Interview

»Manchmal ist Deutsch einfach kürzer«

»Man kann das Fügung nennen, aber ich bekomme fast immer Bücher angeboten, die ich mag«: Ruth Achlama in ihrer Wohnung in Tel Aviv Foto: picture alliance/dpa

Frau Achlama, haben Sie ein hebräisches Lieblingswort?
»Schalom«. Auch wenn es heute vielleicht ein bisschen aus der Mode gekommen ist.

Was verbinden Sie damit?
Alles Schöne: Guten Tag, Segen, viele Poster, das Friedenslied »Schir haSchalom«.

Warum ist das Wort aus der Mode gekommen?
Früher wurde »Schalom« immer ganz großgeschrieben. Heute kommt es ja kaum mehr vor, weil die meisten nicht mehr so richtig an einen Friedensschluss mit den Palästinensern glauben. Bei dem Lied »Schir haSchalom« hat man schon fast nostalgische Gefühle. Der Frieden hat nicht gerade Konjunktur, wenn man allein an die Ukraine denkt.

Sie sollen im Ulpan beschlossen haben, Übersetzerin zu werden.
Ach, eigentlich wollte ich das schon in der Schule. Ich hatte das Gefühl, dass das Übersetzen etwas ist, was ich vielleicht könnte – und was mir Spaß machen würde. Als Schülerin fand ich die Vorstellung, einen Beruf machen zu müssen, der einem nicht gefällt, schrecklich. Ich wollte immer übersetzen.

War Ihnen gleich klar, dass es Hebräisch sein wird?
Nein, ich war zu einem Austausch in Amerika, mein Englisch war damals fließend. Ich hatte für kurze Zeit den Plan, auf das Dolmetscherinstitut in Heidelberg zu gehen, anstelle Jura zu studieren. Aber ich war mir ziemlich sicher, dass ich nicht mündlich, sondern nur schriftlich übersetzen kann. Außerdem wusste ich auch nicht, welche zweite Sprache ich hätte wählen sollen. Dass es dann viel später Hebräisch wurde, das war ein Glücksfall, denn die Verbindung Israel und Deutschland lag und liegt mir sehr am Herzen.

Wie erinnern Sie sich an Ihren ersten Israelbesuch?
Das war im Sommer 1969. Ich war als Touristin hier und als Freiwillige im Kibbuz. 1971 war ich dann noch ein halbes Jahr als Referendarin bei einem Rechtsanwalt in Tel Aviv und belegte einen Abend-Ulpan. Ich habe in Tel Aviv gelebt und bin 1974 dann richtig eingewandert. Ich war ein Jahr zuvor noch am Hebrew Union College in Cincinnati und hatte vorher schon ein Lehrbuch, das »Elef Milim« (»1000 Worte«) hieß. Im College dann hatte ich Kurse zu biblischem Hebräisch und Mischna-Hebräisch. Damals konnte ich mehr hebräische Grammatik als heute. Ich kam also nicht ganz ohne Sprachkenntnisse ins Land. Mein Mann hatte zwei Jahre in Deutschland gelebt, und als ich mit ihm ankam, war ich plötzlich in einer Gesellschaft gelandet, die nur Hebräisch sprach. An manchen Abenden hat sich vielleicht jemand für ein paar Minuten neben mich gesetzt und sich auf Englisch mit mir unterhalten, aber ansonsten habe ich zugehört.

Wie haben Sie sich als Paar untereinander unterhalten?
Anfangs auf Englisch, aber wir sagten dann, dass das Blödsinn sei. Also fiel die Entscheidung auf Hebräisch, notfalls mit Deutsch. Und nur, wenn das gar nicht ging, dann Englisch. So habe ich verhältnismäßig schnell Hebräisch gelernt.

