Margot Friedländer

»Mit 100 Freunden feiern«

Frau Friedländer, wie geht es Ihnen vor Ihrem 100. Geburtstag?
Es geht mir eigentlich wirklich gut. Wenn ich den Rollator nehme, gehe ich etwas sicherer und schneller, aber erstaunlicherweise: Ich weiß gar nicht, was 100 ist. Sicher gibt es manchmal Probleme, aber ich kann alles machen.

Wie sieht denn normalerweise Ihr Alltag aus?
Ich gehe spät ins Bett und stehe möglichst spät auf. So ist der Tag schon halb fertig. Ich habe eine Katze. Eine schwarze. Sie heißt Lilly. Sie ist sehr lieb, aber nicht schmusig genug für mich. Trotzdem ist sie ein gutes Tierchen. Eigentlich gehörte sie meiner Ärztin, aber seit einigen Jahren lebt sie bei mir, und sie fühlt sich sehr wohl. Ich bin früher viel gereist, habe in Deutschland, in der Schweiz, in Belgien Lesungen gegeben.

Sie sind 2010 wieder in Ihre Heimatstadt Berlin zurückgekehrt …
… und das waren volle und sehr interessante zehn, elf Jahre, die mir sehr viel bedeutet haben, die mir ein Leben gegeben haben. Es ist eine Mission für mich geworden, das zu machen, was ich mache und von dem ich nie gedacht hätte, es zu tun.

Wie haben Sie die Zeit Ihrer Rückkehr erlebt?
Als der Regisseur Thomas Halaczinsky seinen Dokumentarfilm »Don’t Call it Heimweh« vorbereitet hat, sagte er mir, dass viele Teile davon in Berlin gedreht werden müssten. Als wir dann in Berlin spazieren gingen, bin ich in der Leibnizstraße/Ecke Kurfürstendamm stehen geblieben und habe gesagt, wie froh ich bin, in einer so schönen Stadt geboren zu sein. Das war meine erste Stunde zurück.

Wie fühlt sich Berlin für Sie an?
Ich bin hier geboren, es ist meine Heimat. Ich liebte Berlin als Kind so, wie man sein Zuhause liebt. Zuhause ist Zuhause.

Planen Sie etwas zu Ihrem Geburtstag?
Oh ja. Mit 100 Freunden. Die letzten vier oder fünf habe ich bereits mit Freunden gefeiert, da waren es immer so 70 oder 75, und dieses Mal sind es 100. Vielleicht klingt es etwas komisch, aber das sind wirklich Freunde, keine Bekannte.

Was bedeutet eine Freundschaft für Sie?
Da ich keinerlei Verwandtschaft habe, sind Freunde wichtig. Gute Freunde, mit denen ich auch Privates besprechen kann, nicht nur über den hübschen Tag reden oder darüber, was wir vorhaben. Ich bin relativ jung gewesen, als ich da alleine gestanden habe und mein Leben selbst formen musste. Und auch deswegen sind Freunde wichtig.

Eine – mittlerweile – Freundin von Ihnen ist Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, mit der Sie ein langes Gespräch geführt haben und aus dem das Buch »Ich tue es für Euch« entstanden ist. Wie war das für Sie?
Es war sehr angenehm. Wir kannten uns ja vorher nicht, aber es hat geklappt. Es klappt entweder oder nicht. Dieses Buch ist ganz anders als mein erstes Buch. Und die Menschen erfahren vielleicht noch etwas mehr. Es gibt auch viele Bilder. Sehen Sie hier, meine Mutti als junges Mädchen, oder hier – mein Bruder, mein Vater. Das ist auf dem Schiff nach Amerika, mein Mann.

Wie erinnern Sie sich an die Überfahrt nach Amerika?
Wir waren zehn oder zwölf Tage unterwegs. Unsere Ankunft war sehr interessant, denn wir sind an der Lady Liberty, der Freiheitsstatue, vorbeigefahren. Ich sagte damals zu meinem Mann, dass hier die Liberty steht, die es für uns nicht gegeben hat, als wir sie gebraucht hätten. Jetzt komme ich als freier Mensch, jetzt lassen sie mich herein. Jetzt brauchte ich sie eigentlich nicht, denn ich war frei. Das ist meine Gefühlseinstellung zu Amerika. Ich spreche Amerika nicht frei, denn wenn ich es geschafft hätte, mit meiner Mutter und meinem Bruder nach Amerika zu kommen, wäre es so schön gewesen.

