Zwischenruf

Merkel und die Flüchtlinge

»Wir schaffen das!«: Bundeskanzlerin Angela Merkel Foto: dpa

Zwischenruf

Merkel und die Flüchtlinge

Wird die Kanzlerin zu Recht kritisiert?

von Arthur Cohn  26.10.2016 13:43 Uhr

In vielen Staaten der EU wird die Flüchtlingskrise als »deutsches Problem« charakterisiert. Dies ist an sich absurd, da es alle Mitgliedsstaaten betreffen sollte, viele von ihnen aber a priori eine abweisende Haltung gegenüber der Aufnahme von Flüchtlingen einnehmen. Demgegenüber betonte Angela Merkel die menschliche Pflicht, hilflose Männer, Frauen und Kinder aufzunehmen, mit dem bekannten Ausdruck: »Wir schaffen das!«

Diese drei Wörter wurden später immer wieder zitiert, oft unter Betonung der Notwendigkeit, nach zweckdienlichen Kontrollen nur jene aufzunehmen, welche die deutsche Gastfreundschaft bitter benötigen, wobei deren Zahl von vornherein festzulegen sei. Angela Merkel war elf Jahre lang als Kanzlerin unangefochten. Jetzt wird sie als Opfer von Stimmungen erstmals herausgefordert, wobei der Ruf nach Kontrollen an den Grenzen und einer Verschärfung des Asylrechts ständig zunimmt.

Ich bin stolz, Angela Merkel persönlich zu kennen. Ich bewundere sie, weil sie stets in Würde sich selbst treu bleibt. Sie ist ohne jeden Zweifel ein echter Freund des Staates Israel unter allen Regierenden in der EU. Im Zusammenhang mit dem Atomdeal mit Iran hat sie, im Gegensatz zu Vertretern Deutschlands bei den Verhandlungen in Lausanne, klipp und klar auf die Gefahren für Israels Existenz durch nukleare Bedrohung hingewiesen.

UNESCO Dieser Tage beschäftigt vielerorts die große Sorge, dass Präsident Obama, der leider (neben Jimmy Carter) zu Israel eine bedauerlich negative Einstellung hat, vor Ende seiner Amtszeit einer gefährlichen Anti-Israel-Resolution das Veto der USA verweigern würde. Es ist bezeichnend, dass führende Persönlichkeiten in den USA und Israel selbst die Meinung vertreten, dass nur brillante und überaus zuverlässige internationale Persönlichkeiten, welche sich stets und immer in schweren Zeiten für Israel intensiv eingesetzt haben, Obama von seinem Plan abbringen können.

Die Rede bei solchen außergewöhnlichen Persönlichkeiten ist überall in allererster Linie von Angela Merkel. Dank der Bundeskanzlerin war Deutschland unlängst einer von nur sechs Staaten, die sich nicht an einer einseitig israelfeindlichen Unesco-Resolution beteiligten, welche Israelis den Zugang zu Heiligen Stätten verunmöglichen soll. Ja: Angela Merkel setzt in diesen enorm schwierigen Zeiten auf die starke Partnerschaft mit der einzigen Demokratie im Nahen Osten.

Mit gutem Grund: Die Bedeutung Israels – auch und gerade bei der Terrorbekämpfung – fasst der CEO von Axel Springer, Mathias Döpfner, wie folgt zusammen: »Israel ist und bleibt der freiheitliche Vorposten Europas! Nach den Anschlägen von Paris, Brüssel und anderswo werden allzu berechtigte Sorgen Israels hoffentlich ernster genommen werden. Leider fürchte ich, dass Europäer gerade wegen der Anschläge den Blick noch weiter verengen. Wir müssen versuchen, das nicht zuzulassen.«

Die vornehm-noble Art von Angela Merkel, mit klarer Sprache zu wesentlichen Problemen Stellung zu nehmen, bei denen zu viele andere gerne schweigen, geht aus folgender wörtlicher Erklärung der Bundeskanzlerin hervor: »Mir ist durchaus bewusst, dass die Aufnahme von Flüchtlingen auch Sorgen hervorruft, weil viele von ihnen aus Ländern stammen, in denen Feindschaft gegen Israel zum Alltag gehört.

