Judenhass

Millionen Nadelstiche

Das neue Buch des Antisemitismusforschers Manfred Gerstenfeld ist eine Sammlung alltäglicher Propaganda-Attacken gegen Juden und den Staat Israel. Foto: RVP Press

Judenhass

Millionen Nadelstiche

Manfred Gerstenfeld analysiert in seiner neuen Studie Formen des aktuellen Antisemitismus

von Daniel Killy  02.11.2015 20:49 Uhr

Der landläufige Judenhass unserer Tage hüllt sich, gerade hierzulande, gern in das Tarnmäntelchen der »Israelkritik«. Das ist die jüngste Masche; nur ein Aspekt eines weltweiten Antisemitismus, der in ungezählten Facetten und Formen nicht nur überlebt hat, sondern sich weiter ausbreitet. In seinem jüngst erschienenen Buch The War of A Million Cuts versammelt und analysiert der Jerusalemer Antisemitismusforscher Manfred Gerstenfeld Formen des aktuellen Antisemitismus und der Diffamierung Israels in einem Buch.

The War of A Million Cuts – etwa »Der Krieg der Millionen Nadelstiche« – beschreibt schon im Titel die Vielgestaltigkeit der Judenfeindschaft. »Ich habe diesen Ausdruck geprägt«, sagt Gerstenfeld, »um darzustellen, wie radikal sich der Kampf gegen den heutigen Antisemitismus von dem gegen den klassischen unterscheidet. Dort konzentrierte sich der Judenhass in jeweils einer einzigen Botschaft – etwa im religiösen Antisemitismus auf den Mord an Jesus und im ethnischen auf die genetische Minderwertigkeit der Juden.«

Propaganda-Attacken Heute ist diese Politik der Nadelstiche vor allem gegen Israel gerichtet. In 21 Kapiteln auf gut 500 Seiten schildert und analysiert der 78-Jährige die einzelnen Facetten des Juden- und Israelhasses. Es ist wohl die erste vollständige Sammlung und Analyse der leider alltäglichen und weltumspannenden Propaganda-Attacken gegen Israel und die Juden. Ob Muslime in Diktaturen oder als Migranten im Westen, Politiker, klassische Medien, Social Media, NGOs, Kirchenführer, Akademiker, Gewerkschafter, Rechtsextremisten, Sozialdemokraten, Linksradikale: Sie alle sind die Ursuppe eines neuen Antisemitismus, der sich anscheinend unaufhaltsam Bahn bricht.

Dabei arbeitet Gerstenfeld akribisch die einzelnen Motive und Kategorien des Hasses heraus und führt wissenschaftlich kühl vor Augen, wie er die Gesellschaften nach und nach vergiftet und wie sehr er Israel und den Juden schadet. Interessant ist dabei, dass durchaus historische Verleumdungen wie die der jüdischen Blutrünstigkeit in modernen Varianten überleben. So schildert Gerstenfeld den Fall der norwegischen Ärzte Mads Gilbert und Erik Fosse, die während des Gaza-Einsatzes 2008 verwundeten Hamas-Kämpfern halfen – finanziert durch die norwegische Regierung.

In ihrem Buch Øyne i Gaza (Augen in Gaza) behaupteten sie dann, Israel sei nur in den Gazastreifen einmarschiert, um palästinensische Frauen und Kinder zu töten. In zahlreichen Interviews verglichen die beiden Israels Verteidigungspolitik mit dem griechischen Todesgott Hades und seinem Unterweltreich. Lohn für diese Diffamierungen: mehrfaches Lob des damaligen Ministerpräsidenten und jetzigen Nato-Generalsekretärs Jens Stoltenberg und der St.-Olavs-Orden aus der Hand von König Harald V.

Organraub? Der schwedische Journalist Donald Boström veröffentlichte in der Zeitung »Aftonbladet« gar einen Artikel unter der Überschrift »Unseren Söhnen wurden ihre Organe geraubt« und behauptete, die IDF töte Palästinenser, um deren Organe zu »ernten« – mit Genehmigung der israelischen Gesundheitsbehörden.

Nun könnte man sich über solch offenbaren Nonsens voreilig amüsieren – aber die Fülle von derlei Ereignissen, die Gerstenfeld übrigens nach Ländern und Methodik gliedert, zeigt eben Wirkung. Deshalb ist die Arbeit von Manfred Gerstenfeld, den gesamten Kosmos des aktuellen Juden- und Israelhasses in einem Kompendium zusammenzufassen, gar nicht hoch genug einzuschätzen; genauso wenig wie seine eigentliche Kernthese, Israel habe jahrzehntelang die Attacken nicht ernst genug genommen und versucht, sie reaktiv zu bekämpfen. Gerstenfeld fordert vehement die Gründung einer Anti-Propaganda-Agentur.

Der strukturierte und organisierte Kampf gegen Antisemitismus – er ist möglich, wenn er strategisch kühl und präzise geführt wird, so der Autor. Und so macht diese Ansammlung von Unerträglichkeiten doch noch Mut. Gerstenfelds Buch, das ein Vorwort des ehemaligen spanischen Ministerpräsidenten José Maria Aznar schmückt, sollte zur Pflichtlektüre werden – gerade in Deutschland!

Manfred Gerstenfeld: »The War of A Million Cuts: The Struggle Against the Delegitimization of Israel and the Jews, and the Growth of New Anti-Semitism«. RVP Press, New York 2015, 501 S., ca. 29,95 $

Zeitgeschichte

Entebbe und kein Ende

Der Historiker Jan Gerber zeigt in seinem neuen Buch, wie aus dem Antizionismus der 68er-Generation radikale antisemitische Praxis wurde

von Ralf Balke  01.07.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 2. Juli bis zum 9. Juli

 01.07.2026

Künstliche Intelligenz

Ich schreibe, also bin ich

Noch nie war es so einfach, Gedanken mit KI in Worte zu fassen. Doch was bedeutet das für unser Denken, unseren Journalismus und eine der grundlegendsten menschlichen Fähigkeiten?

von Nicole Dreyfus  01.07.2026

Fußball

Länderspiel verlegt: Irland verzichtet auf Israel-Boykott

Irlands Fußballverband FAI will das UEFA-Nations-League-Spiel gegen Israel nun in Serbien austragen - auch, um einen Abstieg zu vermeiden

 01.07.2026

Berlin

Jüdische Kunstschule und UdK wollen kooperieren

Auch die Universität der Künste war nach dem 7. Oktober 2023 mehrfach Schauplatz »propalästinensischer« Aktionen. Nun will sie jüdischen Künstlern einen geschützten Raum bieten

 01.07.2026

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Burkhard C. Kosminski

»Ich würde das Stück gerne im Osten spielen«

Der Intendant am Schauspiel Stuttgart über »Die Ermittlung« von Peter Weiss, die Existenzberechtigung Israels in der Kunst und seine Auszeichnung mit der Otto-Hirsch-Medaille

von Nicole Golombek  30.06.2026

Interview

»Der Oscar öffnete mir neue Türen«

Daniel Roher über seinen ersten Spielfilm »The Piano Tuner« und den Dreh mit Dustin Hoffman und Lior Raz

von Patrick Heidmann  30.06.2026

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Früher hätte man Journalisten wie Restle, die Juden unterstellen, sie seien nur Sprachrohr einer Regierung in Israel, die Eignung als Politik-Redakteure beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk abgesprochen. Zu Recht

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026