Wie war die Zeit in den USA?
Ich habe immer das Gefühl gehabt, ich gehöre hierher, also nach Berlin. Die Menschen in den USA sind anders, es ist nicht mein Land. Wenn ich Englisch gesprochen habe, hat man mir immer gesagt: »Du sprichst ja Deutsch.« Wegen meines starken Akzents. Ich habe mich auch nicht so sehr bemüht. Sehen Sie, hier ist ein Foto von Frau Merkel.

Mögen Sie Angela Merkel?
Sehr! Ich finde, sie ist eine interessante, warme, herzliche und mütterliche Person.

Sie haben schon unzählige Male vor und mit Schülerinnen und Schülern über Ihre Geschichte gesprochen. Wie verkraften Sie das alles?
Es ist für mich wichtig. Wenn ich in Schulen komme und den Schülern etwas vorlese, das Buch dann schließe, frage ich meistens: Vielleicht werdet ihr euch wundern, warum ich zurückgekommen bin. Ich bin zurückgekommen, um mit euch zu sprechen, euch die Hand zu reichen. Und um euch zu bitten, dass ihr Zeitzeugen seid, die wir nicht mehr sein können. Es ist für euch, denn ich möchte nicht, dass jemals einer so etwas erleben muss, was wir erlebt haben. Das ist meine Mission geworden. Und das sage ich den Schülern: Wenn wieder etwas passiert, seid ihr dran.

Wie reagieren die Schüler darauf?
Ich habe in meinem Zimmer viele, viele Dankesschreiben. Ich war ja schon alt und habe trotzdem zwei, drei oder vier Lesungen pro Woche gegeben. Ich habe wirklich, wirklich gearbeitet, um Menschen zusammenzubringen.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Engagement »etwas bringt«?
Die Danksagungen, in denen steht »Auf uns können Sie sich verlassen«, »Wir haben Sie gehört«, sagen mir das. Es sind diese vielen wunderbaren Briefe und Karten, die mich so freuen.

Sie haben bis heute einen vollen Terminkalender. Im Juni waren Sie beispielsweise bei der Eröffnung der Ausstellung »Gegen das Vergessen« des Fotografen Luigi Toscano im Berliner Hauptbahnhof. Wie finden Sie denn Ihr eigenes Bild?
Interessant, denn wenn man heute eine alte Frau oder einen alten Mann fotografiert, sieht man das alte Gesicht. Was aber innerlich ist, das weiß man doch nicht. Aber genau das Bild zeigt, was uns bedrückt. Wir sind doch anders, nach dem, was wir erlebt haben. Das kann man nicht ausschneiden. Es ist immer mit uns. In irgendeiner Weise. Dadurch, dass ich darüber sprechen kann, habe ich es vielleicht ein wenig leichter als die, die es in sich tragen. Denn vergessen kann man es nicht.

Mit der Zeitzeugin sprach Katrin Richter.

Margot Friedländer und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: »Ich tue es für Euch. Was wir von einer hundertjährigen Holocaustüberlebenden über Vergebung, Hoffnung und Toleranz lernen können«. Gräfe und Unzer Edition, München 2021, 192 S., 22 €

Heidelberg

Blick nach Bagdad

Werner Arnold hält seine Antrittsvorlesung als Rektor der Hochschule für Jüdische Studien

von Eugen El  22.10.2021

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 22.10.2021

Biografie

Wer war Leo Baeck?

Michael A. Meyer zeichnet ein vielschichtiges Porträt des liberalen Rabbiners, Intellektuellen und Funktionärs

von Tobias Kühn  22.10.2021

Roman

Kunst der Gefasstheit

Louis Begley schildert sehr eindrücklich die Folgen eines Ehe-Aus nach 40 Jahren

von Katrin Diehl  22.10.2021

Erzähler

Neues vom Meister des »Broken German«

Der Israeli Tomer Gardi legt mit »Eine runde Sache« seinen dritten Roman vor – je zur Hälfte auf Deutsch und Hebräisch geschrieben

von Sophie Albers Ben Chamo  22.10.2021

Israel

Kritischer Blick auf Wagner

Eine neue Oper setzt sich mit dem Werk des deutschen Komponisten auseinander

 21.10.2021

Bern

Radikal offen und verblüffend aktuell

Das Kunstmuseum zeigt ab Freitag 200 Schlüsselwerke der Schweizer Künstlerin Meret Oppenheim

 21.10.2021

Essay

Ist Jiddisch deutsch genug?

Warum es auch eine politisch höchst relevante Frage ist, welche Beziehung das Deutsche und das Jiddische haben

von Volker Beck  21.10.2021

Interview

»Das Poetische ist mir wichtig«

Barbara Honigmann über ihr neues Buch und Else Lasker-Schüler

von Eva Lezzi  21.10.2021