Das erfordert eine Menge Disziplin. Viele Paare bleiben dann beim Englischen.
Ich dachte, wenn ich hier lebe, muss es so sein. Ich hatte inzwischen auch einen etwas fortgeschrittenen Ulpan nach der Alija besucht. Dort sollte zum Schluss jeder einen Bewerbungsbrief schreiben, und ich habe geschrieben: Ich möchte gern hebräische Bücher ins Deutsche übersetzen – am liebsten Amos Oz. Damals wollte natürlich jeder Amos Oz übersetzen. Nun hätte die Lehrerin sagen können: Du bist ja verrückt, fang mal mit Gebrauchsanweisungen oder Geschäftsbriefen an. Aber sie hat mich ermuntert, und zehn Jahre später hatte ich den ersten Auftrag für Amos Oz.

Vom Ulpan bis zu Amos Oz. Sie haben Abraham B. Jehoschua, Tom Segev, Yoram Kaniuk oder Ayelet Gundar-Goshen übersetzt. Ohne Sie wäre den Deutschen die hebräische Literatur verschlossen geblieben. Ist Ihnen das manchmal bewusst?
Das wird ja viel gesagt, aber mein Glück war, dass ich in eine Lücke hineinrutschen konnte. Mein früherer Kollege, der inzwischen emeritierte Literaturprofessor Jakob Hessing, hatte damals schon hervorragende Übersetzungen gemacht. Er wollte aber aufhören. Zu dem Zeitpunkt gab es außerdem noch die alten Jeckes in Israel, die auch auf diesem Gebiet sehr engagiert waren. Aber die Verlage meinten, dass ihr schönes, aus den 30er-Jahren stammendes Deutsch nicht mehr zeitgemäß war. Zum Teil hat man auch versucht, von einer Übersetzung zu übersetzen, was natürlich eine Katastrophe ist, besonders wenn es sich um Belletristik handelt. Man sagt nicht umsonst, dass die Übersetzung ein Kuss durch einen Schleier ist. Eine Übersetzung einer Übersetzung ist demzufolge ein Kuss durch eine Decke. So hatte ich gute Anfangschancen, denn die Verlage suchten damals gerade Leute für hebräische Literatur. Ich habe im Job gelernt. Und die Zusammenarbeit mit den Lektoren war immer gut.

Wie müssen wir uns das vorstellen: Sie bekommen einen Auftrag, dann das Buch. Fangen vorne an und hören bei der letzten Seite auf? Wie sieht Ruth Achlama aus, wenn sie übersetzt?
Man kann das Fügung nennen, aber ich bekomme fast immer Bücher angeboten, die ich mag. Ich mag die hebräische Literatur. Es genügt mir, die ersten paar Sätze zu lesen – früher habe ich immer ein paar Seiten gelesen –, um zu sehen, ob der Text in mir auf Deutsch widerklingt. Es gibt natürlich Schriftsteller, die liegen einem mehr, andere weniger. Das hat mit der Qualität nichts zu tun. Es geht allein um die Sprache an sich. Zum Glück bin ich zurzeit wieder im Voraus ausgebucht. Das ist ein gutes Gefühl. Manche Verlage wollen erst ein Gutachten haben, dafür lese ich das Buch vorher komplett. Dann ist die Handlung bei der Übersetzung zwar nicht mehr so spannend, aber ich freue mich schon auf die schönsten Stellen. Ich mache eine schnelle Übersetzung, ein Gerüst, und dann kommt die Feinarbeit. Hebräisch ist sehr gefährlich, denn wenn man nur einen Buchstaben falsch liest, kann das in eine ganz andere Richtung gehen.

Wie ist das beim Deutschen?
Im Deutschen mit den doch längeren Wörtern ist das weniger gefährlich. Obwohl es auch originell ist, dass das Deutsche manchmal knapp sein kann. Das hat der Dichter Asher Reich mir einmal gesagt: Im Deutschen gibt es wahnsinnig viele Wörter, die nur eine Silbe haben. Dann habe ich darauf geachtet und festgestellt: Er hatte recht. Manchmal ist Deutsch einfach kürzer.

