Musik

»Mit der inneren Stimme spielen«

Klarinettist Giora Feidman Foto: Gregor Zielke

Musik

»Mit der inneren Stimme spielen«

Giora Feidman über seine Klarinette, eine Gala im Jüdischen Museum Berlin zu seinem 85. Geburtstag und einen Traum

von Katrin Richter  01.10.2021 09:45 Uhr

Herr Feidman, Sie sind am 25. März 85 Jahre alt geworden. Am 3. Oktober zeigt das ZDF eine Gala für Sie aus dem Jüdischen Museum Berlin. Wie haben Sie Ihren eigentlichen Geburtstag verbracht?
Ach, das Alter. 85 ist doch nur eine Zahl. Ich fühle mich nicht alt. Ich fühle meine Seele. Jeder Mensch hat seine Seele, und das Leben ist Seele.

Freuen Sie sich denn über die Gala?
Ich schätze das sehr. Denn warum sollte man auf den nächsten 25. März warten? Was ist schon das Alter? Ich bin gesund, mal von den Knien abgesehen, aber das ist ja keine Krankheit. Für mich ist eines wichtig: Ich habe meine innere Stimme, und der Atem holt sie nach außen. Ich übe, diese innere Stimme nach draußen zu bringen, dann entsteht Musik.

Ich würde gern mit Ihnen über Ihre Klarinette sprechen.
(Feidman ruft seiner Frau Ora Bat Chaim zu: »Ora, wo ist meine Klarinette? Ich hoffe, du hast sie nicht «›verkoyft‹».)

Warum haben Sie eigentlich angefangen, Klarinette zu spielen?
Weil mein Vater Klarinettist war. Ich bin die vierte Generation. Als ich – was weiß ich – vier Jahre alt war, ging mein Vater einmal weg. Ich nahm die Klarinette und versuchte zu spielen. Eines Tages kam er dahinter. Er war nie wütend darüber. Die Klarinette wurde zu meiner Sprache. Ob ich mit Ihnen spreche oder Ihnen etwas auf der Klarinette vorspiele: Das ist für mich das Gleiche.

Und die Klappen auf der Klarinette sind Ihr Alphabet?
Bravo, so habe ich das noch nie gehört, aber ja. Hören Sie. (Er spielt ein langsames Stück.) Das ist Liebe. Ich bin kein Priester, kein Rabbiner. Was Liebe ist, hat mich die Musik gelehrt.

Haben Sie je darüber nachgedacht, ein anderes Instrument zu spielen?
Nein. Das ist mir genug. Ein Instrument ist ein Medium, kein Mittel zum Zweck. Egal, ob man Gitarre, Flöte oder etwas anderes spielt, man bringt seine Seele zum Ausdruck.

Wenn Sie spielen, schließen Sie Ihre Augen.
Um ganz bei meiner Seele zu sein. Ich kann auch mit offenen Augen spielen, aber das ist nicht dasselbe. Ich schließe sie, um bei meinem Instrument zu sein.

Sie sind auch nah bei Ihren Zuhörern. Wenn Sie Konzerte geben, dann gehen Sie auch schon mal in das Publikum hinein.
Immer! Um einfach das System «Ich kaufe ein Ticket, setze mich hin, sehe den Künstler auf der Bühne und gehe wieder» zu unterbrechen. Denn auch zwischen Publikum und Künstler gibt es eine Seelenverbindung. Und die Menschen verstehen das. Ich fange auch bei großen Konzerten prinzipiell mit etwas ganz anderem an.

Wie finden die Leute das?
Das ist sehr speziell. Nicht jeder reagiert darauf. Ich spreche viel von der Seele, aber genau das ist der Punkt: Es ist ein Gespräch von Seele zu Seele. ich kann nicht einfach nur hereinkommen und auf eine Bühne gehen, wenn Leute vor mir sitzen. Das ist dumm.

Wir sprechen Englisch miteinander, aber Sie sprechen zwischendrin auch etwas Jiddisch, etwas Deutsch.
I like Deutsch.

Warum?
Ich bin in Deutschland als Jude zu Hause. Ich habe einen Traum, wie ein berühmter Gentleman mal sagte. Dass Musik Freundschaften entstehen lassen kann. Durch Musik kommen wir uns nahe.

Mit dem Klarinettisten sprach Katrin Richter. Das ZDF zeigt die Geburtstagsmatinee am 3. Oktober um 13.10 Uhr.

Aufruf

Buchpreis-Trägerin Shida Bazyar warnt vor AfD

Shida Bazyar ist mit dem diesjährigen Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. In einem Vorab-Interview äußerte sie sich auch politisch

von Anita Hirschbeck  06.10.2026

Literatur

Shida Bazyar für ihren Roman »Die Lücken« mit Deutschen Buchpreis ausgezeichnet

Der Preis wurde am Montagabend im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse vergeben

 05.10.2026 Aktualisiert

Glosse

Der Rest der Welt

Einmal Gastro, immer Gastro

von Margalit Edelstein  05.10.2026

Zahl der Woche

136 israelische Athleten

Fun Facts und Wissenswertes

 05.10.2026

7. Oktober

Rotes Rathaus zeigt Ausstellung zum Hamas-Überfall auf Israel

Der Überfall der Terrororganisation Hamas hat überall in Israel Spuren hinterlassen. Eine neue Berliner Ausstellung beleuchtet die Erfahrungen von Sportlern und Fans rund um den 7. Oktober 2023

 05.10.2026

Frankfurt

Kronen der Schrift

Im Jüdischen Museum ist die weltweit größte Privatsammlung von Rimonim zu sehen. Sie stammen aus China, dem Jemen oder Marokko. Gesammelt hat sie ein heute 100-jähriger Schweizer Jude

von Mascha Malburg  05.10.2026

Biennale Jerusalem

Aus den Tiefen ins Licht

250 Künstler aus Israel und anderen Ländern verarbeiten das Massaker des 7. Oktober

von Sabine Brandes  05.10.2026

Literatur

Dorfroman mit Ewigkeitsnote

Die Eltern der Autorin Shida Bazyar stammen aus dem Iran. Ihr Buch »Die Lücken« ist einer der besten deutschen Romane überhaupt

von Maria Ossowski  05.10.2026

Literatur

Als der Flieder in Kreuzberg blühte

Die deutsch-jüdische Schriftstellerin Dana Vowinckel trifft mit ihrem zweiten Roman »Anton und Alma« einen Nerv der Zeit

von Ayala Goldmann  05.10.2026