Kino

Letzte Ausfahrt Petach Tikva

Natural born losers: Yaki und Shaul (David und Eitan Cunio) Foto: pr

Die Zwillinge Shaul und Yaki (Eitan und David Cunio) wollen ihrer Familie aus der Patsche helfen. Der Vater (Moshe Ivgy) ist arbeitslos, die Mutter (Shirley Deshe) verdient ein bisschen Geld mit verschiedenen Aushilfsjobs. Aber ihr Einkommen reicht nicht, um die Kreditraten für die Eigentumswohnung in Petach Tikva, einer tristen Satellitenstadt bei Tel Aviv, zu bezahlen. Und so entwickeln die Brüder einen Plan.

Shaul verfolgt nach der Schule wie ein Stalker eine jüngere, hübsche Mitschülerin, Dafna Edelman (Gita Amely), die in einer wohlhabenden Wohngegend lebt. Heimlich fotografiert er sie mit seinem billigen Handy. Zum Schabbat kommt Yaki, der kürzlich eingezogen wurde, von der Armee auf Wochenendurlaub nach Hause – mit einem Sturmgewehr. Die Brüder entführen das junge Mädchen, wollen von ihrem, wie sie annehmen, reichen Vater ein hohes Lösegeld erpressen.

stümper Dabei gehen Shaul und Yaki allerdings höchst stümperhaft zu Werke. Mitten am Tag überfallen sie, mit Wollmützen nur unzureichend getarnt, die geschockte Dafna. Sie kleben ihr die Augen mit zwei Pflastern zu und stülpen ihr eine große Sonnenbrille auf. Yaki beschimpft sie unflätig als verwöhnte, reiche »Bitch« und droht immer wieder, sie mit seinem Armeegewehr zu erschießen, falls sie sich wehren sollte. Mangels Fluchtauto steigen die hochgradig nervösen Brüder mit ihrer Geisel in einen Bus und fahren zu dem schmucklosen Neubaublock, in dem sie leben. Dort verstauen sie Dafna gefesselt und geknebelt im Keller.

Die Freude über das vermeintliche Gelingen ihres Unternehmens feiern Shaul und Yaki mit Machoritualen. Sie stoßen sich vor die Brust, führen sich auf wie Actionhelden aus einem amerikanischen B-Movie. (In der deutschen Synchronfassung wirkt ihre Jugendsprache mit Vokabeln wie »krass« »Alter« und »Spast« allerdings deplaziert.) Dabei läuft der Plan von Anfang an schief. Die beiden Möchtegern-Kidnapper haben nicht bedacht, dass an Schabbat in Israel die Uhren anders ticken. Sie erreichen den Vater des Mädchen nicht mit ih rer Lösegeldforderung. Der ist fromm und geht nicht ans Telefon. Es springt immer nur der Anrufbeantworter an.

deklassiert Der ehemalige Filmkritiker Tom Shoval hat mit seinem Erstlingswerk Youth, einer israelisch-deutschen Koproduktion, die diese Woche in die deutschen Kinos kommt, ein verstörendes und originelles Coming-of-Age-Sozialdrama abgeliefert. Youth ist ein quasi dokumentarisch gedrehter, sehr spannender Film. Er zeigt eine gespaltene israelische Gesellschaft in der Wirtschaftskrise. Shaul, Yaki und ihre Eltern stehen für die deklassierte Arbeiterschicht, die Verlierer der israelischen Modernisierung.

Die Zwillingsbrüder sind alles andere als sympathisch, eher tragische Figuren, die versuchen, Vorbilder aus dem Kino nachzuahmen, und an der Realität des Alltagslebens scheitern. Dabei gelingt es dem Film überzeugend, die Perspektivlosigkeit dieser latent und offen aggressiven, großen unreifen Jungs aufzuzeigen, die noch lange keine jungen Erwachsenen sind. Eine Schwäche des Films ist dabei vielleicht, dass Regisseur Tom Shoval etwas zu einseitig nur aus der Sicht der beiden Täter erzählt. In den Hintergrund rückt dabei das Leiden der durchaus tapferen Geisel Dafna, die gefesselt und geknebelt im Keller liegt, während in der Wohnung oben die Zwillinge mit ihren Eltern die Heimkehr des Soldaten Yaki mit einem Festessen feiern.

Youth erlebte seine Weltpremiere vor einem Jahr auf der Berlinale und gewann beim Festival in Jerusalem 2013 den Hauptpreis als bester israelischer Film. Die Jury lobte in ihrer Begründung »die ungemein kraftvolle Arbeit, die einen als Betrachter fesselt und vor allem die schmerzhafte Einsamkeit ausdrückt, die weit über die Geschichte hinausgeht, die erzählt wird«. Treffender kann man dieses beklemmende Werk zwischen Tragikomik, Verzweiflung und bitterem Realismus nicht beschreiben.

Archäologie

Hoffnung auf Latrinen - Grabung legt mittelalterliche Keller frei

Die Funde auf dem Areal der zweiten Jüdischen Gemeinde informieren über das Leben im mittelalterliche Erfurt. Zugleich geben sie Einblicke in die Stadtplanung des 13. Jahrhunderts

von Matthias Thüsing  28.09.2026

Sachsen-Anhalt

Der 7. Oktober und die Folgen: Podiumsdiskussion in Halle

Vor drei Jahren überfielen islamistische Terroristen Israel und rissen damit Gaza in einen bis heute andauernden Krieg. Zeitgleich nahmen weltweit antisemitische Ausschreitungen zu. Diskutanten erörtern die Ursachen

 28.09.2026

Hard-Rock-Legenden

Kiss feiern 50 Jahre »Rock and Roll Over«

Eine umfangreiche Neuauflage des Albums kommt. Was ist enthalten?

 28.09.2026

Babyn Jar

Sie alle hatten einen Namen

In der Schlucht bei Kyjiw ermordeten deutsche Täter am 29. und 30. September 1941 innerhalb von zwei Tagen rund 34.000 Jüdinnen und Juden

von Andreas Albrecht  28.09.2026

Berlin

Verschollene Golem-Filmmusik feiert Berliner Erstaufführung

Der Komponist Hans Landsberger, ein späteres Holocaust-Opfer, hatte die sinfonische Begleitmusik für den Film geschrieben. Seine Komposition gilt als Meilenstein in der Entwicklung der Filmmusik

 28.09.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Wöchentliche Papierflut oder Die kleinen verkannten Kunstwerke

von Nicole Dreyfus  27.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  27.09.2026

Fernsehen

Adolf und seine »Akte«

Die fünfte Staffel von »Babylon Berlin« spielt 1933 zur Zeit von Hitlers Machtergreifung. Unterhaltung mit politischem Anspruch, aber stimmen die Fakten?

von Ayala Goldmann  27.09.2026

Meinung

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismusleugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  25.09.2026