100 Jahre Bauhaus

Mehr als eine Idee

Was bleibt von der Architekturschule? Israelische Studenten begeben sich in Dessau und Weimar auf Spurensuche

von Blanka Weber  07.07.2019 10:56 Uhr

Jüdische Architekten aus Deutschland brachten das Bauhaus nach Tel Aviv. Dort prägt es das Stadtbild noch heute.

Was bleibt von der Architekturschule? Israelische Studenten begeben sich in Dessau und Weimar auf Spurensuche

von Blanka Weber  07.07.2019 10:56 Uhr

Es ist ein sonniger Nachmittag, das Licht fällt durch die großen Fenster des Bauhausgebäudes in Dessau, es ist ein Spiel der Formen und Farben direkt vor dem Auge der Besucher. »Was uns hier fasziniert, ist der Umgang mit Farbe im Allgemeinen – wir kennen es meistens ja nur in Weiß«, sagt Sigal Davidi. Die Architektin und Wissenschaftlerin lehrt an der School of Architecture an der Tel Aviv University. Gemeinsam mit 15 Studierenden will sie in Dessau, Weimar und Berlin das Bauhaus erkunden. Ihr Ansatz: Wo waren die Wurzeln? Was ist erhalten geblieben? Und was hat heute noch die Kraft der Inspiration?

Davidi lacht bei dem Gedanken, dass man auch nur ansatzweise auf die Idee kommen könnte, diese frappierende Schlichtheit sei außer Mode. Im Gegenteil. Und so steigen die israelischen Architekturstudentinnen und -studenten treppauf und treppab, vorbei an grauen, gelben, roten und blau gestrichenen Wänden, an runden Kugellampen und typischen Türgriffen.

FORM »Achtet auf die Kontraste«, erklärt der Tourguide und sensibilisiert für die Farb‐ und Formensprache: Schwarz neben Weiß, rund neben eckig. Wer mit wachem Blick durch das Haupthaus der einstigen Schule wandelt, staunt manchmal über Heizkörper oben an der Wand, ist fasziniert von den mechanischen Fensteröffnern und begeistert von den klaren Linien.

Das Haus hat Walter Gropius 1926 geplant, als die Bauhäusler den Gründungsort Weimar verlassen mussten. Auch Frankfurt und Magdeburg hätten die Schule gerne aufgenommen, doch die Wahl fiel auf Dessau. Die Stadt finanzierte das neue Gebäude, einen mehrgeschossigen Komplex aus Glas und Beton.

Die Studenten entdecken
Ähnlichkeiten mit Tel Aviv
– bis auf die Farbe.

UFOS »Es ist beeindruckend«, sagt eine der israelischen Studentinnen. »Wir sehen hier alles im Original, was wir sonst nur von Bildern kennen.« Überhaupt habe dies so eine Ähnlichkeit mit manchen Gebäuden in Tel Aviv – bis auf die Farbe. Das Weiß fehle hier und die wärmende Sonne eben auch, scherzt Leanne. Sie könne noch nicht sagen, was sie am meisten in Dessau beeindruckt. »Einfach alles.«

Daran ändert sich auch eine Stunde später nichts, nachdem sie die Meisterhäuser ganz in der Nähe besichtigt hat. Frisch renoviert erstrahlen sie tatsächlich in Weiß und wirken wie fremde kleine Ufos in der Stadt, umsäumt von Nadelbäumen; eine Allee, in der solch berühmte Familien wohnten: Gropius, Schlemmer, Muche, Feininger, Klee und Kandinsky. Auch wenn manches Detail im Badezimmer heute eher ungewöhnlich erscheint, so haben diese Meisterhäuser doch etwas Einmaliges.

»Diese klaren Linien, diese klare Struktur, das gefällt mir alles sehr«, sagt Noah. »Es war immer unser Wunsch«, ergänzt Sigal Davidi, »diese Entdeckungsreise zu unternehmen. Wir haben jetzt viele Semester über alle Details gesprochen, über die Architekten, den Ursprung und das, was schließlich in Israel daraus wurde, zwar als Bauhaus bezeichnet wird und doch korrekt ›Neues Bauen‹ heißen muss.«

FREIZÜGIG Wer heute durch das Haupthaus in Dessau geht, darf staunen und alles fotografieren, nur nicht ganz so freizügig veröffentlichen. Lampen, Türklinken und viele Details unterliegen strengen Regularien der Rechteverwertung. Trotzdem entstehen an diesem Tag vermutlich hunderte Selfies der künftigen israelischen Architekten, eben weil genau diese Details so zeitlos schön und schick sind.

