Lebewohl

Mein lieber Ralle

Ralph Giordano 1923–2014 Foto: imago

Lebewohl

Mein lieber Ralle

Letzter Gruß an einen alten Freund: Die Hamburger Autorin Peggy Parnass verabschiedet sich von Ralph Giordano

von Peggy Parnass  15.12.2014 19:10 Uhr

Ich hätte Dir gewünscht, was wir Juden uns alle immer gegenseitig zum Geburtstag wünschen: bis zum 120.! Schmerzfrei, bei blühender Gesundheit, mit großer Freude am Leben.

Du warst bis zuletzt so wunderbar klar im Kopf, so kreativ, immer bereit, jedem, der Dich darum bat, einen Text von Dir neu zu schreiben. Nicht einen alten Text auskramen, den es schon gab, sondern wieder neue Reaktionen, die Dir und dem Auftraggeber wichtig waren.

Ich weiß, wie sehr Du am Leben hingst, wie wichtig Dir das Leben immer gewesen ist. Ich weiß aber auch, wie erschöpfst Du seit Deinem Sturz die ganze Zeit warst. Ich weiß auch, wie sehr Dich Deine Erschöpfung deprimierte, weil Dir das Reisen nicht nur schwer wurde, sondern sogar unmöglich. Ich weiß auch, wie wichtig Dir immer Freundschaft gewesen ist, und dass Du zum Glück auch Deinen Freunden immer wichtig bist und warst.

essen gehen Wir hatten früher erhebliche Auseinandersetzungen, Du und ich, weil wir vieles in der Welt unterschiedlich sahen. Ich nahm mir vor Jahren vor, im Interesse unserer Freundschaft, nie wieder irgendein politisches Thema mit Dir zu besprechen.

Was uns immer blieb und wo unsere Meinungen nicht auseinanderdrifteten, war die Verfolgung und alles, was damit zusammenhing und zusammenhängt. Was es auch immer weiter gab, hier, wo man gerne den Eindruck hatte oder machen will, es hätte sich alles wunderbar zum Guten geändert, sind die Drohanrufe und Drohbriefe, die Du immer wieder bekamst, die ich über 20 Jahre bekommen habe nach jeder Veröffentlichung meiner Gerichtsreportagen. Die eigentlich fast jeder von uns, also jeder Jude, nicht nur aufgrund des Jüdischseins, sondern aufgrund politischer Ansichten bekommen hat.

Mein lieber Ralle, unsere Freundschaft war mir sehr wichtig und wird mir auch wichtig bleiben. Jedes Mal, wenn Du in Hamburg warst, sind wir wunderbar essen gegangen in mein Lieblingslokal, das chinesische Pekingentenhaus; mal zu zweit oder zu dritt, zu viert oder zu fünft. Das war immer wunderbar. Ruhig, eine Oase. Friedlich, freundlich.

Ich habe so viel Schönes mit Dir erlebt. Die vielen Veranstaltungen, die wir gemeinsam besucht haben. Deine Besuche im Kibbuz bei meinem Bruder, der dort seit vielen Jahren lebt und dort auch seine drei Kinder bekommen hat, bei dem Du dann gewohnt hast, als Du für Dein Buch in Israel recherchiert hast. Auch da hatten wir Auseinandersetzungen. Weil ich alle zwei Jahre, die ich für sechs Wochen in Israel war, an Demonstrationen gegen die jeweilige Regierung teilnahm, immer für eine Aussöhnung und Frieden zwischen uns und den Palästinensern.

bertini-preis
Ach, ich hätte Dir so sehr gewünscht, weiter, länger, ohne Angst leben zu können. Deine Lebensgefährtin, die die letzten drei Wochen bei Dir in Köln war, ist seit heute zurück in Hamburg und kommt gleich zu mir. Du hinterlässt eine sehr große Lücke, bei vielen.

Ich war jedes Jahr von Anfang an bei der Bertini-Preisverleihung dabei. Dieser wunderbare Preis an wunderbare Jugendliche. Jugendliche, die Erstaunliches geleistet haben im Laufe eines Jahres, haben meine Depressionen wochenlang beseitigt. Danach bin ich optimistisch gestimmt, was Jugendliche anbelangt.

Dieser Preis, der auf die Idee eines Lehrers zurückgeht und hart erkämpft war, ist unendlich wichtig. Und ich freue mich, dass er auch weiterhin überreicht werden wird. Leider, leider ohne Dich. Ich habe gesehen, welchen Eindruck Du auf diese jungen Schüler machtest. Wie begeistert sie von Dir waren und Du von ihnen. Du hast zwar nie eigene Kinder gehabt, konntest aber offensichtlich mehr als gut mit Kindern umgehen. Ich wünschte, Du könntest noch lange, lange dabei sein und eine Inspiration sein.

Ralle, lieber Ralle, Du wirst mir sehr fehlen.

Peggy Parnass, 1934 in Hamburg geboren, überlebte die Schoa mit einem Kindertransport in Schweden. Ihre Eltern wurden in Treblinka ermordet. Nach Hamburg zurückgekehrt, arbeitete sie als Schauspielerin, Gerichtsreporterin und Buchautorin. Zuletzt erschien von ihr im September bei S. Fischer »Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete«.

Fußball

Makkabäer-Ehrenpreis für den »Freundeskreis Hersh Goldberg-Polin«

Die Fangruppe wird für ihre Haltung, Zivilcourage und ihr klares Werteverständnis gegen Antisemitismus geehrt

 16.01.2026

ESC 2026

Brugger und Schöneberger moderieren ESC-Vorentscheid mit neun Acts

Die ARD verspricht für den Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC) eine breite musikalische Palette. Das TV-Publikum kann am Ende der Show am 28. Februar zwischen drei Acts auswählen

 16.01.2026

Dessau-Roßlau

Buch zur jüdischen Geschichte Anhalts vorgestellt

Ein neues Buch informiert über jüdische Orte in Anhalt und soll zum Besuch anregen

 16.01.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  16.01.2026

Jerusalem

Rachel Goldberg-Polin veröffentlicht Memoiren

Die Mutter der getöteten Hamas-Geisel Hersh Goldberg-Polin: »Ich setzte mich hin, um meinen Schmerz aufzuschreiben, und heraus strömten Verlust, Leid, Liebe, Trauer, Hingabe, Kummer, Verehrung und Zerrissenheit«

 16.01.2026

Fernsehen

»Antisemitismus in Deutschland« im Ersten

Am 27. Januar, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, wird ein »ARD extra« zum Thema Judenhass ausgestrahlt. Am nächsten Tag erfolgt eine Übertragung der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag

 15.01.2026

Fernsehen

Dschungelcamp 2026: Gil Ofarim soll Rekord-Gage kassieren

Der 43-jährige Sänger bekommt laut »Schlager.de« für seine Teilnahme an der in Australien gedrehten Show mehr Geld als je ein Teilnehmer zuvor

 15.01.2026

Dresden

Berben: »Sprachlos darf man nur einen Moment sein«

Die Schauspielerin Iris Berben engagiert sich seit vielen Jahren für eine demokratische Gesellschaft. Beim Dresdner Semperopernball wird sie ausgezeichnet

 15.01.2026

Tel Aviv

TV-Koch in Israel: Kochen gibt in Kriegszeiten Halt

Ist es angemessen, in Kriegs- und Krisensituationen viel Zeit auf gutes Essen zu verwenden? Ja, sagt Tom Franz aus Israel. Gerade dann erfülle Kochen eine wichtige Funktion

 15.01.2026