Wuligers Woche

»Manchmal verfluche ich die Kolumne«

Michael Wuliger Foto: Gregor Zielke

Herr Wuliger, wann haben Sie zuletzt gedacht: Das ist ein Thema, darüber muss ich schreiben!
Als der Berliner Regierende Bürgermeister Müller am 8. November erklärte: »In unserer Stadt ist kein Platz für Antisemiten und Antisemitinnen.« Gendergerechtigkeit auch für Judenhasser! Dummerweise war schon Redaktionsschluss.

Der Kolumnist Franz Josef Wagner hat das Schreiben einer Kolumne mal als Hassliebe bezeichnet. Mit Kolumne gehe es eigentlich nicht, ohne aber auch nicht. Wie ist das bei Ihnen?
Manchmal, wenn es Sonntagabend ist und ich immer noch kein Thema gefunden habe, über das ich schreiben kann, verfluche ich die Kolumne. Aber da gilt der Satz aus Der Pate: »Das ist das Geschäft, das wir uns selbst ausgesucht haben.«

Anders als Wagner haben Sie nicht den täglichen Druck. Wie entstehen Ihre Kolumnen? Wie muss man sich das vorstellen?
Ich versuche mir vorzustellen, worüber die Leute beim Kiddusch wohl reden. Und gebe dann meinen Senf dazu.

Welche Kolumne hat bisher am meisten Aufmerksamkeit hervorgerufen?
Die allererste. Da hatte die »taz« über Kontrollen potenzieller nordafrikanischer Sexualstraftäter am Kölner Hauptbahnhof berichtet und von »Selektion« geschrieben. Das habe ich aufgegriffen, und die »taz« hat, zu ihrer großen Ehre, ihre Wortwahl in einem Artikel selbstkritisch reflektiert.

Was war die bisher schönste Reaktion auf eine Ihrer Kolumnen?
Wenn Leser auf Facebook schreiben: »Genau das habe ich auch gedacht!«

Welche Reaktion hat Sie am meisten geärgert?
Wenn Leser in Kommentaren ihre eigene krude Sicht der Dinge vermeintlich bestätigt sehen.

Bei welcher Kolumne haben Sie rückblickend betrachtet daneben gegriffen?
Bisher ist das noch nicht wirklich passiert. Toi toi toi!

Hat sich Ihr Blick auf die Welt durch die Kolumne verändert?
Offen gesagt, ja. Wenn man sich jede Woche mit diversen Dummheiten befasst, leidet gelegentlich der Glaube an die menschliche Vernunft.

Unser Selbstverständnis als Journalist ist: Schreiben, was ist! Gibt es trotzdem ein Thema, über das Sie nicht schreiben?
Öffentlich kritisiert werden darf alles, was öffentlich geäußert wurde. Private Fehlleistungen sind tabu.

Sie haben mehr als 20 Jahre lang für diese Zeitung als Feuilletonredakteur gearbeitet. Inwiefern unterscheidet sich Ihre Arbeit als Kolumnist von der Arbeit in der Redaktion?
Keine Schnellschüsse. Ich habe den Luxus, über das, was ich schreibe, lange nachdenken und an den Texten akribisch feilen zu können.

Jakob Augstein gehört zu den meistgenannten Personen in Ihren Kolumnen. Warum?
In rund 100 Kolumnen ist er nach meiner Zählung viermal vorgekommen. Ist das viel?

Hat sich Augstein schon einmal bei Ihnen gemeldet?
Einmal hat er sich auf Twitter empört gezeigt, nachdem ich kritisiert hatte, dass er ausgerechnet einen antisemitischen Klassiker als Kronzeugen für einen Friedensappell zitiert hatte. Was ihm weitere Kritik dort eingetragen hat: Streisand-Effekt. Und einmal hat er dem Chefredakteur einen Brief geschrieben und sich über vier ironische Sätze zu seiner Person beschwert.

Haben Sie geantwortet?
Ich beantworte nie Post, die an andere Leute gerichtet ist. Das gehört sich nicht.

Man sagt, Sie und Augstein teilen dasselbe Stammcafé in Charlottenburg …
Ja, das stimmt. Aber auch mit Shimon Stein, dem ehemaligen israelischen Botschafter, und Michael Blumenthal, dem Ex-US-Finanzminister und Gründungsdirektor des Jüdischen Museums. Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli saß neulich auch dort und bearbeitete Akten. Ich bewege mich in bester Gesellschaft.

Armin Langer gehört ebenfalls zu den Personen, die gelegentlich in Ihren Kolumnen auftauchen. Weshalb?
Armin Langer sucht die Öffentlichkeit. Bitte sehr, kann er haben.

Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist relativ klein. Zum Markenkern Ihrer Kolumne gehört, dass Sie auch den Irrsinn von anderen Juden aufspießen. Konflikte sind da vorprogrammiert …
Berlin ist groß, man kann sich dort wunderbar aus dem Weg gehen.

Sie sind Jahrgang 1951 und haben die linke Studentenbewegung aktiv miterlebt. Was würde der Michael Wuliger von damals über den Michael Wuliger von heute denken? Und umgekehrt?
Immer wenn ich Jüngere kritisiere, rufe ich mir in Erinnerung, dass ich in dem Alter oft noch viel größeren Unsinn erzählt habe. Das wächst sich in den meisten Fällen aus.

Letzte Frage: Ein anderer Kolumnist hat einmal gesagt, dass man irgendwann einen Tunnelblick entwickelt und die Welt nur noch nach Glatzen durchsucht, auf denen man eine Locke drehen kann. Wie ist das bei Ihnen?
Das kann in der Tat riskant werden. Vor allem, wenn die Leser nicht mehr nachvollziehen können, was an dem gewählten Thema so interessant sein soll. Spätestens dann sollte man mit dem Kolumnenschreiben aufhören.

Das Interview führte Philipp Peyman Engel.

Sehen!

»Doitscha – Alles geht vorüber«

Die Tragikomödie »Doitscha – Alles geht vorüber« in der ARD beruht auf einem Buch von Adriana Altaras

von Pascal Beck  04.11.2026

Fernsehen

»Doitscha« erzählt vom Leben deutscher Juden nach dem 7. Oktober

Im Mittelpunkt der pointierten Tragikomödie steht eine Familie, in der unterschiedliche Identitäten, Ängste und Lebensentwürfe aufeinanderprallen

 04.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über diesen modernen Minnesänger

von Jan Lehr  04.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  04.11.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 4. November bis zum 12. November

 04.11.2026

Sachbuch

Der Kampf jüdischer Gemeinden für den Synagogen-Aufbau nach dem Krieg

Durch die Nationalsozialisten zerstört, wollten jüdische Gemeinden viele Synagogen in Deutschland nach dem Krieg wieder aufbauen. Doch sie hatten mit Widerständen zu kämpfen - und mit Parkplätzen und Einkaufszentren

von Thomas Klatt  04.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  04.11.2026

Frankfurt am Main

Rote und blaue Fäden

Mit der Installation »A Sky Full of Hope« will die Künstlerin Janet Echelman globale Vernetzung sichtbar machen – und eckt in der Stadt damit an

von Eugen El  03.11.2026

Frankfurt

Jüdische Akademie soll »Haus der Zukunft« sein

In der ersten Diskussionsrunde der neuen Jüdischen Akademie in Frankfurt stieß ein Wunsch angesichts von Antisemitismus und innerjüdischer Differenzen auf große Zustimmung: Die Akademie soll ein »Haus der Zukunft« sein

 03.11.2026