Auch Tomer gehört zu der Gruppe. Was ihm am meisten gefällt, kann er nicht sagen. Er möchte alles erst einmal auf sich wirken lassen. Denn eines wird klar: Die Großen seiner Branche haben hier an Glanz gewonnen. Hannes Meyer und Mies van der Rohe waren Direktoren, und eben auch jener Walter Gropius. Manch ein anderer lernte hier und kam später zu Ehren, so wie Arieh Sharon, der heute als einer der prägenden Architekten des Staates Israel gilt. In Dessau traf er in den 20er‐Jahren Gunta Stölzl, die einzige Bauhausmeisterin (Webwerkstatt). Beide heirateten und bekamen ihre Tochter Yael, die noch heute in Tel Aviv lebt. Es sind diese Geschichten, die eine Zeit begreifbar machen.

Am nächsten Tag schlendert Lapid mit ihrer Gruppe in Weimar durch das Nietzsche‐Archiv und das Haus Hohe Pappeln.

Das Bauhaus hatte seine Blütezeit in Dessau zwischen 1925 und 1932, es war eine Zeit, die eine neue Gesellschaft herbeisehnte, ein Zusammenspiel von Handwerk, Kunst und Design mit der Frage: Welche Lebenshülle braucht der Mensch? »Gewissermaßen eine dritte Haut«, erklärt der Guide. »Eine Schicht, die nach der Haut und nach der Kleidung kommt, etwas, das uns umgibt, umhüllt, beschützt, aber auch so sein lässt, wie wir sind und uns selbst darstellen wollen.«

FRAUEN Damals wie heute ging es um Identität, einen modernen Menschen und um das Abgrenzen vom Gestrigen. »Warum gibt es hier nirgendwo Bilder an den Wänden?«, lautet eine oft gestellte Frage, erzählt der Guide. Die Antwort gibt es im Arbeitszimmer von Gropius: Die Idee der Architekten war es, Möbel so praktisch und gleichermaßen ästhetisch zu formen, dass man keine zusätzliche Dekoration benötigte. Das Regal für leichtere Akten auf Gropius’ Schreibtisch scheint dies zu untermalen: ein schlichter Holzrahmen mit eingehängten Glasböden. »Es sieht alles aus, als wäre es von heute, wie ein aktuelles Design«, staunt Noah und macht noch ein Foto.

»Vielleicht ist es das, diese puristische Gesamtheit, die wir in Gedanken mitnehmen werden«, erklärt Tomer. Was er später bauen will, weiß er noch nicht. »Vermutlich etwas größere Gebäude, Dinge für den öffentlichen Raum. Wohnraum wohl eher nicht.« Zum ersten Mal ist er in Dessau und auf den Spuren des Bauhaues, so wie einige andere der Gruppe auch.

Osher Lapid, 25, schaut ernst in die Runde. Sie trägt die blonden Haare zum Dutt hochgesteckt, einen schwarzen langen Mantel, weite Hose und Rucksack. Der historische Ort beeindrucke sie, sagt sie, aber da sei noch etwas anderes, etwas, das mit ihrer Familie zu tun hat. Denn Deutschland kennt sie bereits von Reisen mit ihrer Großmutter. »Allerdings waren das immer Ausflüge zu weniger schönen Orten. Wir haben nämlich sämtliche ehemaligen KZs besucht.«

LAGER Einen Moment hält sie inne und erzählt, dass ihre Großmutter Schoa‐Überlebende ist. »Sie kam ursprünglich aus den Niederlanden, ging dann nach Israel, bekam fünf Kinder und hat elf Enkel. Es war ihre Art, das Leben weiterzuführen. Und sie wollte uns unbedingt von ihrer Vergangenheit erzählen. Deshalb ist sie mit uns verreist, um uns die ehemaligen Lager zu zeigen, die sie kannte.«

Osher Lapid will später auch als Architektin arbeiten, und es sei schön, »dass jetzt mein Studium der Anlass ist, hierher zu kommen. Vielleicht bin ich auch ein bisschen inspiriert durch meinen Großvater, der war nämlich Industriedesigner.« Was sie besonders fasziniert in der Geschichte der israelischen Architektur, ist der Blick auf die Frauen, die Großartiges leisteten. Namen wie Genia Averbuch, Judith Stolzer‐Segall, Elsa Gidoni‐Mandelstamm seien durchaus Vorbilder. »Sigal Davidi lehrt uns viel über diese Frauen«, sagt Osher.

Am nächsten Tag schlendert Lapid mit ihrer Gruppe in Weimar durch das Nietzsche‐Archiv und das Haus Hohe Pappeln, entworfen und bewohnt von Henry van de Velde. Es sind die Vorläufer und Ursprünge des Bauhauses, die die Gruppe später im Rahmen einer internationalen Konferenz an der Universität diskutieren wird.

