Gründerin der Website »Haute Élan« für muslimische Modest Fashion. »Der zurückhaltende Bekleidungsstil bringt verschiedene Kulturen und Glaubensrichtungen zusammen. Frauen haben viel mehr gemeinsam, als sie unterscheidet«, sagt die Londoner Geschäftsfrau. Und Mode fördere diese Erkenntnis.

Mode sei Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins. »Weil Frauen heute einen großen Teil der Erwerbstätigen ausmachen und ihr eigenes Geld für Luxusartikel für sich selbst ausgeben, wollen sie Dinge kaufen, die angenehm sind und die ihrem eigenen Geschmack entsprechen«, meint Amanda Kremer. »Jetzt, da sie nicht mehr das Gefühl haben, mit tiefen Ausschnitten und Stilettos Männer beeindrucken zu müssen, konzentrieren sie sich darauf, herauszufinden, was sie wirklich anziehen möchten und wie sie sich selbst zeigen wollen.« Die Designerinnen von MIMU MAXI formulieren das so: »Wir sind sehr offene, sehr selbstbewusste jüdische Frauen, und wir haben unseren eigenen Feminismus.«

Dieses Selbstbewusstsein teilt auch Amanda Kremer. »Frauen sind die Zukunft der Modest Fashion«, glaubt die belgische Designerin. »Es sieht nicht danach aus, dass wir den Männern die Autoschlüssel demnächst zurückgeben oder wieder das Korsett zuschnüren. Wenn Frauen anfangen, ihre Mode selbst zu bestimmen, werden sie herausfinden, was sie selbst schön finden und was ihnen das Gefühl von Stärke und Einzigartigkeit gibt«, meint sie.

maskit Apropos Empowerment, Einzigartigkeit und Freiheit: Keine 70 Kilometer südwestlich von den frommen und modischen Frauen in der Mamilla‐Einkaufsstraße, in Jaffa, arbeiten Sharon Tal und ihr Mann Nir unablässig an der Wiedergeburt eines israelischen Traums: des legendären Modelabels »Maskit«. Auch dessen Ursprünge wurzeln in der Modest Fashion.

1945 von Ruth Dayan, der ersten Frau von Verteidigungsminister Moshe Dayan, gegründet, ist diese Modelinie einzigartig in der ganzen Welt. Das Modehaus hatte seinerzeit zwei Ziele: die zu Tausenden ins Land strömenden weiblichen Flüchtlinge vor der Armut zu bewahren und die genuine Mode eines ganzen Staates zu erfinden.

Dayan bereiste zu diesem Zweck das junge Israel, um sich von den Frauen aus Marokko, dem Jemen und Irak oder auch aus Russland, Griechenland und Ungarn deren Mode zeigen zu lassen – Stoffe, Farben, Muster, Stickereien, Schnitte, Webkunst. Gemeinsam mit der Designerin Fini Leitersdorf ließ Dayan die verschiedenen Modekulturen zusammenfließen, um etwas Neues zu erschaffen: israelische Mode. Mit überwältigendem Erfolg: Audrey Hepburn trug Maskit, Yves Saint Laurent und Dior arbeiteten mit Dayans Label zusammen, und Maskits »Desert Coat«, der Wüstenmantel, wurde zu einem internationalen Bestseller.

Strickerei Als Maskit 1994 geschlossen wurde, schien eine unglaubliche Erfolgsgeschichte ihr natürliches Ende gefunden zu haben. Doch dann, rund 20 Jahre später, kehrte eine junge israelische Designerin aus London zurück, wo sie drei Jahre lang im Hause Alexander McQueen für die Stickereien verantwortlich gewesen war. Auf der Suche nach einem Neuanfang in Israel stolperten sie und ihr Mann über Ruth Dayans Lebenswerk. Seit 2013 ist wieder Leben in der Traditionsmarke, die für höchste Qualität und modernes, aber traditionelles Design steht. Zeitlosigkeit sei das Ziel, sagt Nir Tal.

»In der besten der möglichen Welten würde eine der Zniut gemäß gekleidete Frau neben einer halbnackten stehen, und jede respektiert die Wahl der anderen«, sagt Mimi Hecht von MIMU MAXI. »Wir haben unseren Lifestyle selbst gewählt. Das sind wir.« Eben darauf kommt es an in der Mode von heute: die Wahl zu haben.

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