Memoiren

Meister der Erzählkunst

Bewegtes Leben: Claude Lanzmann Foto: rowohlt

Memoiren

Meister der Erzählkunst

In Frankreich sind Claude Lanzmanns Lebenserinnerungen bis heute ein Bestseller

von Iris Hartl  15.09.2010 11:25 Uhr

Der französische Publizist und Regisseur Claude Lanzmann blickt auf ein bewegtes Leben zurück. In seinen jetzt bei Rowohlt auf Deutsch erschienenen Memoiren Der patagonische Hase (Besprechung folgt) lässt der 84-Jährige die Öffentlichkeit daran teilhaben. Als kleiner Junge erlebte er den aufkeimenden Antisemitismus am eigenen Leib, als seine Schulkameraden anfingen, auf jüdische Mitschüler einzuschlagen. Nur knapp entgeht er als junger Mann der Ermordung durch die bis nach Paris vorgedrungenen Nazis. Es folgen unzählige Abenteuer, darunter eine langjährige, skandalumwitterte Liebesbeziehung mit der Philosophin Simone de Beauvoir.

Als Lanzmanns Erinnerungen vergangenes Jahr in Frankreich unter dem Titel Le Lièvre de Patagonie erschienen, war das meiste, das man darin erfährt, keine Überraschung für die Leser. Denn Lanzmann ist bei seinen Landsleuten sehr bekannt. Vieles, das er in seinen Lebenserinnerungen berichtet, wusste man bereits aus den Medien.

Sprachgewalt Dennoch löste das Buch, kaum dass es auf dem Markt war, einen wahren Sturm der Begeisterung aus. Sowohl die Kritiker als auch die Leser überschlugen sich geradezu vor Lob. Denn was den autobiografischen Text letztlich so ergreifend macht, ist Claude Lanzmanns Erzählkunst. Mit seiner Kombination aus Sprachgewalt, Leidenschaft und Witz schafft er es, die Herzen seiner Leser zu gewinnen.

Letztendlich sind Lanzmanns Memoiren trotz all der darin geschilderten Traumata, Gefahren und Hindernisse eine Hommage an das Leben. An sein Leben, das er noch nicht bereit ist loszulassen. »Die Vorstellung von einer Welt ohne mich gefällt mir gar nicht«, bekannte er einmal in einem Interview. Der Gedanke an den Tod verderbe einem nur die ganzen Freuden, die das Leben für einen bereithalte.

Vor diesem Hintergrund bekommt der Titel des Buches eine ganz besondere Bedeutung. Denn der Hase ist für Lanzmann ein Sinnbild für seinen eigenen Lebens- und Freiheitsdrang. In seinem Film Shoah sieht man in einer Szene, wie zwei Hasen im Konzentrationslager Birkenau unter einem Stacheldraht hindurch in die Freiheit hoppeln. Darüber hinaus hatte er eine ganz persönliche Begegnung mit dem Tier. Während eines Aufenthalts in Patagonien war er eines Tages im Auto unterwegs, als plötzlich ein Hase auf der Straße auftauchte. Dieser konnte sich jedoch dank Lanzmanns Bremsmanöver zurück auf die Wiese retten.

Patagonischer hase Wie der Hase, ist auch Lanzmann jemand, der überlebt hat. Und der bis heute am Leben hängt. Streng genommen handele es sich bei Der patagonische Hase auch gar nicht um seine Memoiren. Das Ganze sei viel komplizierter. Aber um das zu verstehen, müsse man das Buch selbst lesen, sagt Lanzmann.

Der Hinweis entspricht weiser Voraussicht, da in der Tat alles etwas komplexer ist. Wie in jeder Autobiografie vermischen sich in den Erzählungen des Autors historische Tatsachen mit subjektiver Wahrnehmung bis hin zur Fiktion. Die fiktiven Elemente, die entweder daher rühren, dass sich der Erzähler falsch erinnert oder aber bewusst von ihm eingeflochten werden, sind für den Leser nicht immer klar zu erkennen.

Während die französischen Kritiker das Buch, das manche als Autofiktion bezeichneten, als große Literatur feierten, wurde in Deutschland noch vor seiner Veröffentlichung eine Polemik darüber losgetreten, ob Lanzmann in den Schilderungen seiner Nachkriegsjahre Tatsachen verfälscht. In der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 7. Januar hatte der Kultur- und Architekturhistoriker Christian Welzenbacher in seiner »kleinen Warnung an den Rowohlt Verlag« eben dies behauptet. Die Gegenreaktionen ließen nicht lange auf sich warten.

Treue Lanzmann dürfte die deutsche Debatte nicht besonders interessieren. Er ist an Kritik gewöhnt. Denn auch in seiner Heimat war er schon immer umstritten. Nicht nur wegen seiner bedingungslosen Liebe und Treue zu Israel, sondern weil er sich, wie einige ihm vorwerfen, gerne wichtig mache. Doch weder die Literaturkritik noch die Leser in Frankreich ließen sich von ihren persönlichen Ansichten über Lanzmann beeinflussen, als sie seine schriftstellerische Leistung einschätzten. Noch heute findet man das Buch in den Bestsellerregalen der Buchläden.

Und während die deutschen Leser sich nun die Übersetzung zu Gemüte führen, bereitet Lanzmann bereits seinen nächsten Coup vor. Er könne sich vorstellen, einen Film über »Liebe und Sex« zu drehen, gab er kürzlich bekannt. Herr Lanzmann will offensichtlich noch lange nicht ans Aufhören denken. Und ans Sterben schon gar nicht.

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