Lindau

Mit IQ und Herz

Es ist 7 Uhr morgens. Etwa 400 junge Wissenschaftler treffen sich im Foyer der neuen Inselhalle in Lindau zum Science Breakfast. Das Thema: »Genmodifikation«. Zwischen Kaffee, Schnittlauchbroten und Obstsalat werden Zettel gereicht. Darauf stehen Thesen, Fragen und Arbeitsaufgaben für den Dialog mit den bis dahin noch unbekannten Tischnachbarn.
Es geht um pro und contra Genveränderungen in Pflanzen und in Lebensmitteln – und um die Fragen: Werden wir künftig alle satt? Welchen Beitrag kann die Gentechnik leisten? Es geht aber auch um den Austausch mit anderen Wissenschaftlern, um Meinungsverschiedenheiten und das Abwägen der Argumente.

Auch Shlomi Haar ist beim Science Breakfast mit dabei. Er will die Zeit in Lindau für neues Wissen und frischen Input nutzen. »Wir können unseren eigenen Ideen viel mehr Kraft verleihen und mehr erreichen, wenn wir uns hier auch einmal kritisch hinterfragen.«

Haar ist 34 Jahre, und seine fröhliche Art wirkt weltgewandt, offen und doch enorm bescheiden. »Wissenschaft ist heute so international. In meinem Team arbeiten derzeit Menschen aus dem Iran, aus Russland, Indien, Großbritannien, der Türkei, Griechenland, Zypern, also von überall! Die Nationalität spielt keine Rolle. Und genau so denke ich Wissenschaft!«

augenhöhe Der junge Israeli gehört zu den insgesamt 600 ausgewählten Nachwuchswissenschaftlern, die eine Woche lang miteinander und vor allem mit 39 Nobelpreisträgern auf Augenhöhe diskutieren können. »Wer hat Ideen? Tauscht euch aus! Bringt euch ein! Diskutiert mit eurem Nachbarn und kommt dann auf die Bühne!« Die Moderatorin lenkt und motiviert die Frühstückenden.

Es funktioniert. Namhafte Referenten geben einen kurzen Input vom Podium. Er lebt mit seiner Familie derzeit in London und forscht am bekannten Imperial College. Sein Thema: Wie kann bei Menschen nach Unfällen, Krankheiten oder schweren Traumata die Motorik wiederhergestellt werden? Welche Zusammenhänge zwischen Gehirn, Muskeln und Nerven gilt es, künftig noch besser zu verstehen und zu beeinflussen? Und wie können wir mit diesen Erkenntnissen Menschen ihre Lebensqualität zurückgeben? Medizin wird künftig noch stärker personalisiert sein, ist er sich sicher.

In Lindau trifft der Israeli auf Gleichgesinnte, Querdenker und vor allem auf namhafte Nobelpreisträger. Einer von ihnen ist Dan Shechtman, 77 Jahre alt. Leger gekleidet, unprätentiös und gut gelaunt, sitzt er am Nachmittag auf der Terrasse. Er ist regelmäßig in Lindau zu Gast und genießt Flair, Austausch und die Gespräche mit den Kollegen bei der jährlichen Tagung, aber auch mit den jungen Leuten aus 84 Nationen.

Mit 70 bekam er den Chemie‐Nobelpreis verliehen. Das war 2011. Seitdem habe sich viel in seinem Leben verändert. »Es ist eine Art Lizenz, ab dann tun zu dürfen, was man schon immer tun wollte.« Dan Shechtman investiert seine Energie in Bildung, und zwar in die der Kleinsten. Er erzählt von der faszinierenden Idee, Science‐Kindergärten aufzubauen, und wie er es in Haifa mithilfe des Bürgermeisters auch geschafft hat.

»Wäre ich jünger, würde ich vielleicht mein eigenes Labor erweitern und ständig ausbauen. Doch jetzt will ich mich anderen Dingen widmen, die rundum wichtig sind«, sagt er. Die Bildung im Land würde er am liebsten verändern und bei den Jüngsten schon Impulse für Naturwissenschaft setzen. Seine Botschaft: »Habt keine Angst vor Technik und Laboren! Habt Mut und legt los!«

Geprägt haben ihn die Geschichten der Großeltern. »Israel war einst ein leeres Land und hatte nichts. Das ging endlos vielen Generationen so. Meine Vorfahren kamen hier an, arbeiteten noch mit den bloßen Händen und gruben den Boden um.« Die Familie seiner Mutter eröffnete die erste Druckerei in Israel. »Meine Eltern sprachen früher Jiddisch, ich habe das auch einmal gelernt, aber es ist nicht geblieben. Meine Familie kommt ursprünglich aus der Ukraine und Weißrussland. Mein Vater stammt aus einer chassidischen Familie.«

Über die Vergangenheit will Dan Shechtman nicht viel erzählen. Lieber blickt er nach vorn. Er ist stolz auf auf das Erreichte und auf die große Zahl der Nobelpreise für Israel.

stolz »Wir haben in kurzer Zeit viel geschafft, obwohl wir bei Null angefangen haben. Das macht mich stolz, und deshalb versuche ich auch immer, das Beste aus allem zu machen.«
Wenn er in Lindau – und nicht nur dort – mit jungen Wissenschaftlern beim Frühstück, beim Abendessen sitzt, einen Science Walk unternimmt, einen Vortrag hört oder auf dem Podium sitzt, dann will er eines: motivieren, das Unmögliche möglich zu machen.

