Ha Noar

»Meine Generation ist irgendwie verloren«

Filmisches Trio: Eitan Cunio, Tom Shoval und David Cunio (v.l.) Foto: Marco Limberg

Herr Shoval, vor einem Jahr hatte Ihr Film »Youth« auf der Berlinale Premiere. Jetzt läuft er in den deutschen Kinos. »Youth« spielt in Ihrer Geburtsstadt Petach Tikwa. Warum haben Sie sich diesen Drehort ausgesucht?
Nun, ich bin dort groß geworden, kenne alle Ecken dieser Stadt und weiß, wie die Lebensverhältnisse dort sind. Aber was mich eigentlich daran gereizt hat, war, den Alltag einer Mittelklassefamilie wiederzugeben. Ich wollte zeigen, wie die Menschen leben, welche Spannungen es gibt – gerade seit der Wirtschaftskrise.

Haben Sie solche Spannungen selbst in der Familie erlebt?
Ein bisschen schon. Mein Vater hat 20 Jahre lang in einer Firma gearbeitet, dann wurde ihm ganz plötzlich gekündigt. Es gab viele Verstimmungen in der Familie, und die haben mich natürlich mit beeinflusst.

Also haben Sie in dem Film auch autobiografische Elemente mit eingebracht?
Ja. Mein Bruder und ich – wir sind zwar keine Zwillinge wie David und Eitan, die in dem Film die Hauptrollen der Brüder Yaki und Shaul spielen. Aber wir sehen uns sehr ähnlich und haben eine enge Verbindung zueinander.

David Cunio, Sie sind im Kibbuz aufgewachsen und spielen mit ihrem Bruder Eitan gemeinsam in »Youth«. Wie war es für Sie, in Petach Tikwa zu drehen?
Ich kenne natürlich die Probleme der Stadt und weiß, was im Land geschieht, aber Themen wie die Wirtschaftskrise sind mir etwas fremd gewesen. Im Kibbuz gibt es seltener ökonomische Probleme, und die Teller sind immer gefüllt.

Der Film thematisiert aber die Probleme einer Mittelstandsfamilie, die eigentlich nie genug zum Leben hat. Das ganze spielt drei Jahre nach den Sozialprotesten in Tel Aviv. Wie sehr haben sie Sie beeinflusst?
Im Nachhinein sehr. Ich habe allerdings schon vor den Demonstrationen an einem Film gearbeitet, der soziale Probleme in Israel zum Thema hatte. Meine Generation hat dort protestiert. Wir fühlen alle diesen Druck und zeigen es auf unsere Art. Ich habe mich filmisch damit auseinandergesetzt. Übrigens hat Daphni Leef, eine der Initiatorinnen der Proteste auch Film studiert.

Lesen Sie auch

Was hat sich denn seit den Protesten geändert?
Pessimistisch gesagt: nichts. Die Ausmaße der Demonstration haben alle überrascht, und vielleicht gibt es sie eines Tages wieder. Allerdings haben sie auch jetzt schon ihre Spuren hinterlassen, denn ich denke, dass sich die Regierung der Alltagsprobleme nun doch mehr annimmt, als zuvor. Bei den Wahlen im vergangenen Jahr haben viele Bürger ihre Stimme den Parteien gegeben, die einen wirtschaftlichen und gleichzeitig sozialen Schwerpunkt haben. Es ist ein kleiner, kleiner Schritt.

Sie zeigen eine Gesellschaft, die sehr kalt ist: Zum Beispiel mit einer Szene, in der das junge Mädchen entführt wird und sich keiner der Mitreisenden im Bus um sie kümmert.
Diese Szene haben wir übrigens vorher ohne Kamera in einem Bus geprobt. Denn ich wollte, dass alle spüren und erfahren, wie die Menschen um sie herum reagieren. Beim Schreiben habe ich mich gefragt: Kann das funktionieren? Wird wirklich niemand etwas unternehmen? Schließlich steigt dort ein junger Soldat in den Bus. Eine Person, zu der man aufsieht. Keiner würde sich vorstellen, dass er mit seinem Gewehr etwas anderes anstellen würde, als das Land zu beschützen. Und ich wollte eben zeigen, dass es eine gewisse Ignoranz unter den Menschen gibt. Aber das war noch ganz hypothetisch. Dass es dann bei den Proben wirklich so ablief, hat uns alle überrascht. Und es hat mich sehr deprimiert, denn ich dachte, die Menschen würden mehr auf ihr Gegenüber achten. Die israelische Gesellschaft verliert die Solidarität füreinander. Jeder schaut nur noch auf sich allein.

Woher kommt das?
Das hat verschiedene Ursachen: Die Situation im Land, an den Grenzen, in den Gebieten.

Ist das eine verlorene Generation?
Meine Generation ist irgendwie verloren. Denn wir tragen die soziale Situation und die politischen Umstände im Land als Last mit uns herum. Dabei wollen sich die Jugendlichen einfach nur ausleben. Aber wir werden sehr schnell erwachsen. Wir gehen früh zur Armee. In Israel heißt der Film »Ha Noar« – »die Jugend«, zu der man aufschaut. Unsere Zukunft. Aber diese Zukunft ist für mich verloren.

Mit dem Regisseur sprach Katrin Richter.

Seit dem 7. Oktober 2023 ist David Cunio, Eitans Zwillingssbruder, Geisel der Terrororganisation Hamas.

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  02.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  02.11.2026

Baustelle der Jüdischen Akademie an einer Straße in Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Jüdische Akademie öffnet in Frankfurt

Es soll ein Ort des Diskurses und der Begegnung sein: In Frankfurt wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet

 02.11.2026

Frankfurt

Eine Akademie für Deutschland

Heute wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  02.11.2026 Aktualisiert

Konferenz in Berlin

Wie die Schlagzeile das Israelbild formt

Bei einem Workshop an der Technischen Universität Berlin gingen Wissenschaftler und Journalisten der Frage nach, wie deutsche Medien über Israel berichten, welche Narrative dabei wirken und wo sich Fehler einschleichen

 01.11.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Der ungelesene Bücherstapel oder Die Bibliografie des idealen Menschen

von Nicole Dreyfus  01.11.2026

Eröffnung

Museum Zwangsarbeit zeigt Ausstellung zu »unerwünschten Kindern«

Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Regime waren verboten. Trotzdem gab es diese Kontakte ebenso wie Kinder aus diesen Beziehungen. Eine Ausstellung in Weimar widmet sich den Geschichten der betroffenen Eltern und Kindern

 30.10.2026

Literatur

»Empfänger unbekannt«: Wenn ein Freund zum Feind wird

Die judenfeindlichen Novemberpogrome von 1938 jähren sich zum 88. Mal. Anlass, die Geschichte »Empfänger unbekannt« aus demselben Jahr zur Hand zu nehmen. Darin schlägt ein Jude zurück, mit überraschenden Mitteln

von Leticia Witte  30.10.2026

München

Julia Klöckner: Verteidigung jüdischen Lebens Aufgabe für alle

Jüdische Kultur ist in Deutschland tief verwurzelt. Zum 40. Mal wollen die Kulturtage diesen Reichtum würdigen. Für die Bundestagspräsidentin ein Anlass zu Mahnung und Hoffnung

 30.10.2026