Unsere Antwort darauf ist das unmissverständliche Bekenntnis zu unseren freiheitlichen Werten. Jedem, der in Deutschland lebt, ob alteingesessen oder neu hinzugekommen, muss klar sein, dass Antisemitismus hier bei uns keinen Platz hat. Wir bekämpfen konsequent und ohne Unterlass gefährliche Vorurteile.«

israel In der DDR, wo Angela Merkel aufgewachsen ist, musste sie offenen Antizionismus erleben. Die Ermordung von sechs Millionen Juden während der NS-Zeit und die daraus resultierende besondere Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit des jüdischen Staates haben sie tief geprägt. Oft hatte sie Probleme, zu verstehen, warum viele deutsche Mitbürger die Schandtaten der Schoa nicht als enorme Belastung für das Ansehen Deutschlands in aller Welt betrachten.

Es lag ihr daran, durch eine besonders herzliche, großzügige Flüchtlingspolitik das Ansehen ihres Landes zu korrigieren, das durch den mörderischen Zweiten Weltkrieg stark gelitten hat. Es ist doch selbstverständlich, dass auch Angela Merkel absolut verhindern möchte, dass Terroristen oder Förderer des Islamischen Staates sich unter Flüchtlinge mischen und solchermaßen verheerende Terrorakte von Deutschland aus begehen können.

Wer Angela Merkel wegen ihrer großzügigen Menschlichkeit schätzt, wird zweifellos hoffen, dass sie keine »einsame Kanzlerin« bleibt, sondern dass sie das Vertrauen zurückgewinnen und der Bundesrepublik als hervorragend kompetente Regierungschefin erhalten bleiben wird. Sicher bringt die Aufnahme einer großen Anzahl von Flüchtlingen konkrete Probleme mit sich. Dabei ist aber nicht zu vergessen: Keinem Deutschen geht es wegen der Flüchtlinge schlechter. Sozialleistungen werden nicht gekürzt, die staatlichen Strukturen bleiben problemlos wie gewohnt aufrechterhalten.

Der Autor ist Filmproduzent in der Schweiz und mehrfacher Oscar-Preisträger.

Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Wieder läuft keine israelische Produktion im Wettbewerb. Dafür finden sich viele jüdische und israelische Perspektiven im gesamten Programm

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Berlinale

»Wir wollen die Komplexität aushalten«

Wenn die Welt um einen herum verrücktspielt, helfen nur Offenheit und Dialog, sagt Festivalchefin Tricia Tuttle

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Meinung

Oliver Pochers geschmacklose Witze über Gil Ofarim

Der Comedian verkleidet sich auf Instagram als Ofarim und reißt Witzchen über die Schoa. Während echte Komiker Humor stets als ein Mittel nutzen, um sich mit den Schrecken und Abgründen dieses Verbrechens auseinanderzusetzen, tritt Pocher nur nach unten

von Ralf Balke  11.02.2026

Nachruf

Israels verkanntes Musikgenie

Unser Autor hörte Matti Caspi schon als Kind bei einem Konzert im Kibbuz. Eine persönliche Erinnerung an den Sänger und Komponisten, der mit 76 Jahren an Krebs gestorben ist

von Assaf Levitin  11.02.2026

Kultur

Ensemble, Schmäh und Chalamet: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 12. Februar bis zum 18. Februar

 11.02.2026

»Imanuels Interpreten« (18)

Clive Davis: Der Produzent

Ohne die lebende Legende wäre die Welt um viele umwerfende Songs ärmer. Von Chicago über Whitney Houston bis hin zu Santana: Alle arbeiteten mit ihm

von Imanuel Marcus  11.02.2026

Beverly Hills

Mit Hudson, Chalamet, Spielberg: Hollywood-Größen feiern Oscar-Nominierungen beim Lunch

Dieses Mittagessen gehört in Hollywood zur Oscar-Tradition: Beim traditionellen Oscar-Lunch treffen die Nominierten zusammen. Auch Deutsche sind dabei

 11.02.2026

Leipzig

Fall Gil Ofarim: Behörde sieht keinen Anlass für Ermittlungen

Im RTL-Dschungelcamp äußert sich der Sänger überraschend zu seinem damaligen Verfahren um angebliche antisemitische Äußerungen. Zu neuen Ermittlungen führen seine Mutmaßungen aber nicht

 11.02.2026

Leipzig

Hotelmitarbeiter: Gil Ofarim inszeniert sich wie ein Opfer

Vor vier Jahren warf der Musiker dem Hotelmitarbeiter Markus W. vor, ihn aus antisemitischen Gründen nicht einchecken lassen zu haben. Die Vorwürfe waren erfunden. Nun äußert sich der Mitarbeiter erstmals

 10.02.2026