ZUKUNFT Was denken junge Menschen heute über das Bauhaus? Was fasziniert sie? Osher Lapid zögert einen Moment und erinnert sich an die Eindrücke vom Vortag in Dessau. »Man kann das wirklich nicht genau sagen. Aber eines nehme ich mit: Die Künstler und Architekten haben alles zusammen, quasi aus einem Guss, gedacht und gemacht.« Da habe nicht jeder etwas alleine getan. »Nein, es kam alles aus einer Hand, hatte eine Linie und eine gemeinsame Idee – genau das würde ich gerne übernehmen. Wenn man ein Haus konstruiert, sollte alles zusammenpassen und so auch geplant sein bis hin zu den Möbeln, Lampen und zur Frage: Welche Farbe soll eigentlich meine Wand haben?«

Was aber wird tatsächlich von der Idee des Bauhauses in 20, 30, 40 oder 100 Jahren noch attraktiv sein? Was werden kommende Generationen sichtbar machen? Der Architekturhistoriker Ronny Schüler, der an der Bauhaus‐Universität in Weimar lehrt, sagt: »Wir müssen eine Stufe weitergehen, den nächsten Schritt nehmen.« Man lerne von den Bauhäuslern, wie damals Probleme gelöst wurden, welche Materialien, Kombinationen und Strukturen des Wohnens man für die Gesellschaft schuf. »Aber viel wichtiger ist die Frage: Wie sind wir in unserer eigenen Zeit innovativ?«

In einer Zeit, die Antworten finden muss auf Fragen der Energieressourcen, der Nachhaltigkeit und des Klimawandels. »Das Bauhaus ist eine Referenz, die sich auch mit der Frage der Demokratie beschäftigte. Ich denke, es ist wichtig, dass wir nicht nur über Style, Formen und Farben reden, sondern über den sozialen Anspruch und den entsprechenden Beitrag der Architektur.«

Sigal Davidi ergänzt: »Und vor allem müssen wir über Technologie nachdenken.« Der Umgang mit Daten in jeder Form wird nicht nur den Alltag der Architekten beeinflussen, sondern auch das Wohnen, die Bedürfnisse der Menschen nach Einfachheit und Struktur. Genau das will sie ihren Studenten vermitteln. Architektur ist mehr als nur schöne Form. Es geht um praktikable Lebensformen in einer Gesellschaft, aber auch um Aspekte wie Menschenrechte. Architektur sollte also durchaus politisch sein. Auch kritisch.

MARKETING »Wir alle werden gerade jetzt zum Bauhaus‐Jubiläum und vor allem in Israel mit einer unglaublichen Marketingmaschine konfrontiert«, sagt Ronny Schüler. »Genau deshalb widmen wir uns den historischen Hintergründen, um zu fragen: Was steckt dahinter? Was ist jenseits von heutigen Profitinteressen der ideelle, künstlerische Kern des Bauhauses?

Gegenwärtig wird mit dem Etikett viel Geld verdient, auch durch Gentrifizierungsprozesse in den Städten, mit der Verdrängung ärmerer Bevölkerungsschichten nach Luxussanierungen.« Jeder habe vielleicht, in Deutschland und Israel, einen anderen Blick auf die Moderne und die Wurzeln des Bauhauses. »Der Staat Israel und vor allem Tel Aviv ist errichtet worden auf den Ideen des Neuen Bauens, weil man diese aus Deutschland vertrieben hatte. Sie waren nicht deutsch genug. In Israel hat man diese Architektur genau deswegen gefeiert, weil sie weder national noch nationalistisch oder völkisch war.«

Beide sind sich sicher: Es wird künftig keinen einzelnen dominanten Stil geben.

Architektur, so die beiden Pädagogen, hat auch heute vor allem eine soziale, humane und auch politische Funktion. »Design hat Power in einer Gesellschaft, kann Dinge infrage stellen, verändern, Lebensbilder entwerfen, Neues schaffen«, meint Sigal Davidi, und Ronny Schüler ergänzt: »Es ist nicht das Ende der großen Narrative. Wir können die Wissenschaft ankurbeln, die Ideen nutzen, nicht als Rückblick, sondern als das, was unsere Kultur in aller Unterschiedlichkeit heute bietet. Sie verlangt neue Lösungen von uns.«

Beide sind sich sicher: Es wird künftig keinen einzelnen dominanten Stil geben. »Zukunft heißt Individualisierung, und genau das werden wir in der Architektur sehen können« – dann vielleicht auch erbaut von einer Person, die 2019, als man 100 Jahre Bauhaus feierte, auf den Spuren der Avantgarde in Dessau und Weimar war.

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