»Ich war auch manchmal weniger erfolgreich, dann musste ich eben mehr kämpfen. Aber: Ich habe immer alles versucht.« Gegen Widersacher musste er seine Forschung zu den »quasiperiodischen Kristallen« verteidigen. Letztendlich hat er Jahrzehnte später genau dafür den Nobelpreis bekommen. Stolz ist er auf viele seiner Studenten, die sich mit kleinen Start‐ups auf den Weg gemacht haben und nun bekannt sind.

Und: Dan Shechtman wäre auch gerne israelischer Präsident geworden. 2014 bewarb er sich dafür und erhielt eine Stimme in der Knesset. »Der einzige Grund, dies zu tun, war für mich, das Bildungssystem nach vorne zu bringen.« Das macht er seitdem auf andere Art.

Mittlerweile interessierten sich viele Besucher für das Konzept des Science‐Kindergartens mit eigenem Labor. Vor allem chinesische Gäste wollen wissen, wie man das macht.

Weitermachen Für den jungen Shlomi Haar ist Dan Shechtman einer der faszinierendsten Menschen und Nobelpreisträger überhaupt. Nicht nur, weil sie das Heimatland miteinander verbindet. Es sei dieses Durchhalten, Weitermachen, auch gegen Widersacher stark sein und immer wieder für die Überzeugungen einzutreten, sagt der 34‐Jährige.

»Klar«, sagt Dan Shechtman, er werde immer nach dem Rezept des Erfolges gefragt und hier sei die Antwort: »Wenn du ein erfolgreicher Wissenschaftler sein willst, brauchst du ein paar besondere Eigenschaften: zum einen breites Wissen aus der Biologie, Mathematik, Physik. Du musst wissen, wie die Welt funktioniert. Was ist machbar, und was ist nicht machbar? Und: Suche dir etwas aus, das du ganz besonders gut kannst. Become an expert! Suche dir etwas aus, das du magst. Aber werde darin ein Experte: Nummer eins in deiner Klasse, deiner Schule, deiner Stadt, deinem Land, in der Welt!«

Intelligenz »Aber all das nützt nichts«, erklärt er. »Es ist nicht genug, einen hohen IQ zu haben und große Ambitionen. Du musst soziale Intelligenz haben, emotionale Intelligenz. Du musst wissen, wie man zu Menschen spricht, wie man Menschen zuhört, wie man seine Ideen präsentiert, und du musst wissen, wie das geht, damit dir die Menschen auch folgen können. Denke ans Publikum. Sprich zu ihnen. Schau in ihre Augen.« Vielleicht ist es die Essenz aus vielen Jahrzehnten des unermüdlichen Fragens, Forschens und Verteidigens der eigenen Gedanken: Erklär es den Menschen. Nimm sie mit! »Und wenn du das verstehst, dann liegt dir die Welt zu Füßen.«

Auch Shlomi Haar hat das Prinzip verstanden und geht noch einen Schritt weiter: »Was wir tun, ist großartig, faszinierend und interessant. Aber wir können uns nicht in unsere Bücher und Wissenschaftsliteratur verkriechen. Wir müssen mit der Realität verbunden sein. Denn die Politik ist wichtig für alles, vor allem die internationale«, sagt der junge Wissenschaftler.

»Während des Studiums habe ich mich aktiv in Friedensorganisationen engagiert. Das war mir wichtig.« Auch er trifft in Lindau Menschen, mit denen er sonst nicht reden würde und erzählt: »Vorhin hatte ich eine faszinierende Diskussion mit einem jungen Wissenschaftler, der in den USA arbeitet. Er kommt ursprünglich aus Dschenin im Westjordanland. Es war hochinteressant, aber die Politik haben wir an der Stelle lieber ausgeblendet.«

Bislang wurden nach Menachem Begin, der 1978 den Friedensnobelpreis erhielt, elf israelische Wissenschaftler und Politiker mit einem Nobelpreis ausgezeichnet.
Und noch etwas ist interessant: Israel investiert derzeit hohe Summen in die Forschung, konkret 4,25 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, und übertrifft damit sogar den OECD‐Durchschnitt von 2,3 Prozent.

Auch Wissenschaftler wie Shlomi Haar kritisieren zwar die derzeitige Schulbildung im Land, erkennen jedoch an, dass Forschung, Technologie und Wirtschaft eine kreative Mélange bilden, die das Land zur Start‐up‐Nation schlechthin macht. Von den 6000 Start‐ups widmen sich allein 560 dem Bereich der digitalen Gesundheitsversorgung.

Musik

»Frank Sinatra der arabischen Welt«

Dudu Tassa und Nir Maimon über die Al-Kuwaiti Brothers, Mütter und Juden im Irak

von Katrin Richter  22.03.2019

Roman

Die Last der Verantwortung

Elena Ferrantes »Frau im Dunkeln« erhält durch die Neuausgabe die verdiente Aufmerksamkeit

von Welf Grombacher  22.03.2019

Glosse

Der Rest der Welt

Warum Kinder spießige Mütter brauchen

von Ayala Goldmann  22.03.2019