Arbeiten Sie lieber tagsüber oder eher nachts?
Nein, nachts könnte ich nicht arbeiten. Außerdem will ich ja auch meinen Spaß haben. Ich arbeite tagsüber. Eines der schönen Dinge an meinem Beruf ist, dass man sich einteilen kann, wann man arbeitet. Natürlich muss die Arbeit getan werden, aber ich muss niemanden fragen, wenn ich eine Pause machen will. Wenn der Abgabetermin knapper berechnet ist, muss ich mehr Disziplin aufbringen. Aber abends zu arbeiten – dann könnte ich auch nicht einschlafen. Manchmal kommt das passende Wort gerade ganz zufällig, wenn ich aufstehe und zur Waschmaschine oder in die Küche gehe. Die Entspannung macht’s.

Ist es in Ihrem Büro eher spartanisch leer oder voll?
Ich bin in keiner Weise spartanisch. Wir haben im Zentrum von Tel Aviv eine Dreieinhalbzimmerwohnung. Das halbe Zimmer ist mein Arbeitszimmer. Wir ertrinken in Büchern, weil wir beide – mein Mann und ich – Bücher schrecklich gernhaben und vollständig unfähig sind, ein Buch wegzugeben. Aber wir machen uns gegenseitig auch keine Vorwürfe, wieso denn schon wieder neue Bücher hinzugekommen sind. Ich habe auch immer noch meine alten Wörterbücher, die ich nicht mehr so oft benutze. Aber ich liebe dieses Zimmer, denn ich muss ein Fenster vor mir haben. Mein Computer steht unter dem Fenster, und obwohl es das einzige Fenster in der Wohnung ist, das nicht nach vorn gerichtet ist, sondern auf das gegenüberliegende Haus, ist das ein schöner Anblick für mich.

Sie haben gerade Ihre alten Wörterbücher erwähnt. Ist Übersetzungssoftware eigentlich gefährlich für Übersetzer?
Ich glaube, noch nicht. Ich nutze – Gott bewahre – nicht Google Translate, aber ich suche bei Wikipedia sehr oft nach Begriffen. Früher musste man da umständlich nachsehen. Als Übersetzer ist man schließlich nicht so universal gebildet, dass man alles wissen kann. Ich weiß, dass Wikipedia Fehler hat, aber früher musste man auch beim Gedruckten prüfen. Wenn zwei Menschen keine gemeinsame Sprache haben, scheint mir Google Translate passend zu sein, aber bisher müssen Übersetzer davor keine Angst haben. Und oftmals ist es auch schlicht falsch.

Wie verfolgen Sie Debatten, wie beispielsweise jene um die Übersetzung der Lyrik von Amanda Gorman?
Nun, ich übersetze keine Lyrik, aber ich finde es sehr sonderbar, denn dann sind wir mit dem ganzen Kulturaustausch am Ende. Wenn ausschließlich Schwarze Othello spielen dürfen – für mich ist es auch okay, wenn ein Schwarzer den Siegfried spielt. Oder auch die Debatte um die Rastazöpfe. Andererseits komme ich als Deutschstämmige nicht aus einem Land, das unter Kolonialismus hat leiden müssen. Also: Man muss da vorsichtig sein, bevor man Urteile fällt. Ich bin für das Gendern in der Sprache, aber nicht zu übertrieben. Irgendwann wird sich das auf einem normalen Niveau einpendeln.

Wie ist die Situation von weiblichen Übersetzern?
Wir sind ja nur ein winziger Haufen von namhaften hebräischen Übersetzern – ein paar Frauen und ein Mann. Und da wir mit dieser eher seltenen Sprache arbeiten, sind wir nicht ganz so unterbezahlt wie Übersetzer aus dem Englischen.

Was würden Sie jungen Kollegen raten?
Der Trick ist, den ersten Auftrag zu finden. Man muss netzwerken, was das Zeug hält. Falls einem ein Gutachten angeboten wird, kann man zu Anfang gern eine Seite übersetzen. Dann sieht man im Verlag schon einmal die Qualität der Arbeit.

Wir haben das Gespräch mit Ihrem Lieblingswort im Hebräischen angefangen. Haben Sie auch ein deutsches Lieblingswort?
Freundschaft.

Mit der Übersetzerin sprach Katrin Richter.

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